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21.12.2012
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"Vogue"-Chefin Anna Wintour

Botschaft von Chanel

Von Daniel Haas
Fotos
AP/ WSJ. Magazine

Sie steht für eine Diplomatie neuen Zuschnitts: Anna Wintour ist als US-Botschafterin für London oder Paris im Gespräch. Was kann man von der "Vogue"-Chefin lernen? Und wer sollte sich schon mal gut anziehen?

Anna Wintour, die Chefin der "Vogue", ist im Gespräch, Botschafterin zu werden. Jetzt nicht so was Ehrenamtliches, Unicef oder Rotes Kreuz, diese Vierteljobs, die Angelina Jolie zwischen Textlernen, Facebook-Updates und Nannies-Zusammenstauchen unterbringt. Sondern richtig diplomatischer Dienst mit Büro, Chauffeur und Visitenkarte, auf der die Landesflagge zu sehen ist.

Meine erste Reaktion: kann nicht sein. Die Frau, die aussieht wie meine Tante Ilse aus Braunschweig? Mit dieser Fünfziger-Jahre-Bob-Frisur und einer Sonnenbrille, die man nur aufsetzt, wenn man Migräne, einen gewalttätigen Ehemann oder einen Riss in der Schüssel hat? Ist das nicht die, die Meryl Streep in "Der Teufel trägt Prada" gespielt hat? So eine Sadistin, die glaubt, vom Schnitt eines Cocktailkleids hänge das Seelenheil ganzer Frauengenerationen ab?

Genau die. Gebürtige Britin, 63 Jahre alt, seit 24 Jahren an der Spitze der amerikanischen "Vogue", der mächtigsten Modezeitschrift der Welt. Mit einer Industrie im Rücken, die jährlich 300 Milliarden Dollar umsetzt.

Wintour schmiss die Schule mit 17, machte Blitzkarriere im Society-Journalismus ("Harper's Bazaar", "New York Magazine") und bringt bis heute Redakteuren, Fotografen und Designern bei, was mit protestantischer Arbeitsethik wirklich gemeint ist: gnadenloser Perfektionismus auf Basis einer 80-Stunden-Woche.

Jetzt geht sie womöglich für Obama nach London oder Paris. Mittlerweile denke ich, das ist ein tolles Signal für

a) alle Frauen, die komische Frisuren mögen,

b) alle Frauen, die sich nicht vom Glauben abbringen lassen, dass es erwerbsbiografisch sinnvoller ist, Missoni von Gucci unterscheiden zu können als einen Hedgefonds von der Riester-Rente. Und

c) für alle Workaholics, die sich vom weichgespülten Work-Life-Balance-Gerede nicht haben verwirren lassen. Wer lacht, hat noch Ressourcen, das weiß jeder, der berufliche Ziele, Ehrgeiz und Hypotheken abzuzahlen hat. Anna Wintour lacht selten.

Außenpolitisch gesehen wäre es ein genialer Schachzug, ein Obama würdiger Move. Auf so eine Idee kommt überhaupt nur jemand, der scharf sitzende Anzüge trägt und selbst mit diesen staatstragenden Krawatten noch cooler aussieht als ein Soul Crooner der Sixties.

Haarige Stilfragen

In England träfe Wintour auf David Cameron. Der Mann ist bei festlichen Banketten derart fahrlässig gekleidet, dass bei seinem Smokinghemd die Knöpfe abspringen. Unterm Hemd trägt er dann keine Unterwäsche, sondern einen blassen, leicht behaarten Bauch. "Oh, Sie schätzen Pelz. Ich auch.", würde Wintour, berühmt für ihre schneidende Nonchalance, bei so einem Anlass sagen und vielleicht mit einer Anekdote über die Misslichkeit hinweghelfen. "Wissen Sie, bei Dolce & Gabbana, es muss im Jahr 2005 gewesen sein, da haben diese Peta-Leute mich mit einer Mehlbombe beworfen. Sie glauben gar nicht, wie schwer man das Zeug aus einem Zobel wieder rauskriegt."

In Frankreich würde Wintour den Politiker-Sohn, Yale-Absolventen und ehemaligen Renault-Praktikanten Charles Rivkin ablösen. Rivkin hat zwar Internationale Beziehungen studiert, seine Karriere aber vor allem als Leiter der Firma des Muppet-Erfinders Jim Henson bestritten.

Von der Stilsicherheit einer Wintour kann er nur träumen: Die Chefredakteurin kombiniert auf "Vogue"-Covern 50-Dollar-No-Name-Jeans mit brillantbesetzten 10.000-Dollar-Pullovern von Lacroix. Henson spannt für eine Kindersendung Kermit, den Frosch, mit Snoop Dogg, dem Gewalt-Rapper und ehemaligen Gang-Mitglied zusammen. Diplomatie übersetzt man in so einem Fall mit Schadensbegrenzung.

Coolness statt Kiffen

Die Franzosen brauchen Wintour vielleicht mehr als jedes andere Land Europas. Der Präsident weiß noch nicht mal, wie man ein Glückwunschschreiben korrekt zu Ende bringt. "Friendly, François Hollande" stand unter dem Brief an Obama anlässlich der Wiederwahl. Das ist so falsch, als ob man "Nett, Manfred Mustermann" an Merkel schreiben würde.

Auch sonst ist die Grande Nation zurzeit nicht wirklich mit Contenance, jener respektablen, von Eleganz und Disziplin geprägten Haltung gesegnet, die Wintour auszeichnet. Der Bildungsminister zum Beispiel will auf einmal das Kiffen legalisieren. Die Gründe sind unklar, vielleicht glaubt er, auf diese Weise die steigende Arbeitslosigkeit wenigstens kulturell in den Griff zu kriegen. Irgendwas müssen die drei Millionen Franzosen, die derzeit ohne Job sind, tagsüber ja machen.

Wintour könnte im Elysée-Palast vorsprechen und dem Mann erklären, dass die beste Art der Förderung immer noch ein Work-out zwischen fünf und sechs Uhr morgens ist. Danach ein Evian, ein paar Zeilen aus einer gut geschrieben Chanel-Biografie und ab zum Arbeitsamt.

Wer ist eigentlich unser diplomatischer Mann in Paris? Es ist eine Frau. Susanne Wasum-Rainer. Sie war zwar Kulturattaché in Israel, hat aber auch noch nie eine Auslandsvertretung geleitet. Und sie fährt mit dem Rad zur Arbeit. Hoffentlich hält ihre Frisur. Auch in dieser Sache könnte sich ein Gespräch mit Frau Wintour lohnen.

Forum

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insgesamt 3 Beiträge
1.
broca 21.12.2012
Ja, es ist nicht so ganz einfach zu verstehen. Aber Anna Wintour lebt eine Branche, nein, sie ist eine Branche, in der Perfektionismus, Gradlinigkeit, Kompromisslosigkeit, Geschicklichkeit und geniales Taktieren die Prämissen [...]
Ja, es ist nicht so ganz einfach zu verstehen. Aber Anna Wintour lebt eine Branche, nein, sie ist eine Branche, in der Perfektionismus, Gradlinigkeit, Kompromisslosigkeit, Geschicklichkeit und geniales Taktieren die Prämissen sind. Und darin ist sie eine Klasse für sich und die Vogue bzw. die Haute Couture wissen, was sie an ihr haben: alles. Irgendwelche überlicherweise dem Menschen und dem Menschsein zugeschriebenen Eigenschaften haben da nicht nur nichts zu suchen, sie sind schlichweg katastrofal. Ob das nun auf den Job als Botschafterin eins-zu-eins übertragbar ist, darf man ernsthaft bezweifeln und sollte eher als Stellvertreter für den nicht stattfindenden Weltuntergang und netter Hoax dienen.
2. sie paßt
Spiegelleserin57 21.12.2012
da sie weiß was arbeiten heißt. Wenn sie das nicht wüßte wäre sie nicht in dieser Position. Ich bin sicher sie wird Einiges verändern und sie repräsentiert Frauen sehr. Sie hat eine steile Karriere hinter sich und das sicherlich [...]
da sie weiß was arbeiten heißt. Wenn sie das nicht wüßte wäre sie nicht in dieser Position. Ich bin sicher sie wird Einiges verändern und sie repräsentiert Frauen sehr. Sie hat eine steile Karriere hinter sich und das sicherlich durch harte Arbeit und die hat bis heute noch niemand geschadet Das könnte Leuten die bequem vom Staat leben und ihre Leben nicht selbst in die Hand nehmen natürlich etwas quer kommen. Jammern paßt bei ihr sicher nicht ins Konzept.
3.
untitled0 22.12.2012
Gelungener Beitrag! Mit einer Ausnahme: "Mit dieser Fünfziger-Jahre-Bob-Frisur" .... Hier irrt der Autor. Die Frisur erlebte vor wenigen Jahren ein Revivial und ist bis heute angesagt. Frau Wintour trug den Bob [...]
Gelungener Beitrag! Mit einer Ausnahme: "Mit dieser Fünfziger-Jahre-Bob-Frisur" .... Hier irrt der Autor. Die Frisur erlebte vor wenigen Jahren ein Revivial und ist bis heute angesagt. Frau Wintour trug den Bob allerdings schon immer und war somit zeitweise tatsächlich nicht "up to date".

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