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05.02.2013
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Alkoholdrama um Fußballstar

Paul Gascoignes Kampf ums Überleben

AP

Seine Alkohol- und Drogeneskapaden sind ebenso legendär wie seine brillanten Spielzüge auf dem Fußballplatz: Nach einem verstörenden Auftritt bei einem Charity-Event ist Paul Gascoigne erneut auf Entzug. Freunde und sein Manager fürchten um das Leben des früheren britischen Nationalspielers.

Hamburg - Ohne seine Bodyguards schafft es Paul Gascoigne nicht einmal auf die kleine Bühne. Zitternd hält er das Mikrofon, fährt mit der freien Hand über seinen kahlen Kopf. Auf seinem Gesicht glänzt Schweiß. Er fängt an zu fluchen, zu weinen. Sein Agent legt zwischendurch beruhigend die Hand auf den sich schüttelnden Gascoigne.

45 Jahre ist Paul "Gazza" Gascoigne alt. Auf den Videoaufnahmen und Bildern in britischen Medien sieht der einstige Fußball-Star eher aus wie 60, wie ein fahles Abbild seiner selbst. Mit seinen glasigen Augen, dem aufgedunsenen Gesicht und dem eingefallenen Oberkörper wirkt er krank. Wie jemand, der nach eigenen Angaben jahrelang täglich vier Flaschen Whisky getrunken und 16 Linien Koks gezogen hat.

Er schwebe in akuter Lebensgefahr, kommentierte sein Agent Gascoignes Zustand in einem Gespräch mit der BBC. "Er braucht dringend sofortige Hilfe." Es ist nicht das erste Mal, dass die Briten ihren Helden so zerstört sehen. Aber Gascoigne schien auf dem Weg der Besserung, nachdem ein Richter ihn 2010 zum Entzug verurteilt hatte. Er war mehrere Male wegen Trunkenheit am Steuer angeklagt worden.

Nach seinem neuerlichen Zusammenbruch organisierten eine handvoll von Gascoignes Freunden am Wochenende seinen nächsten Entzug. Radio-Moderator Chris Evans, Kricketspieler Ronnie Irani, Ex-Fußballstar Gary Lineker und TV-Moderator Piers Morgan setzten ihn laut der Boulevardzeitung "The Sun" am Montagabend in ein Flugzeug nach Phoenix, Arizona. Sie übernahmen auch die Kosten, denn Gascoigne soll pleite sein. Sein Management bestätigte, dass er sich in einer Klinik in den USA behandeln lassen werde. Er tue dies "freiwillig". Paul sei von der Unterstützung "berührt und überwältigt" gewesen, hieß es in der Mitteilung weiter.

Parallelen zur verstorbenen Fußball-Legende George Best

Fans und Freunde haben ihre Sorgen kundgetan. Auf Twitter schrieb Gary Lineker, er hoffe, sein alter Teamkollege fände bald seinen Frieden. Er fürchte jedoch, es sei hoffnungslos. Alex Best, Witwe des an Alkohol gestorbenen Fußballsuperstars George Best, sagte der "Sun", sie hoffe, Paul würde nicht wie ihr Ehemann enden. Best war 2005 im Alter von 59 an seiner Alkoholsucht gestorben. Der dänische Torwart Peter Schmeichel kritisierte via Twitter die britische Spielergewerkschaft Professional Footballers Association PFA, nicht genügend für Gascoigne zu tun.

"Es gibt kaum einen Spieler, für den wir in meiner Zeit bei der PFA mehr getan haben", wehrte sich Gordon Taylor, Geschäftsführer der Spielervereinigung, in der Online-Ausgabe des "Telegraph". Demnach habe Gascoigne die für ihn organisierten Entzugsprogramme jedoch immer wieder frühzeitig abgebrochen.

Nicht nur auf der Insel ist Paul Gascoigne eine Legende. Er galt seit Mitte der Achtziger als einer der begabtesten Fußballer der Welt. Er spielte für Newcastle United, Tottenham Hotspur und Lazio Rom, für die Glasgow Rangers, Everton und Middlesbrough. Der Mittelfeldspieler fand schnell seinen Platz in der englischen Nationalmannschaft.

Er war unberechenbar, mancher würde sagen: charmant irre. Und manchmal auch sensibel. Die Fans verehrten ihren "Gazza", der aus einfachen Verhältnissen kam. Wegen seiner Streiche und seiner brillanten Spielweise. Und wegen seiner Lausbub-Attitüde.

Paul Gascoigne soll vor und nach seinen Spielen jede Menge Whisky-Cola getrunken haben. Er fiel wegen häuslicher Gewalt und Pöbeleien auf, wurde schließlich depressiv. Im Jahr 2008 sagte sein damals 12-jähriger Sohn in einem Interview: "Mein Vater wird bald sterben."

Mittlerweile wird Paul Gascoigne schon mal von der Regenbogenpresse fotografiert, wie er mit Handtuch, einer Flasche Gin und einem Sparschwein durch die Straßen irrt. Bewunderung ist schon lange in Sorge und Mitleid umgeschwenkt. "Es ist momentan keine unserer Erfolgsgeschichten", wird PFA-Chef Taylor im "Telegraph" weiter zitiert. Britisches Understatement.

gam/Reuters/sid

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