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Panorama

Lubitz' Vater bestreitet Suizidabsicht

Affront zum Jahrestag des Germanwings-Absturzes

Am Jahrestag des Germanwings-Absturzes will der Vater von Co-Pilot Andreas Lubitz erstmals ein Gutachten vorstellen, das seinen Sohn von Suizidabsichten freisprechen soll. Die Angehörigen der Opfer fühlen sich provoziert.

DPA

Gedenkstätte für die Opfer

Von
Montag, 20.03.2017   18:57 Uhr

Es ist ein brisanter Zeitpunkt, den der Vater des Germanwings-Co-Piloten Andreas Lubitz für seinen ersten öffentlichen Auftritt ausgewählt hat: Freitag um 10.30 Uhr will er sich in einem Konferenzsaal des Berliner Maritim-Hotels den Medien stellen. Elf Minuten danach jährt sich zum zweiten Mal der Absturz von Flug 4U9525: Um 10.41 Uhr bohrte sich am 24. März 2015 der Airbus A320 in eine Felswand in den französischen Alpen. Am Steuer befand sich der Sohn von Günter Lubitz, in selbstmörderischer Absicht. So sehen es Unfallermittler und die Justiz. Doch Familie Lubitz glaubt das nicht.

Lubitz riss 149 Menschen mit in den Tod. Für deren Hinterbliebene ist die Pressekonferenz ein Affront. Fast alle trauern dann in einem Gemeindehaus nahe dem Absturzort. Zwei Familien aus Haltern, die ihre Kinder verloren haben, wollen sogar genau an dem Ort sein, wo Flug 4U9525 sein Ende nahm. "Wir können uns nicht erklären, warum Günter Lubitz ausgerechnet diesen Zeitpunkt für seinen Auftritt gewählt hat", sagt Elmar Giemulla, einer der Anwälte der Hinterbliebenen dem SPIEGEL. "Meine Mandanten werden das zu Recht als eine Provokation verstehen."

Vater ließ Gutachten erstellen

Die Rundmail mit der Einladung von Günter Lubitz ging heute Vormittag an ausgewählte Journalisten und Redaktionen. Lubitz zweifelt darin die offizielle Hypothese zum Absturz in den Alpen an: "Bis heute wird an der Annahme des dauerdepressiven Co-Piloten, der vorsätzlich und geplant in suizidaler Absicht das Flugzeug in den Berg gesteuert haben soll, festgehalten", schreibt der Familienvater aus Montabaur im Westerwald, wo Lubitz aufwuchs. Sein Vater behauptet: "Wir sind der festen Überzeugung, dass dies so nicht richtig ist."

Bei der Argumentation ließ sich Lubitz vom Luftfahrt-Journalisten Tim van Beveren unterstützen, der selbst über eine Pilotenlizenz verfügt. Der Berliner hat ein Gutachten erstellt, in dem er die 17.000 Seiten umfassenden Ermittlungsakten ausgewertet, eigene Recherchen angestellt hat und "vernachlässigten Aspekten" nachgegangen ist, wie es in der Ankündigung heißt.

Van Beveren behauptet, die Staatsanwaltschaft Düsseldorf sei von der These abgerückt, der 25-jährige Co-Pilot sei depressiv gewesen. Die Staatsanwaltschaft in Düsseldorf hatte vor einigen Wochen in der Tat das Ermittlungsverfahren eingestellt.

Störung der Gedenkzeremonie

Darin ging es allerdings nur um die Frage, ob die behandelnden Ärzte oder die Germanwings-Muttergesellschaft Lufthansa mit ihrem Flugmedizinerteam hätten wissen können, dass Lubitz suizidgefährdet gewesen sei. Dies verneinte der leitende Staatsanwalt Christoph Kumpa. Auch einen neuerlichen Beweisantrag, eingereicht durch die Angehörigen im Herbst 2016, lehnte Kumpa ab. Dabei stützt er sich auf die sichergestellten medizinischen Akten. Von der Schuld des Co-Piloten ist die Staatsanwaltschaft aber nach wie vor überzeugt.

Bei Lufthansa stößt Günter Lubitz' Ankündigung auf Ablehnung. Das Unternehmen hat alle Angehörigen an den Absturzort eingeladen und fliegt sie dort auf ihre Kosten ein. Nach SPIEGEL-Informationen werden auch Lufthansa-Chef Carsten Spohr und der damalige Chef von Germanwings, Thomas Winkelmann, an einem gemeinsamen Trauergottesdienst in Tignes, einem Bergort in der Nähe der Absturzstelle, teilnehmen. Winkelmann ist mittlerweile Chef-Sanierer der angeschlagenen Fluggesellschaft Air Berlin.

Nach der Trauerfeier ist eine Zeremonie geplant, in der Angehörige Erinnerungsstücke ihrer Verstorbenen in Holzkugeln verschließen können, die dann wiederum in ein Mahnmal eingeschlossen werden, das im Sommer an der Absturzstelle aufgestellt werden soll. Bei der Lufthansa sieht man die Aktion der Lubitz-Familie als eine Störung dieser Gedenkzeremonie und als einen Affront gegen die getöteten Passagiere und Besatzungsmitglieder.

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