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Panorama

Katastrophenfall im Berchtesgadener Land

Hinter der weißen Wand

Im Berchtesgadener Land sind die Häuser zahlreicher Bewohner zugeschneit, die Menschen kamen teils nur über die Balkone ins Freie. In die Angst mischt sich inzwischen auch vereinzelt Wut auf die Behörden.

DPA
Von
Montag, 14.01.2019   07:39 Uhr

Der Ärger und der Schock sind Inge Brandmaier noch anzumerken. Die 62-Jährige redet sich regelrecht in Rage. Groß war der Stress der vergangenen Tage. Der Schnee auf dem Dach war sehr hoch, doch vor allem vor dem Haus machte eine Wand aus dem kalten Weiß ihrer Familie das Leben schwer. Brandmaier lebt in Klaushöhe, einem Ortsteil von Berchtesgaden - und ihr Zuhause in rund 1000 Meter Höhe war völlig zugeschneit.

"Der Schnee lag so hoch, dass wir die Tür nicht nutzen konnten, sondern mit der Leiter über den Balkon ins Fenster klettern mussten", sagt sie. Noch immer liegt an diesem Sonntagvormittag der Schnee in weiten Teilen des Anwesens mehr als zwei Meter hoch. Mühsam haben sich die Bewohner einige Gänge durch die Schneemassen gegraben, vom Garten ist nichts mehr zu sehen.

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Winter: Schneemassen in den Alpen

Auch auf dem Dach habe viel Schnee gelegen, sagt Brandmaier. Sie fürchtete, dass durch die Last vielleicht ein Fenster einbricht oder dass ihre Familie komplett eingeschneit wird. "Ich hatte wirklich Angst", sagt Brandmaier. Später bricht sie bei einem Interview vor der Kamera kurz in Tränen aus.

Neben Inge Brandmaier leben auch ihr Mann, ihre Tochter, der Schwiegersohn und der siebenmonatige Enkel in dem Anwesen. Seit mehr als drei Jahrzehnten sei Berchtesgaden bereits ihre Heimat, sagt Brandmaier. "Aber so etwas habe ich noch nicht erlebt."

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Inge Brandmaier vor ihrem Haus

Auch Tochter Nina Renoth, die den kleinen Lorenz auf dem Arm trägt, berichtet später: Ja, man habe Angst gehabt. Sie und Inge Brandmaier ärgern sich aber auch, die Wut richtet sich gegen die Behörden. "Von wegen, da wird einem geholfen", sagt Brandmaier. Am ersten Tag sei beim Bürgertelefon belegt gewesen. Später habe es dann geheißen, die anstehenden Dachräumungen seien dringender.

Die Mehrgenerationen-Familie legte schließlich selbst Hand an. Tagsüber wurde die meiste Zeit geschippt. "Außerdem haben wir eine Firma engagiert, die uns beim Räumen geholfen hat", sagt Brandmaiers Schwiegersohn Christian Renoth. Der 38-Jährige freut sich, dass auch viele Bekannte und Freunde mit angepackt hätten. "Bei uns hält man in Notlagen zusammen." Er hat Verständnis für die Behörden. Das Landratsamt werde sicher nach Gefahrenlage aussuchen, wo zuerst geholfen wird.

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Gerhard Schmitz, der Mann von Inge Brandmaier, beim Schneeschippen

Tatsächlich arbeiten die Helfer im Landkreis Berchtesgadener Land auf Hochtouren, das Landratsamt hat dort am Donnerstag den Katastrophenfall ausgerufen. Nach Behördenangaben sind in dem Landkreis im Südosten Bayerns derzeit mehr als 1600 Kräfte im Einsatz, etwa von den Freiwilligen Feuerwehren, dem Technischen Hilfswerk, der Bundeswehr, der Bundespolizei oder der Bergwacht. Doch sie kommen kaum hinterher: Bei den Einsatzleitungen sind mittlerweile Meldungen über knapp 900 Dächer eingegangen, die von erheblicher Schneelast bedeckt sind; bis Samstagabend konnten laut Landratsamt nur gut 300 davon freigeschaufelt werden.

Video: Bundeswehr hilft beim Winterdienst

Foto: DPA

Zuerst würden Bundeswehr und andere Einsatzkräfte die Dächer räumen, bei denen akute Gefahr bestehe, sagt ein Sprecher des Landratsamts. Es werde nach Dringlichkeit abgestuft. Natürlich könne es deshalb auch manche enttäuschte Hausbesitzer geben.

Die Angst ist groß, dass ein Gebäude unter der Schneelast zusammenkrachen könnte. In Erinnerung ist den Menschen in Oberbayern noch die Katastrophe von Bad Reichenhall im Jahr 2006: Als dort eine Eishalle einstürzte, starben 15 Menschen. In Inzell im Landkreis Traunstein ist in der Nacht von Donnerstag auf Freitag das Dach einer Lagerhalle eingestürzt, verletzt wurde dabei niemand.

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Eingebrochenes Dach in Inzell

Besonders betroffen von dem im Vergleich zu den vergangenen Jahren heftigen Schneeeinbruch in der Region ist auch der Berchtesgadener Ortsteil Buchenhöhe. Eine Woche lang war die Straße dorthin gesperrt. Bäume drohten unter der Schneelast zu brechen. Am Sonntagmittag schneiden Soldaten die Straße schließlich zumindest vorläufig frei. Auf den Häusern in Buchenhöhe liegt jedoch zum Teil noch immer extrem viel Schnee.

Soldaten sollen am Sonntag die Dächer freiräumen, mit gepanzerten Kettenfahrzeugen fahren zahlreiche Gebirgsjäger am Mittag hinauf nach Buchenhöhe - mit einem besonderem Gast an Bord: Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Oben auf der Höhe angekommen lobt sie die Arbeit der Truppe: "Es ist für unsere Soldaten ein wichtiger Einsatz. Es bedeutet uns viel, dass wir hier in Bayern so gut aufgenommen sind, willkommen sind in den Gemeinden, gut integriert sind in die Gemeinschaft vor Ort." Die Bundeswehr komme, wenn sie gebraucht werde. "Und sie bleibt so lange, wie sie gebraucht wird."

Einer, der dringend gebraucht wird, ist der Hauptgefreite Ferdinand Hammer. Der 19 Jahre alte Soldat vom in Bischofswiesen stationierten Gebirgsjägerbataillon 232 hat gerade auf einem der Dächer Schnee nach unten geschüttet. Er sei vorsichtig, Angst habe er dabei aber nicht. "Wir wissen, was wir tun", sagt er. Hammer trägt eine weiß-graue Winteruniform und freut sich: "Es ist ein sehr gutes Gefühl, den Menschen hier zu helfen."

Dankbar ist den Gebirgsjägern etwa Christian Hinterbrandner. Der Leiter des Asthmazentrums in Buchenhöhe mit rund hundert chronisch kranken Kindern und Jugendlichen sagt, wegen des Engagements der Gebirgsjäger sei es möglich gewesen, die jungen Patienten weiter zu versorgen. Seit einer Woche läuft das Zentrum im Notbetrieb. Mitarbeiter mussten die vergangenen Tage von der Bundeswehr gebracht und abgeholt werden. "Gut, dass wir die Hilfe bekommen haben", sagt Hinterbrandner.

insgesamt 138 Beiträge
minimalmaxi 14.01.2019
1.
Bei einer solchen Katastrophe sollte man nicht verärgert oder wütend sein. Alle geben ihr Bestes und sind bemüht, zu helfen wo es geht.
Bei einer solchen Katastrophe sollte man nicht verärgert oder wütend sein. Alle geben ihr Bestes und sind bemüht, zu helfen wo es geht.
john_doo 14.01.2019
2. Früher war das ein Beitrag in ...
... der Regionalzeitung, heute wird da ein Aufriss gemacht, als wäre es auf einmal eine Besonderheit, dass es im Winter kalt wird, schneit und im Vergleich zum Rest der Republik SO viel ist. Und dann auch noch in den Bergen. Wer [...]
... der Regionalzeitung, heute wird da ein Aufriss gemacht, als wäre es auf einmal eine Besonderheit, dass es im Winter kalt wird, schneit und im Vergleich zum Rest der Republik SO viel ist. Und dann auch noch in den Bergen. Wer hätte so was ahnen können?!
fatherted98 14.01.2019
3. sorry....
....habe so was auch schon mal erlebt....bis an den Dachfirst eingeschneit....da muss man frühzeitig reagieren....das Dach räumen bevor 2m Schnee draufliegen....um das Haus herum räumen soweit möglich.....klar....das Problem [...]
....habe so was auch schon mal erlebt....bis an den Dachfirst eingeschneit....da muss man frühzeitig reagieren....das Dach räumen bevor 2m Schnee draufliegen....um das Haus herum räumen soweit möglich.....klar....das Problem wohin mit dem ganzen Schnee stellt sich immer...aber die Leute sind doch nicht in Mallorca beheimatet und müssten auch solche extremen Wetterlagen einschätzen können. Unverständlich allerdings auch die nur "wenigen" BW Soldaten die dort im Einsatz sind.....warum da nicht letzte Woche schon ein paar tausend Mann/Frau ins Krisengebiet geschickt werden konnten....der Katastrophenfall zum Einsatz galt ja schon. Naja....Hauptsache Frau v.d.L. kommt jetzt zum Schulterklopfen.
mwroer 14.01.2019
4.
Bei allem Verständnis - es muss jedem klar sein dass die Behörden in erster Linie für die öffentlichen Gebäude und die Infrastruktur zu sorgen haben. Mir würde nicht einfallen darauf zu warten dass jemand das Dach meines [...]
Bei allem Verständnis - es muss jedem klar sein dass die Behörden in erster Linie für die öffentlichen Gebäude und die Infrastruktur zu sorgen haben. Mir würde nicht einfallen darauf zu warten dass jemand das Dach meines Privathauses freischaufelt oder mir Wege von der Haustür zur Straße buddelt.
erzengel1987 14.01.2019
5. ok
Also man muss Behörden irgendwo in Schutz nehmen. Solche Schneemassen sind erstmal sehr ungewöhnlich. Bei einer allgemeinen Erwärmung wird so ein Fall wohl auch eher seltener werden. (Außer der Golfstrom ändert sich). Das [...]
Also man muss Behörden irgendwo in Schutz nehmen. Solche Schneemassen sind erstmal sehr ungewöhnlich. Bei einer allgemeinen Erwärmung wird so ein Fall wohl auch eher seltener werden. (Außer der Golfstrom ändert sich). Das man sich nicht zu hundert Prozent auf Hilfe verlassen kann ist denke ich mal auch klar. Man muss bei Eigentum immer selbst Hand anlegen solange man es selber machen kann. Hilfsbedürftig sind die die zu alt zu schwach oder krank sind und nicht ihr Dach selbst räumen können. Andererseits es gibt wesentlich schlimmere Unwettersituationen. Hier kann man später erzählen, seht mal wir waren so tief im Schnee versunken. Man sollte auch das beste rausholen und hier solange kein Gebäude einstürzt oder man in einer Lawine ums Leben kommt... ist das doch ein richtig tolles Abenteuer. Leider wird das schlimmste wohl noch kommen... wenn das ganze schmilzt dürfte ein Hochwasser folgen mit wahrscheinlich weitaus mehr Sachschäden...

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