01.06.2012
60. Thronjubiläum der Queen
They love you, yeah, yeah, yeah!
Von Carsten Volkery, LondonWer in diesen Tagen durch England spaziert, kann die Flaggen nicht übersehen. Der Union Jack hängt in fast jedem Schaufenster, an Hausfassaden und Laternenmasten. Tausende Straßenfeste sind in Planung, Supermärkte und Einzelhändler heizen die patriotische Stimmung mit rot-weiß-blauen Waren an. Es gibt kein Produkt, so scheint es, was nicht auch in den Nationalfarben erhältlich wäre.
Das Land bereitet sich auf ein extralanges Feierwochenende vor. Ab Samstag zelebrieren die Briten vier Tage lang das diamantene Thronjubiläum von Queen Elizabeth II. - zwei nationale Feiertage inklusive. Seit 60 Jahren sitzt die 86-Jährige auf dem Thron, länger hat es nur eine geschafft: die legendäre Queen Victoria im 19. Jahrhundert. Es soll daher eine besondere Party werden.
Wie im vergangenen Jahr, als die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton einen royalen Taumel auslöste, werden sich Hunderttausende auf den Straßen Londons tummeln. Der erste Höhepunkt kommt am Sonntag: Tausend Boote fahren die Themse durch London hinunter - von der Battersea Bridge im Westen bis zur Tower Bridge im Osten. Die Flotte ist - dem Selbstverständnis des früheren Empire entsprechend - bunt gemischt: Vom Kanu aus Hawaii bis zum kolonialen Dreimaster ist alles dabei, aus Hong Kong ist sogar eine traditionelle chinesische Dschunke herbeigesegelt. Mittendrin fahren die Queen und ihre Familie auf einer goldverzierten, blumengeschmückten Barkasse mit.
Am Montagabend folgt ein Open-Air-Konzert vor dem Buckingham-Palast. Der Musiknation ist es nicht schwergefallen, einen Line-up der Superlative auf die Beine zu stellen. Zehntausende werden erwartet, wenn Cliff Richard, Paul McCartney, Elton John, Shirley Bassey, Tom Jones, Lang Lang, Annie Lennox, Madness und viele andere auf die Bühne treten. Die Künstler repräsentieren die gesamte Zeitspanne der Regentschaft der Queen. Nach dem Konzert gibt es ein Feuerwerk, 4000 Freudenfeuer werden in allen Ländern des Commonwealth entzündet.
Im offenen Landauer zum Trafalgar Square
Als sei das noch nicht genug, muss die Queen am Dienstag noch mal ran: Nach einem Gedenkgottesdienst in der St. Paul's Cathedral fährt sie nachmittags im offenen Landauer von den Houses of Parliament zum Trafalgar Square und von dort weiter zum Buckingham-Palast. Zum Abschluss des Feiermarathons winkt die Königsfamilie noch vom Balkon.
Der Pomp kommt nicht bei allen Briten gut an. Kritiker bemängeln die Geldverschwendung (allein der Polizeieinsatz am Sonntag wird zehn Millionen Pfund kosten). Solche opulenten Feiern seien unangebracht, argumentieren sie - zumal das Land gerade in der Rezession versinkt. Die Monarchiegegner der Gruppe Republic planen daher eine Gegendemonstration: Wenn die Queen am Sonntag auf der Themse in ihrer Barkasse vorbeifährt, wollen sie an der Tower Bridge Protestbanner statt Fähnchen schwenken.
Doch sind die Kritiker in der Minderheit. Umfragen zufolge ist die Queen beim Volk beliebter denn je. 80 Prozent schätzen ihre Arbeit als Staatsoberhaupt. Über zwei Drittel sagen, dem Land würde es ohne Monarchie schlechter gehen. Die Gleichgültigkeit gegenüber dem Königshaus, die in den neunziger Jahren dominierte, ist dem Respekt vor der Lebensleistung der alten Dame gewichen. Von allen Seiten prasseln Danksagungen für ihren 60-jährigen Dienst am Vaterland auf die Jubilarin ein.
Verschwiegene Vertraute
Das Bild der genügsamen, pflichtbewussten Monarchin hat sich in der nationalen Vorstellung festgesetzt. Die königstreue "Daily Mail" hat den Alltag der Queen mal so beschrieben: "Aufgestanden. Pflicht erfüllt. Ins Bett gegangen." In einem Artikel zu ihren Essgewohnheiten hob die "Times" dieser Tage hervor, dass Elizabeth die günstige Orangenmarmelade von Robertson's den teureren Marken vorziehe. Es sind solche Anekdoten, die den Ruf der Queen begründen.
Auch ihre Lebenserfahrung ruft Bewunderung hervor. Als sie am 6. Februar 1952 Königin wurde, war Großbritannien noch ein Empire. Von der Suez-Krise bis zur Euro-Krise hat Elizabeth das Weltgeschehen aus nächster Nähe miterlebt. Das kann kein anderes Staatsoberhaupt von sich behaupten. David Cameron ist bereits der zwölfte Premierminister, mit dem sie jeden Dienstagabend über politische Fragen redet.
Viele Premierminister haben die Queen als verschwiegene Vertraute betrachtet, der sie unter vier Augen alles beichten können. Sie wisse unglaublich gut in der Außenpolitik bescheid, lobt Cameron. Vor allem habe sie einen gesunden Menschenverstand. Das helfe ihm zu sehen, was wirklich wichtig ist.
Die meisten Briten finden es daher auch nicht anstößig, dass das diamantene Dienstjubiläum groß gefeiert wird. Selbst Nicht-Royalisten können dem Extra-Feiertag etwas Positives abgewinnen. Über zwei Millionen Briten verlassen das Land, um Urlaub zu machen.
Nur eine Sorge gibt es - das Wetter. Die Prognose, lästerte der republikanische "Guardian", spiegle eher die Wirtschaftslage des Landes als die Monarchiebegeisterung wider. Für Sonntag, den Tag der Schiffsparade, ist Regen angesagt. Damit würde es der Queen nicht anders ergehen als ihrer berühmten Vorgängerin: Beim diamantenen Thronjubiläum von Queen Victoria 1897 fegte ein Gewitter den königlichen Baldachin hinweg.

