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25.02.2013
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Depardieu und der Diktator

"Einen großen Film in Grozny machen"

REUTERS

Gérard Depardieu und der tschetschenische Diktator Ramsan Kadyrow haben vieles gemeinsam: Sie sind beide irgendwie Russen, mögen lustige Tänze und lassen es gern krachen. Nach seiner Flucht in den Osten will der Schauspieler nun der Kaukasus-Republik zu filmischem Ruhm verhelfen.

Hamburg - Das Bild spricht Bände: Zwei Männer an einem reich gedeckten Tisch. Der eine massig mit hektisch geröteten Wangen, der andere muskulös und betont souverän. Man umarmt sich, schaut beschwörend in die Kamera. Früchte, Häppchen, Wein und zwei Smartphones.

Was einem da entgegenspringt, ist die aufdringliche Inszenierung einer Männerfreundschaft, die dem Zeitgeist trotzt. Denn in Tschetschenien, da ist das alles noch möglich. Da gehen Männer noch jagen, sind trinkfest und lassen sich mit Tigern auf dem Arm fotografieren. Da wird auf Partys nicht gekleckert, sondern geklotzt, auch wenn es Millionen kostet. Ehrengäste werden aus dem letzten Winkel der Welt in den Palast gekarrt - Hauptsache, es kracht.

Der Mann, der all das möglich macht, ist Ramsan Kadyrow, Präsident der russischen Teilrepublik. Er lädt schon mal Actionheld Jean-Claude Van Damme oder Oscar-Preisträgerin Hillary Swank zu seinem Geburtstag ein. Letzterer war es hinterher ganz doll peinlich, als sie erfuhr, dass sie einen Diktator besucht hatte, dem Menschenrechtsorganisationen seit Jahren schlimmste Verstöße vorwerfen. Seine Sicherheitskräfte, die Kadyrowzy, sind in Tschetschenien für ihre Willkür und Brutalität gefürchtet. Sie sollen Zivilisten entführt, gefoltert und ermordet haben.

Gérard Depardieu ist das offenbar ziemlich egal. Ohne lästige Gewissensbisse im Gepäck besuchte er Kadyrow am Wochenende. Der Präsident persönlich holte ihn am Flughafen ab und gab zu seinen Ehren ein Festessen. "Mir gefällt Tschetschenien sehr gut. Hier leben offene, warmherzige Leute", sagte Depardieu.

Bei der Abendveranstaltung traten tschetschenische Künstler auf. "Ich wollte noch einmal sehen, was ich schon vor einigen Monaten gesehen habe, eure Tänze", erläuterte Depardieu den Grund seiner Reise. Außerdem trage er sich mit dem Gedanken, einen Film in der tschetschenischen Hauptstadt zu drehen, um zu zeigen, "dass man in Grozny einen großen Film machen kann". Über Einzelheiten wollte sich der Mime allerdings nicht äußern. "Aber ich weiß, dass dies erst der Anfang ist", so Depardieu.

Auf der Straße der Demokratie

Depardieu hatte im Januar dank dem Wohlwollen und der Unterstützung von Präsident Putin einen russischen Pass bekommen. Zu Hause in Frankreich hatte er sich nicht mehr wohlgefühlt, nachdem Präsident François Hollande eine Steuerreform angekündigt hatte, die ab einem Jahreseinkommen von einer Million Euro einen Steuersatz von 75 Prozent vorsah.

Am Samstag wurde er offiziell Bürger der 300.000-Einwohner-Stadt Saransk, rund 640 Kilometer östlich von Moskau. Gemeldet ist der Schauspieler nun in der "Straße der Demokratie 1" in der Wohnung von Nikolai Borodatschew, dem Chef des staatlichen Filmarchivs.

Auch wenn allen Beteiligten klar ist, dass der französische Star niemals dort leben wird, war die Freude doch groß: "Es lebe Saransk, es lebe Mordwinien, es lebe Russland!", jubelte Depardieu in gebrochenem Russisch, nachdem er sein Meldeformular im Staatstheater der Hauptstadt der Region Mordwinien unterzeichnet hatte. "Gott sei Dank ist die Zeit gekommen, dass weltberühmte Menschen in Russland leben wollen", freute sich auch Kadyrow.

Nun hoffen offenbar alle auf einen Investitionsschub: Dépardieu kündigte großmütig an, er werde in Saransk ein Lokal eröffnen. Er wurde bereits zum mordwinischen FIFA-Botschafter bei der Vorbereitung der Fußball-WM 2018 in Russland ernannt. Saransk ist einer der Austragungsorte der WM. In Russland ist die Region eher für ihre Straflager als für Glamour bekannt. Dort sitzt eine der Sängerinnen der Punkband Pussy Riot ein, die wegen ihres Anti-Putin-Auftritts in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt wurde.

Depardieu hielt sich seit Donnerstagabend in Russland auf. Am Freitag besuchte er in Moskau das Bolschoi-Theater und das nach umfangreicher Renovierung wiedereröffnete Kino "Illusion". Bei der Eröffnungsfeier sagte der Mime, er sehe sich als "Botschafter eines neuen Russlands". Dieses verkörpere "alles, was ich mag".

ala

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