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Panorama

TV-Eklat

Karl Lagerfeld nennt Flüchtlinge "Feinde" der Juden

Karl Lagerfeld hat Flüchtlinge in Deutschland als "die schlimmsten Feinde" der Juden bezeichnet. Kanzlerin Merkel habe zu viele Muslime ins Land gelassen, meint der Modemacher. Französische Zuschauer sind empört.

AFP

Modeschöpfer Karl Lagerfeld

Montag, 13.11.2017   17:47 Uhr

Bei der Dramaturgie zeigte sich Karl Lagerfeld gewohnt professionell: Kaum waren die Kameras des französischen Senders C8 auf ihn gerichtet, kündigte er vollmundig an, er werde "etwas Schreckliches" sagen.

"Selbst wenn Jahrzehnte dazwischenliegen, kann man nicht Millionen Juden töten und später dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde holen", sprach Lagerfeld. Dabei habe Merkel es eigentlich "gar nicht nötig gehabt", noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen, nachdem schon Millionen gut integrierter Migranten im Land lebten, betonte der 84-jährige Modedirektor von Chanel. Offenbar habe sie aber ihr "Image als Rabenmutter" aus der Griechenlandkrise verbessern wollen, vermutete er.

"Salut les Terriens", etwa "Hallo Erdenbürger", heißt das TV-Format, bei dem Lagerfeld seine Meinung kundtat. Die Wirkung war tatsächlich global. Bei der französischen Rundfunkaufsicht Conseil supérieur de l'audiovisuel (CSA) gingen Hunderte Beschwerden von Fernsehzuschauern ein. Die französische Rundfunkaufsicht prüft nun, ob sie eine Rüge gegen die Sendung von Moderator Thierry Ardisson ausspricht.

Im Jahr 2011 war der britische Couturier John Galliano von seinem Arbeitgeber Dior gefeuert worden, nachdem er aufgrund antisemitischer Äußerungen in Ungnade gefallen und angeklagt worden war.

Lagerfeld wurde 1933 in Hamburg geboren, lebt aber schon seit Jahrzehnten in Frankreich. In Deutschland berichten Juden immer wieder von Antisemitismus unter Muslimen. Internet und soziale Medien seien zu zentralen Verbreitungsinstrumenten von Hassbotschaften und antisemitischer Hetze geworden, heißt es in dem Bericht einer unabhängigen, vom Bundestag eingesetzten Expertenkommission.

Juden sorgten sich wegen alltäglicher antisemitischer Erfahrungen zunehmend um ihre Sicherheit. Der Expertenkreis verlangt unter anderem eine verbesserte Erfassung und Ahndung judenfeindlicher Straftaten sowie die Einsetzung eines nationalen Antisemitismus-Beauftragten.

Die Sachverständigen warnten bei der Vorstellung des Berichts im April aber auch vor voreiligen Schlussfolgerungen. Das rechtsextreme Lager sei in Deutschland nach wie vor die größte Quelle von Antisemitismus. "In der Öffentlichkeit steht die Gruppe der Muslime als vermeintliche Hauptverursacher des Antisemitismus im Fokus. Mit der Flüchtlingswelle haben solche Zuschreibungen noch zugenommen", sagte damals die Historikerin Juliane Wetzel - was Aussagen wie die von Lagerfeldt nun bestätigen.

Muslimische Verbände und Moscheegemeinden, sagte Wetzel im Frühjahr, würden undifferenziert als Hort antisemitischer Agitation gesehen, Imame als Hassprediger charakterisiert. Untersuchungen, die dies untermauern könnten, gebe es jedoch kaum. Antisemitismus unter Muslimen müsse deshalb beobachtet werden. Aber judenfeindliche Strömungen unter Rechtsextremen oder in der gesellschaftlichen Mitte dürften nicht verharmlost werden.

ala/dpa

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