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Politik

Türkei

BND zweifelt an Gülens Verantwortung für Putschversuch

Der türkische Präsident Erdogan geißelt die Anhänger der Gülen-Bewegung als Terroristen und macht sie verantwortlich für den Putschversuch gegen ihn. Im SPIEGEL widerspricht BND-Präsident Kahl.

AFP

Demonstration auf dem Gundogdu Platz in Izmir am 4. August 2016 nach dem Putschversuch

Von , und
Samstag, 18.03.2017   08:16 Uhr

Der Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND) Bruno Kahl widerspricht der türkischen Regierung mit Blick auf den Putschversuch gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan im Sommer vergangenen Jahres. "Der Putsch war wohl nur ein willkommener Vorwand", sagte Kahl dem SPIEGEL über die Säuberungswelle in der Türkei nach dem versuchten Staatsstreich. "Was wir als Folge des Putsches gesehen haben, hätte sich - vielleicht nicht in der gleichen Tiefe und Radikalität - auch so ereignet." (Lesen Sie hier das ganze Gespräch im neuen SPIEGEL.)

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Kahl sieht außerdem keine Anzeichen dafür, dass die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen hinter dem Putschversuch steckt. "Die Türkei hat auf den verschiedensten Ebenen versucht, uns davon zu überzeugen. Das ist ihr aber bislang nicht gelungen", sagt der BND-Präsident. Ebenso widerspricht er der von der Türkei propagierten Aussage, die Gülen-Bewegung sei eine islamisch-extremistische oder gar terroristische Bewegung: "Die Gülen-Bewegung ist eine zivile Vereinigung zur religiösen und säkularen Weiterbildung."

DPA

Bruno Kahl

Die Aussagen des BND-Chefs bergen außenpolitischen Sprengstoff. Die türkische Regierung macht die Gülen-Bewegung für den Putschversuch gegen Erdogan verantwortlich und verdammt sie als islamistische Terrororganisation. Kahl widerspricht dem fundamental - und wirft Erdogan vor, unter einem Vorwand mehr als hunderttausend Beamte entlassen und mehrere Tausend Menschen inhaftiert zu haben.

Das Verhältnis zwischen Berlin und Ankara ist derzeit ohnehin extrem angespannt. Auslöser war, dass der Türkei-Korrespondent der Zeitung "Die Welt", Deniz Yücel, unter unklaren Umständen festgenommen wurde und bis heute in Untersuchungshaft sitzt.

Hinzu kommt der Disput um teilweise abgesagte Wahlkampfauftritte türkischer Politiker in Deutschland. Dort wollten Mitglieder der türkischen Regierungspartei AKP bei in Deutschland lebenden Türken für die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei werben. Am 16. April soll über eine entsprechende Änderung der türkischen Verfassung bei einem Referendum abgestimmt werden. Sollte es dazu kommen, würde Präsident Erdogan viel mehr Macht erhalten als bislang. Seit der Absage einiger geplanter Wahlkampfauftritte türkischer Politiker hat Erdogan wiederholt Nazi-Vergleiche im Bezug auf Deutschland gemacht.

Im Gespräch mit dem SPIEGEL warnte Kahl zudem vor einer zunehmenden Bedrohung Deutschlands und Europas durch Russland. "Die russische Bedrohung hat sich verschärft", sagte der BND-Chef: "Russland hat die Kampfkraft an der Westgrenze verdoppelt. Das kann man nicht alles als Defensive gegen den Westen beurteilen."

Zudem sei es möglich, dass Russland versuchen werde, die deutsche Bundestagswahl zu beeinflussen. "Wir müssen zumindest damit rechnen, dass es passieren kann", so Kahl. Hintergrund dieser Äußerungen ist die Debatte um aus Russland gesteuerte Fake-News-Kampagnen, russische Einmischung in den US-Präsidentschaftswahlkampf vergangenes Jahr und ein Hackerangriff auf den Bundestag, hinter dem die deutschen Geheimdienste Russland vermuten.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - erhältlich ab Samstagmorgen und schon heute ab 18 Uhr im digitalen SPIEGEL.

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insgesamt 240 Beiträge
Kurt2.1 18.03.2017
1. .
Ich habe nie an die Verschwörung der Gülen-Bewegung geglaubt. Es war ein von Erdogan inszenierter Putsch. Die Putschisten, die auf Erdogans Betreiben aufgehetzt wurden, sind ins offene Messer gelaufen. Man versprach ihnen [...]
Ich habe nie an die Verschwörung der Gülen-Bewegung geglaubt. Es war ein von Erdogan inszenierter Putsch. Die Putschisten, die auf Erdogans Betreiben aufgehetzt wurden, sind ins offene Messer gelaufen. Man versprach ihnen Unterstützung für einen landesweiten Putsch, doch der blieb aus. Die Putschisten wurden von den eigenen Leuten verraten und für schuldig erklärt. Es war der Startschuss für die Machtübernahme. Das Referendum ist der Abschluss. Mit seiner perfiden, lauten Stimmungsmache will Erdogan von den offensichtlichen Tatsachen ablenken. Es wird ihm nicht gelingen.
psiloriti 18.03.2017
2. Endlich
wird hinterfragt, was schon öängst hätte passieren müssen. Schön, dass nach so langer Zeit hoffentlich mal die richtigen Fragen gestellt werden, egal wie man zu Gülen Bewegung steht. Schließlich waren die beiden lange Zeit [...]
wird hinterfragt, was schon öängst hätte passieren müssen. Schön, dass nach so langer Zeit hoffentlich mal die richtigen Fragen gestellt werden, egal wie man zu Gülen Bewegung steht. Schließlich waren die beiden lange Zeit Partner.
kwoik 18.03.2017
3. Mal ehrlich
Die ganze Sache war doch inzidiert. Es wurden junge Soldaten missbraucht um am Ende Erdogahn als Retter der Nation darstellen zu lassen. Sollen sie es doch glauben, sollen sie doch ihr geliebten Erdogahn endgültig zum Diktator [...]
Die ganze Sache war doch inzidiert. Es wurden junge Soldaten missbraucht um am Ende Erdogahn als Retter der Nation darstellen zu lassen. Sollen sie es doch glauben, sollen sie doch ihr geliebten Erdogahn endgültig zum Diktator machen. Hauptsache sie leben dann auch dort.
gammoncrack 18.03.2017
4. Weia. Das ist hochexplosiver Sprengstoff für die
"Beziehungen" zwischen der Türkei und Deutschland. Man müsse sich mal vorstellen, dass Deniz Yücel als Journalist durch Recherchen feststellen konnte, dass Erdogan tatsächlich diesen Putsch selbst angeschoben hat. [...]
"Beziehungen" zwischen der Türkei und Deutschland. Man müsse sich mal vorstellen, dass Deniz Yücel als Journalist durch Recherchen feststellen konnte, dass Erdogan tatsächlich diesen Putsch selbst angeschoben hat. Das bekommt er ja nicht alleine hin. Yücel muss ja nur einen Menschen zum sprechen gebracht haben, der das wusste. Dann wird er das Gefängnis natürlich nie mehr verlassen. Es ist ja schon mehr als erstaunlich, dass Erdogan wegen eines einzigen Journalisten diese starke Beziehungskrise, ja nicht nur mit Deutschland, immer weirer eskalieren lässt. Ich glaube in inzwischen, dass da wirklich etwas dran ist. Es wäre doch ein leichtes gewesen, einem deutschen Diplomaten zumindest den Kontakt zu erlauben. Aber, wenn Yücel über sehr brisante Informationen verfügt, dann muss Erdogan das mit allen Mitteln verhindern. Koste es was es wolle.
antiabmahn 18.03.2017
5. Putsch war Glücksfall für Erdogan
Der Putsch wurde dilettantisch durchgeführt, zum Teil wussten viele nicht woher genau Befehle kommen!? Es würde mich nicht wundern wenn. sich eines Tages heraus stellt, das Erdogan selbst oder sein vertrautes Umfeld diesen [...]
Der Putsch wurde dilettantisch durchgeführt, zum Teil wussten viele nicht woher genau Befehle kommen!? Es würde mich nicht wundern wenn. sich eines Tages heraus stellt, das Erdogan selbst oder sein vertrautes Umfeld diesen Putsch organisiert hat. Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht!
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