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22.01.2013
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Designerin Vivienne Westwood

Ein halbes Leben Punk

Von
Fotos
TASCHEN/ Norma Moriceau

Sie war Grundschullehrerin, hat den Punkrock erfunden, Piratenhüte auf den Laufsteg und Naomi Campbell zum Fallen gebracht. Ein 120-Seiten-Buch zelebriert nun die mehr als 40-jährige Karriere der Ausnahme-Designerin Vivienne Westwood mit spektakulären Bildern.

Es gibt dieses eine Foto der sehr jungen Vivienne Westwood, sie trägt eine wasserstoffblonde Igelfrisur, die Augen sind mit Kajal umrahmt, die Lippen dunkel bemalt; auf ihrem ausgefransten T-Shirt steht in Großbuchstaben "Destroy", darunter prangt ein Hakenkreuz. Es zeigt Westwood, den Punk.

Dann ist da ein zweites Foto, es ist ein halbes Leben später aufgenommen. In Westwoods Gesicht haben sich Falten gegraben, es sieht milde aus. Die Haare sind zum lockeren Pferdeschwanz gebunden, die Beine samt Pünktchen-Strumpfhose stecken in Plateau-Schuhen mit Mörderabsatz. Lachend greift sie nach einem jüngeren, attraktiven Mann. Das Bild zeigt Westwood, die Ehefrau.

Zwei Fotos. Sie stehen am Anfang und am Ende eines neuen Buches, das die mehr als 40-jährige Karriere der Mode-Designerin zelebriert. Auf 120 Seiten ist das Leben der Künstlerin Westwood gepresst, ihre Punk-Kreationen, ihre Piraten-Entwürfe, ihre modischen Ausflüge in vergangene Jahrhunderte. Dazwischen geben Interviews mit Westwood und Weggefährten persönliche Einblicke.

Aber von vorne.

Beim ersten Bruch in ihrem Leben war Westwood gerade 24 Jahre alt. Die Tochter eines Kolonialwarenhändlers war in Tintwistle aufgewachsen, einem knapp 1500 Einwohner zählenden Kaff in Großbritannien. Sie war ein braves Kind, so beschreibt sie sich jedenfalls selbst: vernarrt in Bücher, gut in der Schule. Sie arbeitete als Grundschullehrerin, 1962 heiratete sie Derek Westwood, ein Jahr später kam Sohn Benjamin Arthur zur Welt. Ein geregeltes Leben, ein genügsames, und ja, vielleicht auch ein bisschen langweiliges. Doch dann traf Westwood auf Malcolm McLaren.

"Er kam aus einer weltoffenen portugiesisch-jüdischen Familie und war sehr attraktiv - weil er offenbar wusste, was in der Welt vor sich ging. Ich hatte keine Ahnung", sagte Westwood 2011 dem "Guardian". 1965 zogen die beiden zusammen, später wurden sie Geschäftspartner.

Fotostrecke

Fotostrecke: 41 Jahre Mode von Vivienne Westwood
Westwood und McLaren eroberten London. 1971 eröffneten sie ihre erste Boutique, das "Let it Rock" an der King's Road 430. Zunächst verkaufte das Paar dort Second-Hand-Kleider, später wechselten Sortiment und Namen: "Too fast to live, too young to die", "Sex", dann "Seditionaries", zuletzt und bis heute: "World's End". Zu Beginn entwarf Westwood Kleidung für die "Teddy Boys", Anhänger einer jugendlichen Protestbewegung, die eine nostalgische Vorliebe für adrette Kleidung aus den Fünfzigern hatten. Später folgten Biker-Klamotten und Sado-Maso-Monturen, Mitte der Siebziger wurde in dem Laden die Punkrock-Mode geboren: zerlöcherte Shirts, Creepers, obszöne Sprüche, Sicherheitsnadeln, Hundehalsbänder.

McLaren managte die Band Sex Pistols, Westwood kleidete die Punkrocker ein. Die erste eigene Kollektion des Paars war 1981 auf dem Laufsteg zu sehen, sie hieß "Pirates" und bestand aus entsprechenden Hüten, Puffhosen und Rüschenhemden.

"Designerin des Jahres" - zweimal

1983 zerbrach die Beziehung zwischen Westwood und McLaren. Die Punkrock-Bewegung war für die Designerin gestorben. McLaren habe die Losung ausgegeben "Sei alles, was die Gesellschaft hasst", sagte Westwood Anfang 2012 dem "SZ-Magazin". "Irgendwann habe ich aber begriffen, dass es als Idee nicht ausreicht, nur gegen etwas zu sein. Außerdem wurde Punk schnell zu einer Marketing-Angelegenheit."

In den folgenden Jahren brachte Westwood die Mini-Krinoline in Mode, das Spitzenbustier mit Metalleinsatz und den Plateauschuh - ein abartig hohes lilafarbenes Modell brachte Supermodel Naomi Campbell auf einem Pariser Laufsteg zum Fallen. Westwood entwarf ein eigenes Schottenkaro und wurde zweimal zur "Designerin des Jahres" gekürt. Schrill, aber erfolgreich.

Kurz bevor Queen Elizabeth II. Westwood 1992 den "Order of the British Empire" verlieh, ließ die Designerin vor dem Buckingham-Palast ihren Rock hüpfen - unter ihrer durchsichtigen Strumpfhose trug sie sichtbar keinen Slip. 14 Jahre später folgte gar die Ernennung zur Dame Vivienne Westwood.

Bewahren statt Zerstören

Heute ist Westwoods Ziel nicht mehr die Abgrenzung zum Establishment, sondern die Rettung des Planeten. 2007 veröffentlichte sie das Manifest "Active Resistance to Propaganda". Die grundlegende Idee sei es, "dass man aus dem Leben nur rausholen kann, was man vorher reingesteckt hat", sagte Westwood Terry Jones, Gründer des "i-D"-Magazins und Herausgeber des aktuellen Westwood-Buches.

2011 steckte die Designerin also 1,5 Millionen Dollar in den Schutz des Regenwaldes. Ihre politischen Botschaften fließen auch in ihre Entwürfe ein: Aus dem Protestslogan "Destroy" wurde "Climate Revolution" - Westwood verwendet den Schriftzug auch auf ihrer aktuellen Männerkollektion, die sie Mitte Januar in Mailand präsentierte.

Es sind einfache Parolen, mit denen Westwood seit einigen Jahren antritt: Kauft weniger! Wählt sorgfältiger aus! Richtet euch nicht nach der Masse! "Meine Entwürfe bieten eine Alternative im Zeitalter der Konformität", wird die Designerin in dem neuen Buch zitiert.

Ihre Entwürfe sind in vier Modelinien unterteilt: das Gold-Label (Haute Couture), das Red-Label (Prêt-à-porter), Man (Herrenlinie) und Anglomania (jüngere Zielgruppe). Die Kreationen werden in mehr als 500 Läden in 30 Ländern verkauft. Zu den Kunden gehören Schauspielerin Cameron Diaz, Herzogin Camilla oder Sharon Osbourne.

Westwood selbst besitzt eigenen Angaben zufolge nur 20 Paar Schuhe. Davon trage sie sechs, sagte sie dem "SZ-Magazin". Sie hasse Handtaschen und fahre lieber Fahrrad statt Auto. Dass sie nach 30 Jahren überhaupt aus ihrer Zwei-Zimmer-Sozialwohnung ausgezogen ist, liege an ihrem zweiten Ehemann, dem Österreicher Andreas Kronthaler, den sie Ende der achtziger Jahre kennenlernte: Er ist 25 Jahre jünger als seine Ehefrau und war einst ihr Schüler, als Westwood für eine Gastprofessur an die Universität für angewandte Kunst in Wien berufen wurde. 1993 heiratete das Paar.

Er ist es, mit dem sie auf dem letzten Bild des neuen Buches zu sehen ist. Ein "unglaublicher Mensch", ein "phänomenales Talent", dem "wegen der gemeinsamen Verantwortung das gleiche Maß an Lob und Anerkennung zusteht, das ich als Modedesignerin verdiene", sagt sie.

Vor dem Altern und dem Alleinsein hat Westwood, die 71-Jährige, keine Angst. Sie habe mit ihrem Ehemann klar verabredet, wie es ablaufen werde, sollte sie zum Pflegefall werden, sagte sie dem "SZ-Magazin": "Ich werde wieder in meinen Heimatort ziehen, in einem kleinen Häuschen leben und Bücher lesen."

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