Schrift:
Ansicht Home:
Panorama

Stormy Daniels bei Pornoschau "Venus"

Kurz gekommen

Jüngst ist ihr Skandalbuch erschienen, nun eröffnete Pornostar Stormy Daniels die "Venus" in Berlin. Im Buch geht es um Macht, weniger um den Penis des US-Präsidenten. Den Besuchern der Erotikmesse ist das egal.

Foto: KAMIL ZIHNIOGLU/EPA-EFE/REX/Shutterstock
Von
Samstag, 13.10.2018   08:39 Uhr

Autoren stellen auf Messen ihre neuen Bücher vor. Das ist normal. Nur wenn es nicht die Frankfurter Buchmesse ist, sondern die "Venus" in Berlin, wenn die Autorin ihr Geld sonst nicht mit Büchern, sondern mit Pornos verdient, und wenn sie in ihrem neuen Buch als angebliche Augenzeugin vom Geschlechtsteil des mächtigsten Menschen der Welt berichtet, dann ist das nicht mehr normal.

Dann ist das Stormy Daniels.

Dann haben die Reporter ihre Kameras schon längst platziert, obwohl noch nichts passiert. Es ist Donnerstag, der Eröffnungstag der Erotikmesse "Venus", und etwa hundert Menschen warten vorm Eingang. Stormy Daniels soll gleich das rote Band zerschneiden.

Stormy Daniels heißt eigentlich Stephanie Clifford, ist 39 Jahre alt und weltweit berühmt, seit bekannt wurde, dass sie Sex mit Donald Trump gehabt haben soll, als der bereits mit Melania verheiratet war. Trump bestreitet das. Eine Affäre mit einem Pornostar, vier Monate, nachdem sein jüngster Sohn zur Welt gekommen war, das hätte sich nicht so gut für einen konservativen Präsidentschaftskandidaten gemacht.

Trumps früherer Anwalt, Michael Cohen, zahlte Clifford 130.000 Dollar, damit sie schweigt. Das flog auf, und eine Lawine brach los, an deren Ende das Buch steht, das die Autorin zur Messe mitgebracht hat. Hat sie doch, oder?

Während Micaela Schäfer im Bikini vorm "Venus"-Eingang die dicken Lippen zu einem Stöhn-Remix von "Barbie Girl" bewegt, steht Stormy Daniels im Kleid im Backstagebereich und atmet tief aus, als seufzte sie. Dann betritt sie die Bühne, und die Fotoapparate rattern los. Sie macht den Schnitt, zack, und ist wieder weg. War's das? Nein, Daniels posiert noch kurz mit Schäfer und drei anderen Frauen in Bikinis, fünf Lächeln aus Plastik.

DPA

Stormy Daniels (Mitte) bei der Eröffnung der "Venus"

Dass sie es als Kind nicht gemocht habe, angestarrt zu werden und vor anderen zu reden, schreibt sie gleich am Anfang von "In aller Offenheit: Eine Frau gegen Trump", der soeben veröffentlichten deutschen Übersetzung ihres Buches "Full Disclosure". Sie schreibt darin auch, dass sie sich lange dagegen gewehrt hat, diese Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, von der anzunehmen ist, dass sie sich gut verkaufen wird, weil es darin um Sex and Crime geht. Und um den Penis des Präsidenten.

Am Donnerstagabend betritt Stormy Daniels erneut eine Bühne in Berlin, diesmal bleibt sie etwas länger. Sie ist zur Verleihung der "Venus"-Awards gekommen, der "Oscars der Erotikbranche", wie die Veranstalter schreiben, nur sind hier die Dekolletés tiefer und die Haare wasserstoffblonder als bei den Academy Awards, und Preise für die besten Drehbücher gibt es nicht. Aber fürs Lebenswerk. Stormy Daniels nimmt den Preis entgegen, und der Moderator fragt, welche Rolle Trump in ihrem Buch spiele. "Eine kleine", sagt sie und fügt nach: "Pun intended", ein Wortspiel also, "klein" bezieht sich noch auf etwas anderes.

Eigentlich geht es um Macht

Klar, es sind die schlüpfrigen Anspielungen, die Mischung aus Voyeurismus, Fremdscham und Ekel, mit der sich "In aller Offenheit" vermarkten lässt. Im Buch schreibt Daniels - und das klingt auf Deutsch ein bisschen so, wie man es aus synchronisierten Hollywoodfilmen kennt, die coolen Typen klingen dann plötzlich nicht mehr so cool: "Da liege ich, stinksauer, dass mich ein Typ mit Yeti-Eiern und einem Mario-Kart-Turbopilzpimmel gevögelt hat."

Auch klar, dass der Comedian Jimmy Kimmel das vor Kurzem in seiner Show aufgriff: Da sollte Daniels aus einer Reihe von orangefarbenen Pilzmodellen denjenigen wählen, der am ehesten den "Oberbefehlshaber des Militärs der Vereinigten Staaten" repräsentiere.

Doch im Grunde geht es in dem Buch nicht so sehr um den Penis des US-Präsidenten. Es geht auch nicht so sehr um den Sex mit ihm, "eine Art Out-of-body-Erlebnis", auf das sie erst nach mehr als hundert Seiten genauer eingeht. Worum es vielmehr geht, lässt sich zusammenfassen mit einem Satz, der aus den Stellen über Trump stammt: "um Macht, nicht um Sex".

Ihr Buch ist der Versuch einer Frau, sich die Deutungshoheit über ihr Bild in einer Öffentlichkeit zu erkämpfen, die sie fast nur als den Pornostar sieht, der Sex mit Trump hatte. Eine Frau, die, so deutet sie es in ihrem Buch recht deutlich an, mit neun Jahren zum ersten Mal sexuell missbraucht wurde.

Deren White-Trash-Kindheit in Louisiana, verlassen vom Vater, vergessen von der Mutter, sich in der Erinnerung an einen Teddybären spiegelt, der zum Nest für Küchenschaben wurde. Die sich auf einmal wie Aschenputtel fühlte, als die älteren Stripperinnen sich um sie kümmerten.

DPA

Stormy Daniels

Es geht um Selbstbehauptung in dieser Erzählung. "Der Scheißabschaum", schreibt sie über sich selbst als Kind, "hatte ein so gutes Zeugnis, dass er in eine Schwerpunkt-Highschool durfte." Immer wieder pocht sie darauf, was sie kann. Sie verweist darauf, dass sie auch Drehbuchautorin und Regisseurin sei, dass sie ein fotografisches Gedächtnis habe, dass andere sie für klug hielten. Und dass sie kein Problem damit habe, Männern ins Gesicht zu sagen, dass sie Arschlöcher seien.

Trump ist einer dieser Männer. Ihrer Erzählung nach versohlt sie ihm sogar den Hintern, um ihre Macht zu zeigen. "In aller Offenheit" ist keine große Literatur, kein innovatives Nachschlagewerk für Feministen, aber es liest sich in seinem Wechsel aus Derbheit und Reflexion authentisch und in seiner Offenheit vor allem ziemlich mutig.

Die Luft wird knapper

Am Freitagnachmittag bahnen sich zwei Bodyguards den Weg durch die Massen auf der "Venus", zwischen ihnen der Grund, warum sie hier sind: Stormy Daniels kommt am Autogrammstand an und zieht den Hoodie mit Totenkopfmotiv aus, damit "Donner" und "Blitz" besser sichtbar sind. So nennt sie ihre Brüste. "Hat 'ne Riesenoberweite", sagt eine der wenigen Frauen im Pulk vor den Sperrbändern. "Ja, ja", sagt der Mann neben ihr. "Dicke Titten und nix im Hirn." Erotikmessen-Publikum. Die Luft wird knapper, und das Kölnisch Wasser juckt in der Nase.

Es sind vor allem mittelalte Männer, die hier stehen, jenes Publikum also, das Daniels seit mehr als 20 Jahren kennt. In ihrem Buch schreibt sie aber auch, dass zuletzt mehr Frauen zu ihren Auftritten kämen. Und dass die Frauen ihr auch mal sagten: "Du wirst die Welt retten."

Ob Stormy Daniels die Welt rettet, interessiert auf der "Venus" nicht so sehr. Auf der "Venus" interessiert Frank, dass er sie mal live gesehen hat und ein Foto mit ihr kriegt. Und wieso ist Michael mit dem Karohemd und der Mehrzweckweste hier? "Einfach, weil sie ein Medienstar ist". Und was ist mit Manfred, der gerade den Akku seines Fotoapparats prüft? "Hier soll doch dem amerikanischen Präsidenten seine Frau auftreten." Er will ein Foto.

Daniels signiert, vor ihr liegen Karten und DVDs, eine heißt "Gekommen!" Und ihr Buch, wo ist das? Liegt hier nicht. Danach fragt auch keiner.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP