Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Libyscher General Haftar

Putins Wüstenfuchs

Russland baut seine Macht am Mittelmeer aus: Der vom Kreml protegierte General Khalifa Haftar kontrolliert die Hälfte Libyens. Das gibt Wladimir Putin ein neues Druckmittel gegen die EU in die Hand.

REUTERS
Von und
Montag, 20.03.2017   14:40 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Mann, auf den Wladimir Putin in Libyen setzt, hat schon vielen Herren gedient. In der Sowjetunion ausgebildet, unterstützte Khalifa Haftar 1969 als junger Offizier Muammar al-Gaddafis Putsch gegen König Idris und stieg zum Generalstabschef des Revolutionsführers auf. Nachdem Haftar in einem Grenzkonflikt mit dem Tschad in Kriegsgefangenschaft geriet, fiel er Ende der Achtzigerjahre beim Diktator in Ungnade.

Die USA gewährten ihm Exil und unterstützten 1996 eine von Haftar angeführte Revolte gegen Gaddafi, die jedoch rasch scheiterte. Der General kehrte in sein Haus in der Nähe der CIA-Zentrale bei Washington zurück. Libyschen Boden betrat er erst wieder, nachdem Gaddafi 2011 gestürzt worden war.

Inzwischen ist Haftar 73. Und trotz seines gesetzten Alters ist er derzeit der mächtigste Mann Libyens. Ihm untersteht die Libysche Nationale Armee, die hauptsächlich aus Überbleibseln des Gaddafi-Militärs besteht. Ähnlich wie Haftar wurden ihre Führungsfiguren einst in der Sowjetunion militärisch ausgebildet, entsprechend gut sind ihre Verbindungen nach Moskau.

SPIEGEL ONLINE

Haftar verweigert der Regierung die Gefolgschaft

Haftar steht an der Spitze der Armee, weigert sich aber, die Regierung von Ministerpräsident Fayez Sarraj in Tripolis anzuerkennen. Der deutsche Leiter der Uno-Mission in Libyen, Martin Kobler, hatte nach monatelangen Verhandlungen Ende 2015 die Bildung einer Einheitsregierung vermittelt, in der die rivalisierenden Milizen und Warlords vertreten sind. Doch Haftar weigert sich beharrlich, seine Truppen, die knapp die Hälfte des Landes beherrschen, der Regierungskontrolle zu unterstellen. Inzwischen hat er sich zum Feldmarschall ernannt.

Bei einem Treffen in Kairo im Februar soll Premier Sarraj dem General sogar den Posten des Verteidigungsministers angeboten haben, doch Haftar lehnte ab. Sarraj und seinen Förderern fehlen die militärischen und wirtschaftlichen Mittel, um den Armeechef zum Einlenken zu zwingen.

Haftar weiß bedeutende Unterstützer hinter sich: Ägyptens Präsidenten Abdel Fattah el-Sisi und - noch wichtiger - Russlands Staatschef Wladimir Putin. Der Kreml wittert die Chance, mit Haftars Hilfe in einem weiteren Land des Arabischen Frühlings das Machtverhältnis zu seinen Gunsten zu verändern.

Fotostrecke

Warlord in Libyen: Haftars Befehl

In Syrien hat die russische Militärintervention das Überleben des Assad-Regimes vorerst gesichert. Ägyptens Militär führt erstmals seit dem Ende der Nasser-Ära Anfang der Siebzigerjahre wieder gemeinsame Manöver mit der russischen Armee durch - und nun herrscht mit Haftar im Osten Libyens ein Mann, der sich auch an Russland orientiert.

Besuch auf russischem Flugzeugträger

Und Moskau hat deutlich gemacht, dass Haftar der Mann ist, auf den Russland in Libyen setzt. Mehrfach haben Außen- und Verteidigungsminister den General in den vergangenen Monaten in der russischen Hauptstadt empfangen, vor einer Woche war einer seiner Gesandten für Gespräche in Moskau. Als im Januar der Flugzeugträger "Admiral Kusnezow" auf dem Rückweg aus dem Mittelmeer vor Syrien vor der libyschen Hafenstadt Tobruk ankerte, begrüßte die russische Armee Haftar auf dem Schiff.

Der General soll vor allem russische Wirtschaftsinteressen in Libyen durchsetzen. Gaddafi hat in den vergangenen Jahren vor seinem Sturz noch umfangreiche Rüstungsverträge mit Moskau abgeschlossen. Nach Angaben der für Waffenexporte zuständigen Regierungsbehörde sind Russland durch den Sturz des Diktators Verträge im Wert von mindestens vier Milliarden US-Dollar verloren gegangen. 2010, im Jahr vor dem Aufstand gegen Gaddafi, war Libyen noch der zweitwichtigste Abnehmer russischer Rüstungsausfuhren.

Haftar soll in Aussicht gestellt haben, die von Gaddafi unterzeichneten Verträge teilweise wieder in Kraft zu setzen und Waffen im Wert von zwei Milliarden US-Dollar in Russland zu kaufen. Der Kreml bestreitet entsprechende Verhandlungen - auch deshalb, weil Waffenexporte nach Libyen wegen der noch immer geltenden Uno-Embargos illegal wären. Der General fordert seit Monaten eine Aufhebung des Waffenembargos.

Russische Söldner in Bengasi

Bezahlen könnte Haftar mit Öl- und Gasexporten. Seine Truppen kontrollieren fast alle wichtigen Erdölförderstätten und -häfen im Osten des Landes. Seither hat sich die Menge des geförderten Öls von 300.000 Barrel auf 700.000 Barrel pro Tag mehr als verdoppelt. Im Februar unterzeichnete der Chef des russischen Ölgiganten und Putin-Vertraute Igor Setschin zusammen mit dem Chef der libyschen Ölgesellschaft Mustafa Sanalla einen Vertrag über die Zusammenarbeit bei der Erdölproduktion und der Erschließung neuer Erdölvorkommen.

Dieses Abkommen sei von großer Bedeutung, weil Russland auf diese Weise die Möglichkeit bekomme, "wirtschaftliche und andere Beziehungen wiederherzustellen, die durch den Sturz Gaddafis unterbrochen wurden", schrieb die "Nesawissimaja Gaseta" aus Moskau.

Längst sind auch russische Söldner in Libyen stationiert. Oleg Krinistyn, Chef des privaten Militärunternehmens RSB, bestätigte, dass seine Mitarbeiter rund um Bengasi tätig seien. Nach offiziellen Angaben, um eine Erdölraffinerie von Minen zu räumen und Erdöltanker vor Piraten zu schützen.

Alarmruf aus Malta

Moskau bestreitet, dass reguläre russische Truppen auf Seiten Haftars im Einsatz sind. Ebenso entschieden dementierte das Verteidigungsministerium die Stationierung von Spezialeinheiten auf einem ägyptischen Militärstützpunkt unweit der libyschen Grenze. Angesichts des russischen Engagements in Syrien halten Experten in Moskau die Entsendung von Bodentruppen in den Libyenkonflikt auch erst einmal für unwahrscheinlich.

Doch auch so nutzt Russland das Vakuum, das der Westen in Libyen hinterlassen hat. Für Donald Trump scheint das Land allenfalls eine untergeordnete Rolle zu spielen. Die EU blickt vor allem wegen der Tausenden Flüchtlinge, die nach wie vor über das Mittelmeer nach Italien kommen, sorgenvoll auf Libyen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und die anderen Staats- und Regierungschefs setzen darauf, dass die Übergangsregierung die Flüchtlingsboote an der Abfahrt hindert. Doch große Teile der Küste werden gar nicht von der Regierung kontrolliert, sondern von General Haftar.

Malta, das EU-Land, das Libyen am nächsten liegt, sieht die Entwicklungen dort mit besonderer Sorge. Außenminister George Vella hat in den vergangenen Wochen schon mehrfach vor einem Szenario gewarnt, bei dem Russland und seine Verbündeten darüber entscheiden, wie viele Flüchtlinge in Libyen Richtung EU in See stechen.


Zusammengefasst: Der General Khalifa Haftar ist zum mächtigsten Warlord in Libyen aufgestiegen. Russland zählt zu seinen wichtigsten Unterstützern. Moskau arbeitet wirtschaftlich und militärisch mit dem 73-Jährigen zusammen und will diese Kooperation weiter ausbauen. Die Weigerung Haftars, seine Truppen der von der Uno unterstützten Zentralregierung zu unterstellen, lähmt die politische Einigung. Das macht die Hoffnungen der EU auf ein stabiles Libyen, das Flüchtlinge an der Überfahrt nach Europa hindert, noch unrealistischer.

insgesamt 90 Beiträge
marinero7 20.03.2017
1. Was ist da schief gelaufen?
Er war in den USA im Exil? Und hat in der Nähe der CIA-Zentrale in Washington gewohnt? Und die USA haben keinen Einfluß auf ihn? Wer soll das glauben oder was ist da schief gelaufen?
Er war in den USA im Exil? Und hat in der Nähe der CIA-Zentrale in Washington gewohnt? Und die USA haben keinen Einfluß auf ihn? Wer soll das glauben oder was ist da schief gelaufen?
vox veritas 20.03.2017
2. Spielchen
Mir scheint als würde Putin das geopolitische Spiel besser beherrschen als die Politiker der EU. Es wäre bestimmt nicht schlecht, wenn man sich etwas in diese Richtung orientieren würde. Es sieht nämlich so aus, als würde [...]
Mir scheint als würde Putin das geopolitische Spiel besser beherrschen als die Politiker der EU. Es wäre bestimmt nicht schlecht, wenn man sich etwas in diese Richtung orientieren würde. Es sieht nämlich so aus, als würde Putin "Schachfiguren" positionieren und irgendwann mal "Schach Matt" rufen
Paul-Merlin 20.03.2017
3. Besser ein Hafta als
30 Warlords. Der Punkt ist doch, das in allen arabischen Ländern eine Demokratie westlichen Zuschnitts schlichtweg nicht funktioniert. Bevor rivalisierende Stämme permanent übereinander herfallen und sich neben weiteren [...]
30 Warlords. Der Punkt ist doch, das in allen arabischen Ländern eine Demokratie westlichen Zuschnitts schlichtweg nicht funktioniert. Bevor rivalisierende Stämme permanent übereinander herfallen und sich neben weiteren regionalen Scheichs und islamistisch angehauchten Gotteskriegern auch noch schlichte Banditen um die Fleischtöpfe Libyens balgen ist ein möglichst gemäßigter starker Mann das deutlich geringere Übel. Es wäre daher sinnvoll, dass nicht nur Russland sondern auch der Westen General Khalifa Haftar unterstützt. Schlimmer als die angeblichen demokratischen Parteivertreter in Tripolis ist der auch nicht. Das verhindert dann auch, dass überflüssige und sinnlose Stellvertreterkriege das Leid der geschundenen Bevölkerung nur noch mehr vergrößert.
westin 20.03.2017
4. Mit Haftar zu verhandeln
Wäre gar nicht so schlecht,wenn Russland da mal aufräumt. Denn die islamistischen Rebellen,die Ghadafi umgebrachten,haben keinen Rückhalt mehr in der Bevölkerung. Ausserdem spricht nichts dagegen auch mit Haftar zu [...]
Wäre gar nicht so schlecht,wenn Russland da mal aufräumt. Denn die islamistischen Rebellen,die Ghadafi umgebrachten,haben keinen Rückhalt mehr in der Bevölkerung. Ausserdem spricht nichts dagegen auch mit Haftar zu verhandeln, denn auf Ihn kann man sich verlassen.
horstvonork 20.03.2017
5. Wunderbar...
... wie abhängig sich die EU von Despoten macht. Der eine liefert das Gas (Russland), der nächste blockiert die Durchleitungen oder zapft den eigenen Anteil ab (Urkaine), der dritte hortet Flüchtlinge zu Hundertausenden als [...]
... wie abhängig sich die EU von Despoten macht. Der eine liefert das Gas (Russland), der nächste blockiert die Durchleitungen oder zapft den eigenen Anteil ab (Urkaine), der dritte hortet Flüchtlinge zu Hundertausenden als Faustpfand (Türkei), der nächste sorgt dafür dass diese überhaupt ihr Land verlassen (Syrien), den Rest macht die Terrororganisation Hamas (Libanon, Gaza), zwischen drin muss das kleine Israel gegen alle Nachbarn verteidigt werden, der nächste schafft es kaum noch Touristen ins Land zu locken (Ägypten), weiter gen Westen streiten sich ost- und West-Lager um die Vormachtstellung (Lybien), Tunesien ist weder sicher noch sonstwie attraktiv und scheinbar aif der Schiene sich weiter zu radikalisieren, kommen wir nach Algerien und Marokko was aus europäischer Sicht ja fast ruhig ist. Also vom Nordpol bis ums Mittelmeer problembehaftet - das wünscht man sich doch als direkte bzw. indirekte Aussengrenze...
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

IS-Terror in Libyen

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP