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Panorama

Tim Lobingers Kampf gegen den Krebs

"Gefangen in einem schwarzen Loch"

Erst Weltklasse-Stabhochspringer, dann Krebspatient: Tim Lobingers Leben hat sich radikal verändert. Im Interview spricht er über seinen Kampf gegen Leukämie, Zukunftspläne und Lachen über Krebs.

Alina Lobinger
Ein Interview von Katharina Klein
Sonntag, 15.04.2018   10:07 Uhr

Seine Hand zittert ein wenig, als er sich Wasser ins Glas gießt. "Das kommt vom Gift der Chemo, das hat Nervenschäden hinterlassen", sagt Tim Lobinger. Auch seine Fußsohlen seien taub, das gehe auch nicht mehr weg. Abgesehen davon kann man dem 45-Jährigen nicht sofort ansehen, was für ein Jahr er hinter sich hat.

Im März 2017 änderte sich das Leben des ehemaligen Stabhochsprung-Weltmeisters schlagartig. Diagnose: Leukämie. Eine seltene und aggressive Form. Fünf Chemotherapien, Bestrahlung und eine Stammzellentransplantation folgten - und tatsächlich, der Krebs verschwand. Doch im Januar 2018 dann der Rückschlag, als erneut aggressive Zellen gefunden wurden.

Dank Medikamenten werden Lobingers Werte zurzeit zumindest nicht schlechter. Über seine Erkrankung hat der dreifache Vater ein Buch geschrieben. Er ist hoffnungsvoll, über das vergangene Jahr spricht er gefasst. Einmal ringt er dann aber doch mit den Tränen: Als er über seine Kinder spricht.

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Tim Lobinger: Athlet und Patient

SPIEGEL ONLINE: Im März 2017 bekamen Sie die Diagnose Leukämie. Wie haben Sie diesen Tag in Erinnerung?

Tim Lobinger: Als mir der Arzt mitgeteilt hat, dass ich eine spezielle Form von Leukämie habe, konnte ich das erstmal nicht verarbeiten. Es war, wie wenn man einen Fahrradunfall hat: Man erlebt alles in Zeitlupe. Nüchtern habe ich nachgefragt, was genau das ist. Als dann die Infos auf mich einprasselten, dämmerte mir nach und nach, was die Diagnose bedeutete. Im Kreise meiner Familie habe ich danach erstmal bitterlich geweint, bis ich irgendwann vor Erschöpfung eingeschlafen bin. Auch am nächsten Tag habe ich noch viel geweint. Dann habe ich angefangen, nach vorne zu schauen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Menschen fallen mit einer ähnlichen Diagnose zunächst in eine Art Loch, aus dem sie nur schwer wieder herauskommen. Wie war das bei Ihnen?

Lobinger: Nach dem ersten Schock habe ich mich eigentlich sehr schnell neu programmiert. Ich habe mir gesagt: Nierenversagen und hohe Entzündungswerte sind gerade das Problem? Alles klar - was immer man dagegen tun kann, ich tu's. Ich war da unheimlich klar - ähnlich wie im Sport, wenn ich Verletzungen hatte. Ich wusste immer sofort den Grund und habe anschließend alles getan, um meine Genesung voranzutreiben. Wenn man sich selbst bemitleidet, verliert man so viel Kraft, so viel Lebensfreude und so viel Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch, durch die Erkrankung habe sich das Verhältnis zu Ihrem Körper verändert. Vorher sei der Kopf König, der Körper Untertan gewesen. Wie war das, als es während der Behandlung umgekehrt war?

Lobinger: Es war schwer für mich, die Verantwortung komplett aus der Hand zu geben. Im Sport hatte ich zwar Trainer, die mich eng betreut haben, aber ich war immer an Entscheidungen beteiligt. Ich habe versucht, mich nicht von der Tatsache dominieren zu lassen, dass jetzt einfach mal mein Körper entscheidet, was Sache ist. Das war vor allem am Anfang nicht leicht.

SPIEGEL ONLINE: Trotz Ihrer körperlichen Schwäche haben Sie jede Gelegenheit genutzt, sich zu bewegen.

Lobinger: Körperliche Bewegung war und ist mein Anker: Sie gibt mir Selbstsicherheit und Disziplin. Natürlich quäle ich mich heute nicht - wenn mein Körper früher nach vier Trainingsläufen weh tat, habe ich nochmal zwei draufgelegt. Heute schaue ich, wie es mir an dem Tag geht und mache, wonach mir ist. Sport hat mir auch geholfen, bestimmte Dinge auszuhalten und die Eigenverantwortung nur in dem Maße abzugeben, dass man im Rahmen der Möglichkeiten trotzdem Herr der Lage ist. Ansonsten tut es einfach hormonell gut, sich zu bewegen.

SPIEGEL ONLINE: In manchen Buchpassagen schreiben Sie humorvoll über Ihre Situation.

Lobinger: Ich dachte von Anfang an, ich bekomme zwar Chemotherapien, aber den Humor lasse ich mir von den Giften nicht nehmen. Lachen ist für mich Lebensenergie. Manchmal habe ich mit den Ärzten Witze darüber gemacht, wie ich aussehe oder darüber, dass ich nach dem Duschen länger sitzen musste als ich geduscht hatte, weil ich so platt war.

SPIEGEL ONLINE: Wann war Ihnen nicht nach Scherzen zu Mute?

Lobinger: Während der Isolation nach meiner Stammzellentransplantation zum Beispiel war ich eine Woche lang in einem Schwebezustand. Niemand konnte sagen, was nächste Woche ist, geschweige denn in einem Monat. Ich war so müde, so lebensunfähig, gefangen in einem schwarzen Loch. Manchmal ging es dann eben doch einfach darum, was ist, wenn ich sterbe. Das war sehr schmerzhaft.

SPIEGEL ONLINE: Was genau war das Schmerzhafte daran?

Lobinger: Der Gedanke, wie viel Leid es meiner Familie und meinen Freunden zufügen würde, wenn ich sterbe. Aber auch selbst zu akzeptieren, dass man eines Tages stirbt. Ich habe das geschafft und bin glücklich über mein Leben - nicht, weil ich alles richtig gemacht habe, sondern weil mein Leben absolut lebenswert war.

SPIEGEL ONLINE: In dem Buch hat Ihre Tochter einen Brief geschrieben, in dem Sie beschreibt, was der Krebs mit Ihrer Familie gemacht hat.

Lobinger: Als ich den Brief gelesen habe, musste ich bitterlich weinen. Was meine Tochter geschrieben hat, war so brutal ehrlich: Dass der Krebs eine Krankheit ist, von der alle Nahestehenden mitbetroffen sind. Dass er Leid auslöst, das irreparabel ist. Ich habe immer versucht, so stark wie möglich zu sein. Trotzdem hat mich meine Tochter erlebt, wie ich mich selbst nicht erleben wollte: Ein Schatten meiner selbst, ohne Augenbrauen, Wimpern oder Nasenhaare - gebrochen in gewisser Weise. Nicht der starke Vater, der einem sagt, das wird schon wieder. Durch die Augen meiner Kinder zu sehen, wie sie darunter gelitten haben, hat mir ähnlich weh getan wie die ursprüngliche Diagnose. Ich meine, das ist meine Tochter, mein erstes Baby… (stockt). Das ist schon sehr bewegend.

SPIEGEL ONLINE: Guido Westerwelle hat über seine Krebserkrankung gesagt, durch die Krankheit werde man ein anderer Mensch. Sind Sie anders geworden?

Lobinger: Früher war ich immer auf der Suche nach Abenteuern und Herausforderungen. Im Rückblick war ich zu sehr "auf der Durchreise". Durch die Krankheit fühle ich mich mehr bei mir angekommen. Ich versuche, jeden Tag anders zu genießen, mich nicht stressen zu lassen und Zeit mit den Menschen zu verbringen, die ich mag. Ich bin nicht blind durchs Leben gegangen, aber wenn ich früher an einer schönen Stelle saß, dachte ich daran, welche anderen schönen Stellen es noch gibt. Heute würde ich da wahrscheinlich ein Zelt aufschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Nach der schwierigen Stammzellentransplantation ging es Ihnen Ende 2017 besser. Im Januar kam dann die Nachricht, dass der Krebs wiedergekommen ist. Wie geht es Ihnen heute?

Lobinger: Dass meine bisherigen Krebszellen zwar zerstört wurden, in einem Fall aber in leicht mutierter Form zurückgekommen sind, war auch für die Ärzte überraschend. Das war sehr früh und hat alle Beteiligten niedergeschmettert. Aber die anschließenden Tests haben ein wenig Entwarnung gebracht: So schnell wie befürchtet breiten sich die Zellen nicht aus. Ich nehme jetzt ein meinen Zustand erhaltendes Medikament, durch das meine Krebszellen tendenziell schon weniger geworden sind. Zusätzlich wird mein Immunsystem durch Lymphzellen meines Spenders stark gemacht. Das verschafft mir laut den Ärzten erstmal ein bis zwei Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Was ist das für ein Gefühl?

Lobinger: Das ist wie wenn dir jemand sagt, du wirst 100. Ich muss zwar gewisse Sicherheitsmaßnahmen einhalten, darf nicht fliegen oder Bahn fahren, aber sonst lebe ich momentan so, als ob ich nicht krank wäre. Ich erkämpfe mir meine Normalität zurück. Auch beruflich werde ich jetzt schauen, wohin es mich treibt. Vielleicht bleibe ich selbstständig, vielleicht habe ich Lust auf eine Festanstellung in einem Fußballverein, mal sehen. Ich bin jedenfalls heiß darauf, mich erneut zu verwirklichen und damit auch zu zeigen, dass man es durch Ziele und Strategien schaffen kann, eine Krankheit würdevoll zu bewältigen - oder mindestens krank ein lebenswertes Leben zu haben. Der Mensch ist zwar nicht unkaputtbar, aber er kann wirklich viel aushalten.

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insgesamt 19 Beiträge
el_supergrobi 15.04.2018
1. Alles Gute von einem Nicht-Fan.
Vom Saulus zum Paulus. Mochte den Kerl noch nie, wünsche ihm aber trotzdem nur das Beste. Sowas hat niemand in seinem Leben verdient. Solche Krankheiten verändern die Persönlichkeit von Grund auf.
Vom Saulus zum Paulus. Mochte den Kerl noch nie, wünsche ihm aber trotzdem nur das Beste. Sowas hat niemand in seinem Leben verdient. Solche Krankheiten verändern die Persönlichkeit von Grund auf.
kuddemuddel 15.04.2018
2. Alles Gute!!!!
Alles Gute, viel Kraft und stets das richtige Maß Humor, um den Krebs zu besiegen.
Alles Gute, viel Kraft und stets das richtige Maß Humor, um den Krebs zu besiegen.
peteftw 15.04.2018
3. ..
Alles Gute Tim Lobinger. Schwierig ist meiner Erfahrung nach der Kompromiss zwischen der Verantwortung für Andere und dem nötigen Egoismus sich um sich selbst zu kümmern. Und das trifft für den Erkrankten wie für die [...]
Alles Gute Tim Lobinger. Schwierig ist meiner Erfahrung nach der Kompromiss zwischen der Verantwortung für Andere und dem nötigen Egoismus sich um sich selbst zu kümmern. Und das trifft für den Erkrankten wie für die Betroffenen im engsten Familienkreis zu. Beide Seiten brauchen viel Verständnis und Kraft füreinander aber auch ein gewisses Level an Selbstschutz. Alles Gute!
hansdampf81971 15.04.2018
4. Wirklich schade - alles Gute!
Ich habe ihn vor einigen Jahren in einem Bonner Reha-/Physio-Zentrum erlebt und kurz kennengelernt. Wir waren beide im Wiederaufbau unserer Fitness. Er hat eine private - sehr angenehme und menschliche Seite jenseits der Kameras - [...]
Ich habe ihn vor einigen Jahren in einem Bonner Reha-/Physio-Zentrum erlebt und kurz kennengelernt. Wir waren beide im Wiederaufbau unserer Fitness. Er hat eine private - sehr angenehme und menschliche Seite jenseits der Kameras - und diese öffentliche, die nicht bei allen sympatisch erscheint. Er ist aber total nett, liebenswert, locker und freundlich! Von daher tut es mir sehr leid und ich hoffe, dass er es, wie den ersten 6m Sprung damals, unerwartet schafft! Alles Gute Tim!!!
jujo 15.04.2018
5. ....
Geht mir ähnlich, mir kam er immer ein wenig zu arrogant daher. Jetzt bewundere ich ihn, wie ehrlich er mit sich und seiner Situation umgeht. Ich hoffe er schafft es.
Zitat von el_supergrobiVom Saulus zum Paulus. Mochte den Kerl noch nie, wünsche ihm aber trotzdem nur das Beste. Sowas hat niemand in seinem Leben verdient. Solche Krankheiten verändern die Persönlichkeit von Grund auf.
Geht mir ähnlich, mir kam er immer ein wenig zu arrogant daher. Jetzt bewundere ich ihn, wie ehrlich er mit sich und seiner Situation umgeht. Ich hoffe er schafft es.

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