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Panorama

Abschiedsbrief einer Todkranken

"Man kann sich leicht in ihn verlieben"

Eine todkranke Amerikanerin hat sich auf besondere Weise von ihrem Mann verabschiedet. In einer Kontaktanzeige wirbt die Schriftstellerin für ihn und schafft Platz für sein Leben mit einer anderen Frau.

Getty Images

Herz aus zwei Händen

Samstag, 04.03.2017   13:06 Uhr

Amy Krouse Rosenthal wird bald sterben. Die Schriftstellerin aus den USA hat Eierstockkrebs. Bei ihrem Mann hat sie sich jetzt mit einer ungewöhnlichen Geste verabschiedet. In einem Brief sucht sie eine neue Frau für ihn.

"Ich habe seit einiger Zeit versucht, das hier aufzuschreiben, aber das Morphium und der Mangel an saftigen Cheeseburgern rauben mir die Energie", schreibt Rosenthal in der "New York Times". Allmählich laufe ihr allerdings die Zeit davon. "Ich muss das hier sagen, solange ich deine Aufmerksamkeit habe und einen Puls."

Nach der Krebsdiagnose im September 2015 beschloss Rosenthal nur noch im Hier und Jetzt zu leben. Eine Sache will sie aber doch noch klären: "Was die Zukunft betrifft, erlauben Sie mir, Ihnen Jason Brian Rosenthal vorzustellen." 26 Jahre war Amy Rosenthal mit Jason verheiratet und würde es laut dem Brief gern weitere 26 Jahre bleiben. Wenn sie nicht sterben müsste. Es folgt eine herzergreifende Liebeserklärung.

"Er kann einen Pfannkuchen wenden"

Ihr Mann sei fünf Fuß zehn (1,78 Meter) groß, wiege 160 Pfund, habe graumeliertes Haar und nussbraune Augen. Soviel zu den wichtigsten Eckdaten. "Man kann sich leicht in ihn verlieben", schreibt Amy Rosenthal. Sie habe es innerhalb eines Tages getan. Am Ende ihres ersten Dates habe sie gewusst, dass sie Jason heiraten wolle. Er habe ein Jahr später von ihren Plänen erfahren.

"Das hier beschreibt, was Jason für ein Typ Mann ist", schreibt die Autorin. Zur ersten Ultraschalluntersuchung ihrer Schwangerschaft sei er mit einem Strauß Blumen gekommen. Kleine Aufmerksamkeiten sind bis heute fester Bestandteil ihrer Beziehung. "Er überrascht mich jeden Sonntagmorgen, indem er lustige Smileys neben der Kaffeekanne drapiert." Dazu dienten ihm Löffel, Tassen oder auch mal eine Banane.

Rosenthal schwärmt von den Kochkünsten ihres Gatten. Erzählt, wie er mit Einkaufstaschen voller frischer Zutaten das Haus betritt und sie mit Oliven und leckerem Käse lockt. "Er ist einfühlend - und er kann einen Pfannkuchen wenden."

Sie schwärmt von seinem Kleidungsstil - und seinen Eigenheiten. Wer Jason kenne oder einfach nur auf die Lücke zwischen seinen Hosenbeinen und Schuhen blicke, wisse, dass er auf verrückte Socken steht. Es sind diese alltäglichen Geschichten, die die Annonce besonders machen. Und ihr trauriges Ende.

Platz für Neues

Ihr Mann möge kleine Dinge, schreibt Amy und zählt auf: "Probierlöffel, kleine Gefäße, eine Mini-Skulptur von einem Paar, das auf einer Parkbank sitzt und das er mir zeigte, um mich an den Anfang unserer Familie zu erinnern." Jason sei der Typ Mann, der vom Supermarkt komme und sage "Gib mir deine Hand" und schon erscheine ein farbenfroher Kaugummiball.

"Ich will mehr Zeit mit Jason. Ich will mehr Zeit mit meinen Kindern. Ich will mehr Zeit, um donnerstagabends im Green Mill Jazz Club Martinis zu schlürfen", schreibt Rosenthal am Ende ihres Textes. "Aber das wird nicht passieren." Darum hoffe sie, dass die richtige Person den Artikel liest und Jason findet.

"Ich lasse absichtlich etwas leeren Raum unter dem Text. Er ist ein Weg, euch beiden den Neustart zu ermöglichen, den ihr verdient." Es folgt ein großes Stück Weißraum und dann ein Abschiedsgruß. "With all my love, Amy."

jme

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