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Politik

Rechtsextremismus

Deutsche und polnische Neonazis verbrüdern sich

Sie verabreden sich zu Gewaltdemos und Neonazi-Konzerten: Deutsche und polnische Rechtsradikale arbeiten immer stärker zusammen. Kenner der Szene berichten über beunruhigende Aktionen.

imago/ Christian Ditsch

Deutsche und polnische Neonazis in Frankfurt an der Oder (Archivaufnahme vom September 2016)

Von Thomas Dudek
Mittwoch, 22.03.2017   11:01 Uhr

Kaum ein anderer Ort steht so sehr für die deutsch-polnische Annäherung wie das in Niederschlesien gelegene Kreisau, das auf polnisch Krzyzowa heißt. Im November 1989 feierten hier der damalige Kanzler Helmut Kohl und Tadeusz Mazowiecki, der erste nichtkommunistische Regierungschef Polens nach dem Zweiten Weltkrieg, eine Versöhnungsmesse.

Hier eröffnete 1998 die Internationale Jugendbegegnungsstätte, die nicht nur der deutsch-polnischen, sondern auch der europäischen Verständigung dient. Und dies an einem historisch symbolischen Ort. Das ehemalige Gut der Familie von Moltke war das Zentrum des Kreisauer Kreises, einer bürgerlichen Widerstandsgruppe gegen das Naziregime.

Doch ausgerechnet in der unmittelbaren Nachbarschaft fand kürzlich unter dem Motto "Night of Terror" ein Konzert statt, das das Bundesamt für Verfassungsschutz veranlasste, Kontakt mit dem polnischen Inlandsgeheimdienst ABW aufzunehmen. Denn der Stargast des Konzerts war die Dortmunder Combo Oidoxie, eine Größe in der internationalen Neonazi-Szene, deren Umfeld auch Verbindungen zum NSU nachgesagt werden. Organisiert wurde das Konzert von der polnischen Sektion von Blood & Honour, einem internationalen rechten Netzwerk, das momentan eine Reorganisierung erlebt. Zu dem in dem Dorf Grodziszcze veranstalteten Konzert kamen rund 300 Neonazis aus Deutschland und Polen.

"In den letzten Jahren fand ein Dutzend solcher Neonazi-Konzerte in Polen statt", heißt es in einer Erklärung des Bundesamts für Verfassungsschutz gegenüber dem SPIEGEL. Als Indiz für eine verstärkte Annäherung zwischen deutschen und polnischen Rechtsradikalen möchte der Verfassungsschutz das jedoch nicht deuten. "Die politischen und vor allem die historischen Differenzen sind noch zu groß", so der Verfassungsschutz.

Doch polnische und deutsche Experten widersprechen dieser Einschätzung. "Die Zusammenarbeit zwischen deutschen und polnischen Nationalisten, die wegen der Ereignisse im Zweiten Weltkrieg noch vor einigen Jahren ein Tabuthema war, wird momentan immer intensiver", sagt Stanisaw Czerczak von dem polnischen Verein Nigdy Wicej (Nie Wieder). "Als 1999 Alexander von Webenau, ein damaliges Mitglied des NPD-Bundesvorstands, zu einem von der polnischen NOP organisierten Sommerlager eingeladen wurde, stieß dies noch bei polnischen und deutschen Rechtsradikalen auf Kritik. Heute sind die Berührungsängste viel geringer", erläutert Czerczak.

Plakat zum Konzert in der Nähe von Kreisau

So erschien im November 2014 auf dem polnischen Internetportal nacjonalista.pl ein Interview mit dem NPD-Parteichef Frank Franz, in dem dieser zum Kampf "gegen den gemeinsamen Feind" aufrief. Zudem gibt es Kontakte zwischen Pegida und polnischen Nationalisten. So sprach Robert Winnicki, Chef des rechtsextremen Ruch Narodowy (Nationale Bewegung), der für die Protestbewegung Kukiz'15 auch im polnischen Parlament sitzt, im Februar 2016 auf einer Kundgebung in Dresden. Kurz zuvor trat die ehemalige Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling bei einer Anti-Islam Demo in Warschau auf.

Mit Sorge beobachten Szenekenner vor allem aber eine Annäherung zwischen gewaltbereiten Gruppierungen. "Über Neonazis, vor allem in Frankfurt an der Oder und in der Sächsischen Schweiz, haben sich mittlerweile hervorragende Kontakte zu polnischen Neo-Nazis eröffnet. Sie präsentieren sich mittlerweile öffentlich als 'Deutsch-Polnische Bruderschaft' und als 'One Family'", erklärt Michael Weiss vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum in Berlin. "Dieser Kreis hat auch das Oidoxie-Konzert in Polen organisiert", sagt der Experte.

Gewalteinsatz beim 50 gegen 50 sorgte für Eindruck

Beispiele für diese Annäherung gibt es einige: In Frankfurt an der Oder demonstrierten im September 2016 deutsche und polnische Neonazis gemeinsam auf der Stadtbrücke. Die in Pasewalk beheimatete Kameradschaft "Freie Pommern" pflegt enge Kontakte zu rechtsradikalen Hooligans des polnischen Erstligisten Pogón Stettin, die sich nicht nur auf gemeinsame Demonstrationsbesuche wie den in Polen am 11. November stattfindenden Unabhängigkeitsmarsch beschränken.

Im Dezember 2015 griffen die Pogón-Hooligans eine Demonstration in Stettin an und wurden dabei von Mitgliedern der "Freie Pommern" begleitet. Zudem beobachten Kenner im Raum Greifswald/Anklam/Stettin einen engeren Zusammenschluss auf der Rocker-Ebene, die eng mit der Neonazi-Szene verknüpft ist.

Für die Annäherung zwischen der polnischen und deutschen rechten Szene dürfte es einige handfeste Gründe geben. "Was die Polen für deutsche Neonazis sicher interessant macht, ist der Ruf, den sie sich vor allem im Fußballmilieu erworben haben", sagt Weiss und verweist auf Auseinandersetzungen in den vergangenen Jahren. "Wenn alleine die Hooligans von Lech Posen im 50 gegen 50 die selbsternannte Hooligan-Elite aus mehreren deutschen Bundesländern verprügeln, hinterlässt das natürlich Eindruck."

Auf Anfragen von SPIEGEL ONLINE hat der polnische Inlandsgeheimdienst ABW nicht reagiert.

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