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Panorama

Papst in der Blauen Moschee

Muslime feiern Benedikt

Der Auftritt in der Blauen Moschee hat Papst Benedikt viel Lob in der Türkei eingebracht. Er habe "wie ein Muslim" gebetet, schreibt die Zeitung "Milliyet". Im türkischen Fernsehen wurden die Bilder vom Papst in der Moschee mehrfach wiederholt.

Donnerstag, 30.11.2006   20:14 Uhr

Istanbul - Ein größeres Lob kann es kaum geben für einen geistlichen Besucher in der Türkei. "Wie ein Muslim" habe Papst Benedikt XVI. in der Blauen Moschee gebetet, berichtete die Zeitung "Milliyet" in ihrer Internetausgabe. Bilder des Papst, der sich zusammen mit dem Mufti von Istanbul, Mustafa Cagrisi, in der Moschee in Richtung Mekka wendet und die Augen schließt, wurden im türkischen Fernsehen immer wieder wiederholt. "Er hat Geschichte geschrieben", sagte ein TV-Moderator. Dass der Vatikan unmittelbar nach der Szene in der Moschee erklärte, der Papst habe lediglich meditiert, nicht aber gebetet, konnte die Freude der Gastgeber nicht schmälern.

Cagrisi erläuterte hinterher, es sei seine eigene Idee gewesen, den Papst zu einer Minute des Innehaltens aufzufordern. Was er selbst gebetet habe, wisse er natürlich noch - "was in ihm vorging, kann ich nicht wissen", sagte der Mufti über den Papst. Cagrici überreichte Benedikt eine Kalligraphie in Form einer Friedenstaube. Zufällig hatte der Papst auch für den Mufti ein Geschenk mit einem Taubenmotiv als Symbol der Brüderlichkeit mitgebracht: "Als Erinnerung an einen Besuch, den ich sicher niemals vergessen werde", sagte Benedikt, der lange als Türkei- und Islamgegner galt, und dank seiner Reise nach Ankara, Ephesus und Istanbul plötzlich als Versöhner dasteht.

Als er die Moschee verließ und sich vor dem Eingang die Schuhe wieder anziehen ließ, war der 79-jährige Papst sichtlich zufrieden mit seinem Besuch in der Moschee, der dem Frieden gedient habe. Vor ihm hatte nur ein einziger anderer Papst, sein unmittelbarer Vorgänger Johannes Paul II., eine Moschee betreten.

Auch für Benedikt persönlich war es sicher ein denkwürdiger Tag. Vor der Blauen Moschee hatte er die Hagia Sophia besichtigt, die frühere Hauptkirche des Oströmischen Reiches, die später zur Moschee umgewandelt wurde und heute ein Museum ist. Dort betete er nicht: Papst Paul VI. hatte bei einem Türkeibesuch in den sechziger Jahren für Aufruhr gesorgt, als er in der Hagia Sophia auf die Knie fiel.

Am Sitz des griechisch-orthodoxen Partriarchen Bartholomäus I. am Goldenen Horn hatte Benedikt am Morgen einen Gottesdienst gefeiert und eine gemeinsame Erklärung unterschrieben, in der sich sich beide Kirchenführer zum langfristigen Ziel der Einheit der Kirche bekennen. Katholiken und Orthodoxe gehen getrennte Wege, seit sie sich im Jahr 1054 gegenseitig exkommunizierten. Benedikt arbeitet also an einem Jahrtausendwerk.

Seine orthodoxe Partner haben in der Türkei allerdings mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen: Sie dürfen keine Priester ausbilden, und sie haben große rechtliche Probleme. Um Bartholomäus den Rücken zu stärken, forderte der Papst in der gemeinsamen Erklärung, die EU müsse die Religionsfreiheit zu einem Beitrittskriterium machen. Zudem beschworen Papst und Patriarch das "christliche Erbe" Europas - um die offizielle Türkei nicht zu verärgern betonten sie, Kleinasien sei ebenfalls Teil des "christlichen Erbes".

Mit Rücksicht auf die Empfindlichkeiten seiner türkischen Gastgeber vermied der Papst am Donnerstagabend bei einem Höflichkeitsbesuch beim armenisch-orthodoxen Patriarchen Mesrob in Istanbul auch das Wort "Völkermord" im Zusammenhang mit den Massakern an den Armeniern im Ersten Weltkrieg.

Die wohl ausbalancierten Gesten und Signale haben ihre Wirkung auf die türkische Öffentlichkeit nicht verfehlt. Der Papstbesuch habe sich zu einem Versuch entwickelt, einen Dialog zwischen Christen und Muslimen in Gang zu bringen, kommentierte eine Zeitung anerkennend. Das Gebet - oder die Meditiation - des Papstes in der Blauen Moschee war der Höhepunkt dieser Bemühungen.

Thomas Seibert, AFP

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