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Panorama

Pädagogin zu Nachtwanderungen

"Da kann es passieren, dass die Jugendlichen freidrehen"

In einem Hagener Wäldchen gerieten Schüler in Panik, weil sie glaubten, eine nackte Frau gesehen zu haben. Wie verhindert man Teenie-Hysterie auf Nachtwanderungen? Eine Pädagogin gibt Antworten.

Alex Talash

Einsatzkräfte vor Hagener Jugendherberge

Ein Interview von
Freitag, 28.09.2018   06:16 Uhr

Es sollte eine harmlose Nachtwanderung bei der Klassenfahrt werden - und endete mit einem Einsatz von Rettungswagen und Polizei: In einem Wäldchen hinter einer Hagener Jugendherberge wollen Schüler einer siebten Klasse eine nackte Frau gesehen haben. Die Kinder gerieten in Panik, hyperventilierten, mussten von den Einsatzkräften und Betreuern beruhigt werden. Manche Schüler ließen sich von ihren Eltern abholen.

Es ist unklar, ob tatsächlich eine Frau in dem Wäldchen war - oder ob es sich um ein Hirngespinst oder einen Scherz handelte. Gibt es solche Situationen öfter? Wie verhindert man Teenie-Hysterie in derartigen Fällen? Und was macht überhaupt die Faszination von Nachtwanderungen aus? Fragen an Angela Kobelt - die 41-Jährige hat mehr als 50 Nachtwanderungen mit Jugendlichen gemacht.

Zur Person

Angela Kobelt, 41, ging bereits in ihrer Jugend als Pfadfinderführerin auf Nachtwanderungen. Nach dem Studium arbeitete sie als freiberufliche Erlebnispädagogin und begleitete Jugendliche bei Klassenfahrten oder Sommercamps. Derzeit bildet sie Sozialpädagogen aus, außerdem arbeitet sie als Lehrerin an berufsbildenden Schulen und als Theaterpädagogin.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie bei einer Nachtwanderung mit Jugendlichen schon einmal so etwas wie in Hagen erlebt?

Angela Kobelt: Einmal wurde ein Mädchen hysterisch und ist ausgetickt, allerdings nicht bei einer Nachtwanderung. Aber seltsame Situationen gab es schon.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Kobelt: Ich war mit einer Gruppe 15- und 16-Jähriger im Wald bei Bonn unterwegs. Dort hatte zeitgleich eine andere Gruppe eine Nachtwanderung vorbereitet, einen "Horrorlauf". Da werden die Kinder erschreckt und sollen sich gruseln. Zu deren Programm gehörte, dass sie eine lebensgroße Puppe in einen Baum gehängt haben. Das sah aus der Ferne und auch noch aus der Nähe so aus, als habe sich jemand erhängt.

SPIEGEL ONLINE: Und das haben Sie gesehen?

Kobelt: Ja, wir machten einen harmlosen Nachtspaziergang und dachten: Da baumelt jemand vom Baum. Wir kamen langsam näher und dachten, das kann nicht echt sein. Aber es sieht realistisch aus, vielleicht ist es ja doch echt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Kinder reagiert?

Kobelt: Die haben sich schon erschreckt. Aber es ist niemand ausgetickt.

SPIEGEL ONLINE: Anders als es in Hagen geschehen ist. Überrascht es Sie, dass sich die Sache dort so entwickelt hat?

Kobelt: Wenn man als Begleitperson oder Lehrer eine Gruppe hat, die sehr aufgedreht ist und zum Ausflippen neigt, sollte man sich fragen, ob eine Nachtwanderung das Richtige ist - oder ob man lieber einen Karaokeabend machen will. Gerade auf Klassenfahrten oder einer Freizeit gibt es immer mal Momente, in denen alle ihr Schlafdefizit angesammelt haben, zu viel Energydrinks und vielleicht auch Alkohol getrunken haben. Da kann es passieren, dass die Jugendlichen freidrehen.

SPIEGEL ONLINE: Und was macht man da als Begleitperson?

Kobelt: Ruhig bleiben. So eine Klasse spiegelt die Lehrkraft. Wenn die nicht so schnell die Ruhe verliert, drehen die Kinder auch nicht so schnell durch. Wenn ein Lehrer sich bei der Nachtwanderung unsicher fühlt oder keinen Bock darauf hat, überträgt sich diese Nervosität womöglich auf die Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Okay, "Ruhe bewahren". Was empfehlen Sie sonst?

Kobelt: Wer nicht mitwill, sollte nicht mitmüssen - Zwang kann in so einer Situation enorme Ängste auslösen. Ein Erwachsener läuft ganz vorn, der wird nicht überholt. Und einer ganz hinten, hinter den darf man nicht zurückfallen. Man ist leise, um Tiere nicht zu stören. Begleitpersonen sollten immer eine Taschenlampe dabeihaben. Die Kinder und Jugendlichen lassen Lampen zu Hause oder im Rucksack. Sobald die anfangen, mit den Taschenlampen rumzufunzeln, macht es keinen Spaß mehr.

SPIEGEL ONLINE: Ist Ihnen jemals ein Kind bei einer Nachtwanderung abhandengekommen?

Kobelt: Nein. Aber ich bin vom Weg abgekommen. Das ist nicht so toll, wenn man durch den Wald geht und hinter einem sind 25 Kinder, die einem blind vertrauen. Aber die meisten deutschen Wälder sind Gott sei dank keine Urwälder, die sind ja meist gut erschlossen. Man stößt immer auf einen Weg. Ich habe dann nur gesagt: "So, jetzt haben wir eine Abkürzung genommen."

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