Lade Daten...
23.04.2012
Schrift:
-
+

Ariane Friedrichs Selbstjustiz

Der Spießrutenlauf

Von
DPA

Sportlerin Friedrich: "Anzeige folgt"

Ariane Friedrich hat den Namen und Wohnort eines Mannes bekannt gegeben, der ihr eine obszöne Mail geschickt haben soll. Mit der Veröffentlichung will sie sich aus der Opfer-Rolle befreien. Fraglich, ob ihr das so gelingt.

Ariane Friedrich hat kurzen Prozess gemacht. Die deutsche Rekordhalterin im Hochsprung hat sich auf ihrer Facebook-Seite direkt an den Mann gewandt, von dem sie sich belästigt, beleidigt und beschmutzt fühlte: "Liebe Followers, eben erreichte mich folgende Facebookmail: Thorsten D., wohnhaft in A. schrieb: 'Willst du mal einen schönen Schw*** sehen. Gerade geduscht und frisch rasiert'. Zusätzlich hat er noch eine Datei mitgeschickt, die ich nicht öffnen werde. NEIN HERR D., ich möchte weder Ihr Geschlechtsteil, noch die Geschlechtsteile anderer Fans sehen. Anzeige folgt." Sie wolle mit der Veröffentlichung erreichen, sich nicht "doppelt zum Opfer" zu machen, sagt die Athletin.

Ariane Friedrichs Selbstjustiz wird derzeit kontrovers diskutiert. Die Sportlerin erntet Bewunderung, aber auch scharfe Kritik. Mehr als 2200 Menschen haben auf den "Gefällt mir"-Button unter ihrem Posting geklickt, mehr als 400 Kommentare sind verzeichnet.

Der Vorfall wird umgangssprachlich als Stalking bezeichnet - tatsächlich handelt es sich wohl eher um eine sogenannte "Web-Attack".

Wiederkehrende, unerwünschte Kontaktaufnahmen bezeichne man nicht als Stalking, wenn diese nicht mindestens vier bis sechs Wochen andauerten, sagt Rita Steffes-enn, stellvertretende Leiterin des Darmstädter Instituts Psychologie und Bedrohungsmanagement.

Stalker agieren meist, weil sie sich zurückgewiesen fühlen - der Auslöser muss nicht real sein, es reicht eine harmlose Aussage, die vom Stalker als Botschaft missdeutet wird. Im Fall Ariane Friedrichs kann es einer ihrer belanglosen Facebook-Einträge sein wie dieser: "Yeahhhh heute geht es los - das finale olympische Aufbautraining beginnt im Kraftraum. Ich hoffe der Muskelkater wird gnädig mit mir sein!"

Hinter dem Angriff steht laut Psychologin Steffes-enn der Wunsch des Täters, mit dem Opfer eine Beziehung einzugehen.

Cyberstalker, Exhibitionist oder Rufmord?

Einen Übergriff via Facebook oder andere soziale Medien bezeichnen Experten als "Web-Attack".

Die Anonymität des Internets ermöglicht es, Menschen nachzustellen, sie zu demütigen, ihnen Angst zu machen: Sogenannte Cyberstalker gelten als sozial inkompetent, anders als Stalker meiden sie meist den direkten Kontakt zu ihren Opfern.

Oft sind sie ihnen noch nie begegnet. "Aber sie idealisieren sie so lange, schwärmen für sie, bis sie manchmal gar echte Liebe empfinden", sagt Steffes-enn. Die Grenze zwischen Realität und Phantasie verschwimmt, aus Tätersicht entsteht eine Phantasiebeziehung mit dem Opfer. Hemmungen reduzieren sich stetig. Ohne ihre eigenen vier Wände verlassen zu müssen, verschaffen sie sich Zutritt zum virtuellen Leben ihrer Opfer.

Entsprechend nahe können daher verbale Entgleisungen und Obszönitäten einem Opfer gehen, wenn es solch eine Attacke - wie im Fall Ariane Friedrich - in vertrauter Umgebung erreicht. Auf dem Laptop daheim auf dem Sofa, am Küchentisch, im Bett.

In Friedrichs Fall könne es sich beim Absender auch um einen Exhibitionisten handeln, der nicht den Mut aufbringe, sich in der sozialen Wirklichkeit in einem Park oder einem Wald einer Person gegenüber zu entblößen, so Steffes-enn.

Doch vielleicht steckt hinter dem vermeintlichen Absender, den die Leistungssportlerin geoutet hat, tatsächlich eine andere Person. Vielleicht wurde der Account des Mannes gehackt, vielleicht geht es gar nicht um Ariane Friedrich - sondern um den Mann, dem nun diese ordinäre Internetbotschaft angelastet wird.

Emotional könne man Friedrichs Reaktion durchaus nachvollziehen, sagt Rita Steffes-enn. Dass man nach Dutzenden ordinären Mails von Fremden bei der nächsten obszönen Nachricht die Reißleine ziehe. "Opfer reagieren höchst unterschiedlich. Die einen erdulden Ewigkeiten lang alle möglichen Angriffe, die anderen gehen sofort in die Offensive."

Ebenso unterschiedlich ist die Reaktion der Täter auf einen Gegenangriff. "Es kann sein, dass man einen Täter mit solch einem Schritt vertreibt", sagt Rita Steffes-enn. Es könne aber auch sein, dass diese Reaktion einen regelrechten Spießrutenlauf auslöse. Nach dem Motto: "Du wolltest Krieg, den bekommst du jetzt auch."

Friedrichs Trainer und Manager, Günter Eisinger, sagt, man habe inzwischen Klage bei der Staatsanwaltschaft eingereicht.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 311 Beiträge
1.
DieterJakobi 23.04.2012
Sieh da, man hat den rechtstaatlichen Weg enddeckt. Selbstjustiz durch einer Polizeibeamtin, geht garnicht. Damit soll keinesfalls der Schweinkram des "Täters" beschönigt werden, keinesfalls. Aber offensichtlich [...]
Sieh da, man hat den rechtstaatlichen Weg enddeckt. Selbstjustiz durch einer Polizeibeamtin, geht garnicht. Damit soll keinesfalls der Schweinkram des "Täters" beschönigt werden, keinesfalls. Aber offensichtlich gibt es ja noch andere Personen mit gleichem Namen und gleicher Adresse. So wird Opfer zum Täter...
2. Merkwürdig ....
jahiro 23.04.2012
... das in allen Medien jetzt auf Fr. Friedrich herumgehackt wird, als ob es darum ging, ob sie sich schuldig gemacht hätte. Was wollen wir denn? Das wenn jemand angegriffen wird er (bzw. sie) schön brav stillhält, [...]
Zitat von sysopDPAAriane Friedrich hat den Namen und Wohnort eines Mannes bekannt gegeben, der ihr eine obszöne Mail geschickt haben soll. Mit der Veröffentlichung will sie sich aus der Opfer-Rolle befreien. Fraglich, ob ihr das so gelingt. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,829286,00.html
... das in allen Medien jetzt auf Fr. Friedrich herumgehackt wird, als ob es darum ging, ob sie sich schuldig gemacht hätte. Was wollen wir denn? Das wenn jemand angegriffen wird er (bzw. sie) schön brav stillhält, damit der Täter (oder die Täterin) sich auch ja nicht verletzt ?!? Was für ein Schwachsinn ! Ich finde absolut richtig, was sie gemacht hat. Wer angegriffen wird, hat das Recht sich zu verteidigen. Bravo. Wer seine Genitalien fotographiert und ungefragt verschickt, darf sich hinterher nicht beschwere, wenn sie veröffentlich werden. Die Mittel sind durch die Tat gerechtfertigt.
3.
Deep Thought 23.04.2012
Unfassbar, daß ausgerechnet eine Polizistin Selbstjustiz begeht. Wenn sie (vermutlich über ihre Anwälte vom Provider des Täters) bereits die persönlichen Daten des Inhabers des email-Accounts hat, dann hat sie auch als [...]
Unfassbar, daß ausgerechnet eine Polizistin Selbstjustiz begeht. Wenn sie (vermutlich über ihre Anwälte vom Provider des Täters) bereits die persönlichen Daten des Inhabers des email-Accounts hat, dann hat sie auch als C-Prominente und Polizistin KEIN Recht, genau so übles Unrecht zu begehen, sondern muss auf die Justiz vertrauen. Was, wenn der Inhaber des e-mail Account gar nicht der wirkliche Absender ist? Was, wenn es sich um einen Jugendlichen oder einen psychisch kranken Menschen handelt ? Mich würde interessieren, ob diese selbstjustiz übende Person das mit ihrem Wildwest-Stil überhaupt bedacht hat und ob sie sich im Klaren darüber ist, daß sie als Beamtin auch im Privatleben das recht und Gesetz zu cahten hat? Was, wenn es sich um den gleichen Irrtum handelt ie neulich bei dem 17-jährigen, zu dessen Lynchen bereits im Internet aufgerufen wurde, und der fürs leben traumatisiert wurde, obwohl er unschuldig war und ist? WAs, wen sich herausstellt, daß sie das möglicherweise so öfentlich herausposaunt, weil sie im Grune nur mit viel tam-Tam in die Schlagzeilen zurück möchte ? Irgendwie erinnert mich das an den FAll eines gewissen Wettermoderators, der auch über ein Jahr lang als "vergewaltiger" gehandelt wurde.... Nur, weil man Frau ist, hat man nicht das recht, sich über das Gesetz zu stellen. Ich hoffe, das hat auch berufliche Konsequenzen, so Jemand hat sich selbst - als definitiv ungeeignet für den Polizistenberuf - selbst dusqualifiziert.
4. Opfer produzieren Opfer
spon-facebook-10000098199 23.04.2012
Ein wundervolles Beispiel, wie ein Opfer von Web-Atacken, den Spieß umdreht und einen anderen Menschen, den vermeintlichen Täter, zum Opfer macht. Opfer haben scheinbar alle Rechte! Während Täter überhaupt keine Rechte [...]
Zitat von sysopDPAAriane Friedrich hat den Namen und Wohnort eines Mannes bekannt gegeben, der ihr eine obszöne Mail geschickt haben soll. Mit der Veröffentlichung will sie sich aus der Opfer-Rolle befreien. Fraglich, ob ihr das so gelingt. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,829286,00.html
Ein wundervolles Beispiel, wie ein Opfer von Web-Atacken, den Spieß umdreht und einen anderen Menschen, den vermeintlichen Täter, zum Opfer macht. Opfer haben scheinbar alle Rechte! Während Täter überhaupt keine Rechte haben! Nur, hierbei gibt es keine Grenze mehr zwischen Opfer und Täter.
5. typisch deutsch, opfer werden zu täter umgespritzt..
spargel_tarzan 23.04.2012
und müssen sich rechtfertigen & wer sich bei facebook entblößt und endblödet darf sich nicht wundern.
Zitat von sysopDPAAriane Friedrich hat den Namen und Wohnort eines Mannes bekannt gegeben, der ihr eine obszöne Mail geschickt haben soll. Mit der Veröffentlichung will sie sich aus der Opfer-Rolle befreien. Fraglich, ob ihr das so gelingt. http://www.spiegel.de/panorama/leute/0,1518,829286,00.html
und müssen sich rechtfertigen & wer sich bei facebook entblößt und endblödet darf sich nicht wundern.

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Die Weltmeisterinnen im Hochsprung

Jahr Springerin Höhe*
2011 Anna Tschitscherowa (Russland) 2,03
2009 Blanka Vlasic (Kroatien) 2,04
2007 Blanka Vlasic (Kroatien) 2,05
2005 Kajsa Bergqvist (Schweden) 2,02
2003 Hestrie Cloete (Südafrika) 2,06
2001 Hestrie Cloete (Südafrika) 2,00
1999 Inha Babakowa (Ukraine) 1,99
1997 Hanne Haugland (Norwegen) 1,99
1995 Stefka Kostadinowa (Bulgarien) 2,01
1993 Ioamnet Quintero (Kuba) 1,99
1991 Heike Henkel (Deutschland) 2,05
1987 Stefka Kostadinowa (Bulgarien) 2,09
1983 Tamara Bykowa (Sowjetunion) 2,01

*in Metern

Fotostrecke

Fotostrecke

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter RSS
alles zum Thema Stalking
RSS
Rubriken

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten