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12.12.2012
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Vom Weltmeistertitel zu Hartz IV

Rockys Neustart

Von Hendrik Ternieden
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SPIEGEL ONLINE

Als Boxprofi kassierte Graciano Rocchigiani Kampfbörsen in Millionenhöhe. Doch sein Vermögen hat der frühere Weltmeister verprasst, mittlerweile lebt er von Hartz IV. Ein Jahr vor seinem 50. Geburtstag will er noch mal ganz von vorne anfangen - und mit einer Modekollektion durchstarten.

Hamburg - Der junge Mann aus Berlin ist erst seit einigen Monaten Box-Weltmeister, als ihm im Gespräch mit dem SPIEGEL ein bemerkenswert schlichter Satz gelingt: "Was braucht der Mensch außer Glotze gucken, 'n bisschen bumsen, 'n bisschen Anerkennung?"

24 Jahre später sitzt ein verarmter Box-Rentner in der Raucher-Lobby eines Hamburger Hotels. Graciano Rocchigiani zündet sich die nächste Fluppe an. Er hat zugenommen seit dem Ende seiner Karriere, bringt rund hundert Kilogramm auf die Waage. Aber er stemmt fast täglich Gewichte, er ist noch immer ein aufrechtes Kraftpaket.

Das Leben auf der Überholspur, so nennt er es, hat tiefe Falten in sein Gesicht gegraben. Besitzt der Satz von damals noch Gültigkeit? Rocchigiani brummelt. "Joa, im Prinzip. Im Großen und Ganzen braucht man ja auch nicht mehr", sagt er. "Ich will, dass es mir und meinen Leuten einigermaßen gut geht. Ein bisschen Geld zum leben und dann genügt das eigentlich schon."

Seine Millionen aus den fetten Jahren im Boxsport hat der 49-Jährige verprasst. Rocchigiani bekommt Hartz IV und lebt in einer Pension in Brandenburg, sein Zimmer wird von einem Freund aus dem Ruhrgebiet bezahlt, das Essen bekommt er vom Gastgeber gesponsert. Wenn man den Menschen aus seinem Umfeld glaubt, besitzt er nicht viel mehr als die Klamotten, die er am Leib trägt - und selbst die hat er teilweise noch geschenkt bekommen.

Rocchigiani sagt, er habe eigentlich keine Probleme. Im Vergleich zu anderen gehe es ihm noch gut, die Familie halte zu ihm. "Ich habe in meinem Leben ja auch alles gehabt. Im Alter wird man ein bisschen ruhiger und muss nicht mehr mit einem dicken BMW rumfahren. Das würde ich zwar gerne machen, aber wenn es nicht ist, dann ist es nicht. Ich mach mir da nichts draus."

Vor einem Vierteljahr sei Rocchigiani noch wie ein "Häufchen Elend" dahergekommen, erzählt die Berlinerin Daniela Urbschat, die zu seinem Unterstützerkreis zählt. Jetzt hat er neuen Mut gefasst, will wieder anpacken.

Mit früheren Sünden soll diesmal wirklich Schluss sein: Keine exzessiven Partys mehr, Alkohol nur in Maßen. Falsche Freunde will er nicht länger um sich haben. "Die alten Zöpfe habe ich abgeschnitten", sagt er. "Man kann an einer Hand abzählen, mit welchen Leuten von früher ich noch Kontakt habe."

Ein Diplomat war er nie

In den achtziger und neunziger Jahren war Rocchigiani einer der besten Boxer der Welt. Während der Sport in Deutschland salonfähig wurde, blieb er der schroffe Antiheld zu "Gentleman" Henry Maske. Viele Fans liebten seine raue Art dafür umso mehr. Ein Diplomat war der Sohn eines Eisenbiegers aus Sardinien nie: Den "Tiger" Dariusz Michalczewski bezeichnete er bei einer Pressekonferenz mal als "dummer Pole".

Rocchigiani wurde zweimal Weltmeister und lieferte denkwürdige Kämpfe ab. Das erste Gefecht gegen Maske stilisierte er zum Duell "Wessi gegen Ossi", er hatte ihn am Rande der Niederlage, verlor aber durch ein zweifelhaftes Urteil der Punktrichter. Noch umstrittener war 1996 seine Disqualifikation wegen Nachschlagens gegen Michalczewski vor 25.000 Zuschauern am Hamburger Millerntor.

Das Gefühl, betrogen worden zu sein, zieht sich durch seine ganze Karriere. Als er 1998 den vakanten Titel der WBC gewann, wollte ihn der Verband hinterher nur als Interims-Weltmeister anerkennen. Rocchigiani klagte und bekam vier Jahre später vor Gericht 31 Millionen US-Dollar Schadensersatz zugesprochen. Da dem Verband die Insolvenz drohte, akzeptierte er schließlich einen Vergleich in wesentlich geringerer Höhe.

So diszipliniert er sich im Kampf hinter seiner Doppeldeckung verschanzte, so sehr schlug er im Leben daneben. Er trank und kiffte, prügelte sich mit Polizisten, schlief betrunken in einem fremden Auto ein, titulierte einen Beamten als "Advokatenscheißer", brach einem Hausmeister in Österreich die Nase. Als er wieder einmal mit Alkohol am Steuer erwischt wurde, schrieb Rocchigiani bei der Schriftprobe: "Ich bin doof." Mehrfach saß er im Gefängnis.

"Man gibt eben gerne mal einen aus"

Rund acht Millionen Euro hat er nach eigenen Angaben in seiner Zeit als Boxprofi kassiert. Wie kann man so viel Geld verpulvern? "Man gibt eben gerne mal einen aus", sagt Rocchigiani, "hat viele Freunde, viele Schulterklopfer." Und wenn es einem gut gehe, mache man sich weniger Gedanken über die Zeiten, die kommen könnten. Er habe sich auch vieles geleistet: Autos, Reisen, Klamotten, Schmuck. "Wenn man das über Jahre und Jahrzehnte macht, dann ist das Geld irgendwann weg - auch wenn man viel verdient hat."

Dass er überhaupt nichts angelegt habe, in Immobilien zum Beispiel, das bereue er manchmal ein bisschen. "Ich habe eben viele Fehler gemacht, die mir selber mehr geschadet haben als anderen", sagt Rocchigiani. "Deshalb stehe ich mit 49 am Neuanfang. Jetzt habe ich die Chance, noch mal was zu schaffen. Und die Chance will ich nutzen."

Wenn Rocchigiani an seine Zukunft denkt, geht es vor allem um zwei Projekte: Bei der Kinderhilfsorganisation "Die Arche" will er Boxtraining geben und sportliche Werte vermitteln. Nicht länger als Bad Boy gelten, sondern helfen, die Kids von der Straße zu holen - das ist der Plan. "Ich kann denen eine ganze Menge erzählen, habe ja viel erlebt", so Rocchigiani.

Familie, Freundschaft, Gesundheit, Freiheit - solche Dinge könne man nicht bezahlen. "Aber um richtig glücklich zu sein, gehört auch ein bisschen Geld dazu", sagt er. Und das will er mit einer eigenen Modekollektion reinholen. Das Konzept ist bekannt: Berühmter Name veredelt Klamotten - Beckham und andere haben es vorgemacht. Ob es auch für "Rocky" funktionieren kann, muss sich zeigen. Seinen Kampfgeist hat er nicht verloren: "Wir hoffen, dass wir auf Dauer unser Geld damit verdienen."

In den vergangenen Jahren war es stiller geworden um den einstigen Champion. Sein Box-Gym in Duisburg musste er aufgeben, sein Engagement als Trainer des Schwergewichtlers Manuel Charr hielt nicht lange. Er wollte schon öfter neu anfangen, aber dann ging immer irgendwas schief.

Als er am Freitag in Berlin-Hellersdorf als "Arche"-Botschafter vorgestellt wurde, war Rocchigiani auffallend guter Laune. Er lachte viel, schrieb ein Autogramm nach dem anderen. Nicht weit entfernt saß "Steini" - ein alter Freund, der dem Ex-Boxer dieser Tage als Chauffeur aushilft, ihn zum Training fährt. "In Berlin ist er überall beliebt", sagt "Steini", "jeder kennt ihn".

Sollte es mit der Mode nicht klappen, bleibt ihm eines mit Sicherheit: 'n bisschen Anerkennung.

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
1. Ein schwacher Mensch, aber
Xircusmaximus 12.12.2012
. ein begnadeter Boxer. Ich wünsche Ihm für die Zukunft dass er Erfolg hat, aber ich glaube nicht daran.
Zitat von sysopAls Boxprofi kassierte Graciano Rocchigiani Kampfbörsen in Millionenhöhe. Doch sein Vermögen hat der frühere Weltmeister verprasst, mittlerweile lebt er von Hartz IV. Ein Jahr vor seinem 50. Geburtstag will er noch mal ganz von vorne Anfangen - und mit einer Modekollektion durchstarten. Graciano Rocchigiani bekommt Hartz IV und will neu durchstarten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/leute/graciano-rocchigiani-bekommt-hartz-iv-und-will-neu-durchstarten-a-872182.html)
. ein begnadeter Boxer. Ich wünsche Ihm für die Zukunft dass er Erfolg hat, aber ich glaube nicht daran.
2. Echte Type
frunabulax 12.12.2012
Rocky ist eine echte Type. Mit seinen Fehlern ist er mir hundertmal lieber als der aalglatte, pomadige Maske. Ich wünsche ihm viel Glück!
Rocky ist eine echte Type. Mit seinen Fehlern ist er mir hundertmal lieber als der aalglatte, pomadige Maske. Ich wünsche ihm viel Glück!
3. Rocchigiani
hubertrudnick1 12.12.2012
Diesen Mann muss man nicht bedauern, er ist eben das was er immer war. Wer seine Chance nicht nutzt und damit nicht umgehen kann, der muss eben dann auf der Straße landen, ich habe kein Mitleid mit ihm.
Zitat von sysopAls Boxprofi kassierte Graciano Rocchigiani Kampfbörsen in Millionenhöhe. Doch sein Vermögen hat der frühere Weltmeister verprasst, mittlerweile lebt er von Hartz IV. Ein Jahr vor seinem 50. Geburtstag will er noch mal ganz von vorne Anfangen - und mit einer Modekollektion durchstarten. Graciano Rocchigiani bekommt Hartz IV und will neu durchstarten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/leute/graciano-rocchigiani-bekommt-hartz-iv-und-will-neu-durchstarten-a-872182.html)
Diesen Mann muss man nicht bedauern, er ist eben das was er immer war. Wer seine Chance nicht nutzt und damit nicht umgehen kann, der muss eben dann auf der Straße landen, ich habe kein Mitleid mit ihm.
4. Mode und Rocky, naja
spiegelguru 12.12.2012
also ich würd's ihm ja gönnen, aber was haben Beckham und Rocky in Richtung Mode gemeinsam - genau - weniger als nichts
also ich würd's ihm ja gönnen, aber was haben Beckham und Rocky in Richtung Mode gemeinsam - genau - weniger als nichts
5. k.T.
Berliner42 12.12.2012
Wer 8 Mio. verplempert und dann von der Unterstützung der Allgemeinheit lebt, taugt kaum als Vobild. Wofür denn? Allenfalls als abschreckendes Beispiel.
Wer 8 Mio. verplempert und dann von der Unterstützung der Allgemeinheit lebt, taugt kaum als Vobild. Wofür denn? Allenfalls als abschreckendes Beispiel.
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