03.08.2012
PR-Gau in London
Boris Becker beschimpft deutsche Journalistin
Von Carsten Volkery, LondonBoris Becker fühlte sich offensichtlich wohl im St. Ermin's Hotel in London. Gutgelaunt plauderte der frühere Wimbledon-Champion über seine allwöchentlichen Spaziergänge über die Wiesen des Wimbledon Common, seine Kinder, die auf englische Schulen gehen, und seine Liebe für seine Wahlheimat London. Multikulturell sei die Stadt, kosmopolitisch und vor allem so "zivilisiert". Das Wort gefiel ihm, er wiederholte es mindestens dreimal.
Die britische Tourismusbehörde VisitBritain hatte zur Pressekonferenz geladen, um ihren neuen VisitBritain Celebrity Tourism Ambassador vorzustellen. Ein kleines Werbevideo mit Becker wurde vorgeführt, danach sollte es ein paar lockere Fragen geben.
Becker war charmant, witzig, schlagfertig - so wie ihn britische Fernsehzuschauer seit zehn Jahren kennen und schätzen. In der BBC kommentiert er regelmäßig Tennisspiele und punktet mit treffsicheren Pointen. Ihm werde immer gesagt, er sei der beliebteste Deutsche auf der Insel, witzelte Becker. Das sei ja auch nicht so schwierig.
Grinsend erzählte er, wie vor wenigen Tagen in Wimbledon eine Frau auf ihn zugekommen sei. "Mr. Becker, können Sie mir helfen", habe sie gesagt. Sie hatte sich mit ihren Eintrittskarten um einen Tag vertan, nun sollte er ihr doch noch Zugang zum Centre Court verschaffen. "Ich bin nicht Gott", habe er entgegnet, erzählte Becker den Journalisten. Doch ein Anruf beim Kartenhäuschen genügte, und zwei Stunden später bekam er ein begeistertes Dankeschön vom Centre Court.
Becker musste auch erklären, warum er für Großbritannien Werbung macht und nicht für Deutschland. Wimbledon habe sein Leben verändert, sagte er. "Alle Möglichkeiten, die ich habe, sind durch England entstanden." Er habe dem Land viel zu verdanken, deshalb sei er stolz, als einziger Nicht-Brite bei der Werbekampagne mitzumachen.
Der Botschafter Becker kann auch unzivilisiert
Doch dann verfinsterte sich seine Miene plötzlich. Eine "Welt"-Reporterin fragte, ob er dieses Botschafter-Amt vielleicht auch angenommen habe, weil er in Deutschland eher kritisch gesehen werde und nun die Zwangsversteigerung seiner Finca auf Mallorca anstehe. Gemeint war das Anwesen mit offenen Bau- und Gärtnerrechnungen in Höhe von mehreren hunderttausend Euro, das Ende September zwangsversteigert wird, wenn Becker nicht vorher zahlt.
Becker wurde ungemütlich. "Falsche Frage zur falschen Zeit", sagte er. Solche Fragen seien der Grund, warum er sich in Deutschland nicht mehr so häufig blicken lasse. Der Moderator von VisitBritain leitete schnell zum nächsten Thema über.
Damit hätte Becker es belassen können, der Zwischenfall wäre schnell vergessen gewesen. Doch nach der Pressekonferenz bahnte er sich den Weg durch die Reporter und kam mit erhobenem Zeigefinger auf die Fragestellerin der "Welt" zu. Der englische Charme war nun vollends dahin, übrig blieb deutsche Aggressivität. Die Frage sei eine "Unverschämtheit", bellte Becker die verdutzte Reporterin an. Das sei überhaupt nicht das Thema gewesen. Wenn sie keine Lust habe, solle sie doch wegbleiben statt "den Rahmen zu sprengen".
Die Umstehenden guckten betreten zu Boden. So unzivilisiert kann der Botschafter Becker also auch sein.

