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Panorama

Protest gegen Stalin-Statue

"Ein Denkmal für einen Massenmörder ist doch absurd"

Die sibirische Metropole Krasnojarsk plant ein Stalin-Denkmal - und kaum jemand regt sich auf. Nur ein Geschäftsmann will die Stadt nicht einfach gewähren lassen und protestiert in Häftlingskluft. Hier erklärt er, warum.

Alexander Degtyarev/ dela.ru

Sergej Wolkow in Krasnojarsk: "Ich kämpfe nur mit legalen Mitteln"

Ein Interview von
Freitag, 08.05.2015   07:42 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Wolkow, warum protestieren Sie gegen das geplante Stalin-Denkmal?

Wolkow: Wegen meiner Familiengeschichte. Mein Großvater wurde 1941 als Wolgadeutscher nach Sibirien deportiert und zur Zwangsarbeit eingezogen. Er musste jahrelang auf dem Bau schuften. Unter Stalins Nachfolger Chruschtschow kam er frei, aber da war mein Großvater psychisch schon am Ende, er beging Selbstmord. Das habe ich in den Neunzigerjahren erfahren, davor wurde in der Familie nie darüber gesprochen. Als Jugendlicher habe ich dann Alexander Solschenizyns "Archipel Gulag" gelesen, das war für mich damals ein Schock.

SPIEGEL ONLINE: Sie wussten nichts über die Sowjetunion unter Stalin?

Wolkow: In der Schule hat man uns immer erzählt, die Sowjetunion sei ein leuchtendes Vorbild der Moral gewesen. Unter Stalin wurde natürlich so einiges für das Land getan, aber dafür ganze Völker deportieren und unzählige Leben zerstören - das war es nicht wert.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Firma produziert Naturkosmetik, Sie sind ein erfolgreicher Geschäftsmann...

Wolkow: ...am Ende ist es doch egal, was ich mache. Ich könnte auch Lehrer sein oder Bauer. Zu allererst bin ich ein Staatsbürger, ein Individuum, und kein willenloses Vieh, das sich zur Schlachtbank führen lässt. Ich wollte etwas tun, was rechtlich einwandfrei ist und gleichzeitig viel Aufmerksamkeit erregt. So kam ich auf die Idee mit der blauen Häftlingskluft und dem Stacheldraht.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Stadträte reagiert?

Wolkow: Die meisten wollten nicht mit mir sprechen. Ein Denkmal-Unterstützer aus dem Stadtrat wollte mich verjagen, aber ich ließ mich nicht einschüchtern. Viel wichtiger war die Resonanz in der Öffentlichkeit. Das Fernsehen hat über meine Aktion berichtet, ich habe viel Zuspruch in den sozialen Medien bekommen, selbst mit Stalin-Fans konnte ich mich verständigen. Ich kann nachvollziehen, weshalb sie für das Denkmal sind, aber sie müssen lernen, andere Meinungen auszuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, dass Ihnen etwas passiert? Der Zeitgeist im Land ist doch eindeutig pro Stalin, in einer Umfrage bewerten 52 Prozent der Russen sein Erbe als positiv.

Wolkow: Vor meinem Volk habe ich keine Angst. Und ich glaube nicht, dass Stalin wirklich so populär ist. In der Gesellschaft gibt es ein Verlangen nach Ordnung und Gerechtigkeit, und vielen gilt Stalin leider als ein Symbol dafür. Das heißt nicht, dass die Leute nicht wissen, wofür er verantwortlich ist, aber sie halten seine Untaten für ein notwendiges Übel.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Wolkow: Bei uns sind viele Menschen an der Macht, denen das Volk egal ist. Manager von Staatskonzernen verheimlichen ganz legal ihr Milliardeneinkommen, derweil wird der letzte Rest des sowjetischen Sozialstaats abgebaut. Für Krankenhäuser und Kindergärten ist kein Geld da, die Leute sagen dann: Unter Stalin wäre das nicht passiert. Wenn wir einen funktionierenden Staat und unabhängige Gerichte hätten, wenn es keine Korruption gäbe, wäre Stalin doch längst vergessen - jedenfalls als Identifikationsfigur. In den Familien der Verfolgten, auch der Wolgadeutschen, wird man diesen Namen natürlich nie vergessen.

SPIEGEL ONLINE: In der Ukraine werden Lenin-Denkmäler demontiert. Was halten Sie davon?

Wolkow: So darf man nicht vorgehen. Man kann Geschichte nicht ungeschehen machen, man muss sich erinnern und gedenken. Und vorwärts gehen! Unsere Gesellschaft suhlt sich in der Sowjetvergangenheit, die für viele auch ihr Gutes hatte, wie den Sozialstaat. Ich verstehe also eine gewisse Sowjetnostalgie. Aber wir leben im 21. Jahrhundert. Ein Denkmal für einen Massenmörder ist doch absurd.

SPIEGEL ONLINE: Sollen denn die Lenin-Denkmäler stehen bleiben?

Wolkow: Lenin kann man doch nicht mit Stalin gleichsetzen. Er steht in den Augen vieler für die guten Seiten der Sowjetunion, man verbindet "Opa Lenin" ganz allgemein mit der Sowjetzeit. Und das darf man den Leuten nicht einfach so nehmen. Es kommt ein Tag, da wird man Denkmäler zu seinen Ehren seelenruhig abbauen, und es wird niemanden interessieren.

insgesamt 45 Beiträge
P-Centurion 08.05.2015
1.
Wenn ich sehe was für eine Veranstaltung beim Tod von Chris Kyle gemacht wurde und er auch ein Quasi-Denkmal mit dem Film hat, dann kann ich mich über sowas nicht aufregen. Chris Kyle war nämlich auch ein Massenmörder, hat das [...]
Wenn ich sehe was für eine Veranstaltung beim Tod von Chris Kyle gemacht wurde und er auch ein Quasi-Denkmal mit dem Film hat, dann kann ich mich über sowas nicht aufregen. Chris Kyle war nämlich auch ein Massenmörder, hat das mehrmals offen und stolz zugegeben, aber trotzdem wird er noch so blind verehrt.
karljosef 08.05.2015
2. Die Russen müssen uns weit voraus sein.
Die haben offensichtlich bereits ein "ministery of truth". Anders kann ich mir nicht erklären, dass man heute noch ein Denkmal für Stalin errichten will.
Die haben offensichtlich bereits ein "ministery of truth". Anders kann ich mir nicht erklären, dass man heute noch ein Denkmal für Stalin errichten will.
trompetenmann 08.05.2015
3. Völliges Unverständnis!
Ein Denkmal für Stalin? Aus meiner Sicht völlig unverständlich. Schade, dass die Russen nie eine funktionierende Demokratie kennen gelernt haben. Dann gäbe es diese Diskussion nicht. Die Lage in Russland muss schon sehr [...]
Ein Denkmal für Stalin? Aus meiner Sicht völlig unverständlich. Schade, dass die Russen nie eine funktionierende Demokratie kennen gelernt haben. Dann gäbe es diese Diskussion nicht. Die Lage in Russland muss schon sehr schlecht sein, wenn man Stalin ein Denkmal bauen will. Wahnsinn.
sagichned 08.05.2015
4.
"Mein Großvater wurde 1941 als Wolgadeutscher nach Sibirien deportiert und zur Zwangsarbeit eingezogen. Er musste jahrelang auf dem Bau schuften." Ein ganz normaler Vorgang wärend des zweiten Weltkrieges. [...]
"Mein Großvater wurde 1941 als Wolgadeutscher nach Sibirien deportiert und zur Zwangsarbeit eingezogen. Er musste jahrelang auf dem Bau schuften." Ein ganz normaler Vorgang wärend des zweiten Weltkrieges. Potentielle Kollaborateure (auch deren Frauen und Kinder) wurden von allen Kriegsparteien deportiert oder in Konzentrationslager gesteckt. Wenn man nicht erwähnt, dass diese Umsiedlungen für diese Kriegszeit nichts außergewöhnliches waren, dann betreibt man ganz einfach Geschichtsklitterung.
schamot 08.05.2015
5. versoffene russen wieder
als ob wir hitlerstatuen aufstellen würden...und würden wir es tun, wäre das geschrei in russland groß, hier würden wieder nazis marschieren
als ob wir hitlerstatuen aufstellen würden...und würden wir es tun, wäre das geschrei in russland groß, hier würden wieder nazis marschieren
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