19.02.2013
Kritik an Kate
Die Majestätsbeleidigung
Hamburg - Giftig und boshaft sei, was Hilary Mantel von sich gegeben habe, geradezu beleidigend für die Herzogin von Cambridge. Die "Daily Mail" muss es wissen, sie kennt sich aus mit harschen Urteilen über Menschen, allen voran Prominenten. Mit Frauen, die selbstbewusst ihre üppigen Rundungen zur Schau stellen (sprich: unvorteilhaft im Bikini abgelichtet wurden), mit Sozialhilfe-Schmarotzern (die den redlichen Briten das Geld aus der Tasche ziehen), mit der beängstigend dünnen Victoria Beckham (um die man sich nur sorgt, um sie den Lesern zum Fraß vorzuwerfen, sollte sie so etwas wie ein Rundungen entwickeln).
Nun also Hilary Mantel. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin bekam 2009 und 2012 für ihre Romane "Wölfe" und "Falken" den Booker-Prize, eine renommierte Literatur-Auszeichnung. Und sie hielt einen Vortrag im British Museum. Sein Titel: "Royal Bodies". Zwei Wochen ist das her, zwei Wochen interessierte der rund einstündige Vortrag niemanden. Nun macht er eine steile Karriere und taugt für landesweite Empörung.
Mantel sprach über die Rolle von Frauen in Königshäusern und ihre Rolle in der Öffentlichkeit. Sie kommt zu keinem sehr schmeichelhaften Schluss: Weder die Monarchien noch die Öffentlichkeit hätten besonders viel für diese Frauen übrig. Sie werden zu Ikonen - gemalt, fotografiert, verehrt -, zu Projektionsflächen, im besten Fall zu Müttern. Selten, so Mantels These, sei es um ihre Persönlichkeit gegangen.
Die Briten haben sich mit den Windsors versöhnt
Die Frauen von Henry VIII. seien ein Beispiel dafür, dass eine königliche Dame vor allem auf ihre königliche Vagina reduziert werde, sagte sie. Das ist ein provokanter Satz, zumal in einem Land, das in den vergangenen Jahren seine Liebe zu den Windsors wiederentdeckt hat, nachdem es die Sippe Anfang der neunziger Jahre am liebsten vom Hof gejagt hätte.
Doch die Windsors von heute sind selten unbequem, manchmal schön anzusehen, und sie haben vor allem in den vergangenen Monaten immer wieder Anlässe geboten, hervorragende Street Partys zu feiern. Die Royals tun nicht mehr weh, wie sie es taten, als Charles Diana wenig subtil mit Camilla betrog und Fergie und Andrew sich auch keine rechte Mühe mehr gaben, einen guten Eindruck zu machen. Damals stellte sich die Frage, ob all der Popanz, der die Briten viele Millionen Pfund jährlich kostet, noch angemessen war. Ob sie sich lohnten, diese Royals.
Doch dann wurde alles gut, und die Windsors lohnten sich wieder: Und sei es nur, um der Wirtschaftskrise gedanklich zu entfliehen, indem man sich am Glück der Windsor-Söhne erfreut. Geschichten, die Prinz Harry vor Jahren zu einer Persona non grata hätten werden lassen (Nacktfotos zum Beispiel), machen ihn heute so menschlich, so sympathisch. Zu einem Prinzen zum Anfassen. Die Briten sind milde geworden mit ihrem Königshaus, sie betrachten die Geschehnisse rund um den Buckingham Palace wie kleine Mädchen Puppenstuben - mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Neid.
Die Monarchie in Frage zu stellen, würde bedeuten, die eigene Gesellschaft in Frage zu stellen. Man hat sich darauf geeinigt, es zu lassen. Die Windsors bieten hervorragende "picture opportunities", hervorragende Feieranlässe, viele schöne Bilder.
Eine charakterlose Gebärmaschine
Und nun kommt die Literaturpreis-Trägerin Mantel und sagt, Kate sei eine Gebärmaschine, eine Schaufensterpuppe und keine Persönlichkeit, sie werde ganz und gar darüber definiert, "was sie anziehe". Betrachtet man die Berichterstattung britischer Zeitungen, dann könnte man auf die Idee kommen, dass Mantel so falsch nicht liegt.
Es geht dort häufig um die Frage, welche Kleider Kate trägt: wann und wo zum ersten Mal und wann und wo zum zweiten Mal. Um das, was sie gesagt hat, wenn sie denn überhaupt etwas sagt, geht es eher selten. Vielleicht ist die Formel einfach: Kate hat immer etwas an, doch sie macht längst nicht immer den Mund auf.
Mantel sagt, Kate habe ein "perfektes Plastiklächeln", man habe sie für die Prinzessinnenrolle ausgewählt, weil sie tadellos sei: sehr dünn, ohne Launen, Macken, Makel. Man müsse nicht einmal riskieren, dass "sie Charakter offenbare" - wie Diana, die in ihren späten Jahren häufig Emotionen habe erkennen lassen.
Das sind keine schmeichelhaften Worte. Und nun ist die Kritik groß, nicht nur die der "Daily Mail". Premier David Cameron sagte dem Sender Sky News, Mantel liege falsch, die Herzogin sei eine "phantastische Botschafterin Großbritanniens". Der Herausgeber des Magazins "Majesty" sagte laut "Telegraph": "Es klingt fast so, als würde sie (Mantel, Anm. d. Red.) über jemanden sprechen, den sie nie kennengelernt hat und über den sie wenig weiß." Es hätte sich für Mantel geziemt, "gediegen zu schweigen".
Die Herzogin lächelte - und schwieg
Recht hat er, mag man denken. Wer will schon gerne eine Anziehpuppe sein? Vielleicht ist die Antwort: Viele der Leserinnen der Kate-Modegeschichten in der "Daily Mail" würden mit ihr tauschen wollen. Vielleicht ist das der verstörendste Aspekt der Debatte: Auf Äußerlichkeiten reduziert zu werden, ist nur dann ein Problem, wenn die Äußerlichkeiten nicht stimmen. Oberflächlichkeit ist nur schlimm, wenn die Oberfläche nicht gefällt.
Mantel hatte im Zweifel nichts Böses im Sinne, als sie über Kate sprach bei jenem eher feministischen Vortrag. Sie hat die Herzogin beschrieben - mit all den Reduzierungen, die ihr Job als Repräsentantin, als Botschafterin des Landes mit sich bringt. Aber Mantel hat noch mehr getan, wie die nun entbrannte Debatte zeigt: Sie hat den Briten einen Spiegel vorgehalten.
Denn dort empört man sich nicht über eine Prinzessin, die kaum etwas zu sagen hat und deren Aufgabe vor allem darin besteht, einen guten Eindruck zu machen. Und nicht über die Doppelmoral der Magazine, die mit dem Voyeurismus der Leser gutes Geld verdienen (und mit monatelangen Spekulationen, ob Kate endlich schwanger sei). Auch nicht über die Leser, die sich ihre Prinzessin genauso vorstellen: schön anzusehen, in schönen Kleidern, mit schönen Kindern - und dabei schön unaufdringlich. Vielleicht hat Mantel den Briten eines gezeigt: Sie haben das Königshaus, das sie verdienen.
Die Herzogin stattete an diesem Dienstag dem "Hope House", einer Einrichtung für Frauen, einen Besuch ab. Sie lächelte. Zur Debatte äußerte sie sich nicht.
han