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Panorama

50 Jahre Pirelli-Kalender

Durch die Zeit mit... Reifen-Frauen

Kleine Auflage, große Fotografen, halbnackte Frauen: Seit mehr als 50 Jahren ist der Pirelli-Kalender heiß begehrt und nur für VIPs erhältlich. Nun erscheint ein Buch mit allen Motiven - und sorgt für erstaunliche Einsichten.

Dal Calendario PIRELLI, 1984 di Uwe Ommer
Von
Dienstag, 14.07.2015   15:41 Uhr

Der erste Versuch scheiterte. Anfang der Sechzigerjahre wollte der italienische Reifenhersteller Pirelli zu Werbezwecken einen Kalender entwickeln. Das Konzept des Fotografen Terence Donovan: Bilder von Models aus den zwölf Weltregionen, in die Pirelli exportierte, arrangiert mit den jeweils meistverkauften Produkten. Der Kalender sollte 1963 erscheinen, wurde aber nicht veröffentlicht.

Auch diese Bilder kann man nun in einem Buch bestaunen, das alle Fotos aus mehr als 50 Jahren Pirelli-Kalender-Geschichte versammelt. Die schönen Frauen wirken allerdings ein wenig verloren vor den Gokarts, Rollern und Landmaschinen. Gerade, weil man inzwischen mit den begehrten Kalendern etwas vollkommen anderes verbindet.

Der Mythos, wie wir ihn kennen, wurde erst ein Jahr später geboren: Fotograf Robert Freeman verzichtete einfach auf jeglichen Produktbezug. Er reiste mit zwei Models, darunter seine Frau, nach Mallorca und setzte auf klassische Pin-up-Motive, wie man sie sich leicht - wenn auch in deutlich minderer Qualität - als Schmuck an Autowerkstattwänden vorstellen könnte: Frau in weißem Bikini am Strand oder Frau mit treuherzigem Blick, eine Hand in der weit geöffneten Jeansbluse.

Bonusmaterial im Bildband

Doch auch diese Hüllen fielen rasch. Längst ist der Kalender zu einem Sinnbild für erotische Fotografie geworden - und ein glänzendes Marketinginstrument. Spätestens seit in den Neunzigern Glamour Einzug hielt: Supermodels wie Gisele Bündchen, Naomi Campbell, Laetitia Casta, Cindy Crawford, Heidi Klum und Kate Moss posierten für Starfotografen wie Annie Leibovitz, Peter Lindbergh und Mario Testino.

Seine Aura bezog der Pirelli-Kalender auch daraus, dass ihn jeder wollte, aber nur wenige bekamen. Diese speziellen vier Jahreszeiten waren besonderen Geschäftspartnern, treuen Kunden der Firma und VIPs vorbehalten.

Nun gibt der Taschen-Verlag einen 576 Seiten starken Bildband heraus - mit Nachdrucken sämtlicher Kalenderblätter, dazu Bonusmaterial wie bisher nicht gezeigte Aufnahmen, die während der Fotoshootings entstanden, den unveröffentlichten Kalender von 1963 und Bilder, die nicht in den Kalendern auftauchten, weil sie damals zu gewagt anmuteten.

Fotografische Zeitreise

Der Band "Pirelli - Der Kalender. 50 Jahre und mehr" wird so zu einer Zeitreise durch Epochen, Moden und Entwicklungen in der Fotografie. Zugegeben: Viele der Fotos sind so, wie man es sich vorstellt. Erotische Fotografie nach Schema F - Strand, mehr oder vorzugsweise weniger bekleidete Frauen. Dennoch ist der Band ein Glücksfall. Denn einige Jahre bestechen durch Ästhetik oder kluge Konzepte.

Als 1972 etwa erstmals eine Frau hinter der Kamera stand, ergaben die Aufnahmen ein spannendes Vexierspiel aus Verhüllung und Nacktheit, Erotik und Züchtigkeit, Banalität und Schlüssellochblick. Die Französin Sarah Moon inszenierte die Models als Frauen in Kleidern und Negligés der Belle Époque - und schien in weichgezeichneten Bildern den Alltag in einem Hurenhaus der Jahrhundertwende zu dokumentieren. Ein gewagtes Statement für den erotischen Kalender eines großen Unternehmens.

Auch männliche Fotografen sorgten für erstaunliche Ausgaben: Der US-Fotograf Bruce Weber etwa setzte 1998 erstmals auch Männer in Szene - auf der Rückseite des Kalenders. Sah man vorne Berühmtheiten wie die Schauspielerinnen Mila Jovovich, Patricia Arquette und das Supermodel Eva Herzigová, hatten sich auf die Rückseiten etwa der U2-Sänger Bono, der Zehnkampf-Olympiasieger Dan O'Brien oder der Schauspieler John Malkovich geschlichen. Das Motto: "Frauen, für die Männer leben - Männer, für die Frauen leben."

Der Kriegsreporter Steve McCurry machte 2013 aus dem Pirelli-Kalender eine Liebeserklärung an Rio. Unter dräuenden Wolken wirkte die brasilianische Metropole dunkel und geheimnisvoll. Die Models posierten vor Graffiti oder im Boxring, Leuchtreklamen reflektieren auf regennassen Autokarosserien. Halbnackte Frauen suchte man in diesem Jahr vergebens. Dennoch: Die Stadt und die Frauen gehen eine Verbindung ein, die gleichermaßen gefährlich und anziehend erscheint.

Dagegen wirken die Fotos des Jahres 1984 fast schon unfreiwillig komisch: Sie zeigen nackte Frauen mit den Spuren von Autoreifen auf den Popos.

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