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Politik

Frankreich vor der Wahl

Was scheren mich meine Skandale von gestern?

In Frankreichs Wahlkampf wird der Ton rauer: Die Favoriten schwächeln, teils von Affären belastet. Nun wittert ausgerechnet Skandalkandidat Fillon seine Chance. Er wildert ungeniert links wie rechts.

AP
Aus Lyon berichtet
Donnerstag, 13.04.2017   19:02 Uhr

Die Attacke kommt von der Straße: "Macron = PS, alle Sozialisten laufen zu ihm über. Wählt sinnvoll, wählt Fillon". Die auf dem Asphalt gesprayte Botschaft rund um die Metro-Stationen von Paris versteht sich als Warnung vor dem Newcomer dieser Wahlen: In Wahrheit sei Emmanuel Macron, Ex-Wirtschaftsminister von Staatschef François Hollande, ein verkappter Linker - daher auch die Anspielung auf die Sozialistische Partei, kurz PS.

In Frankreichs Präsidentschaftskampagne ist Schluss mit lustig. Die Endphase vor dem ersten Wahlgang am 23. April läuft - und die Konfrontation wird härter, der Ton rauer. "Noch nie gab es ein Votum mit so vielen Unsicherheiten", titelt "Le Monde".

Denn das bisherige Ausreißer-Duo - Macron (En Marche!) und Marine Le Pen (Front National) - ,lange unangefochten an der Spitze der Umfragen, schwächelt: Macrons Kampagne der Mitte hat Probleme, weil linke Wähler mit dem radikalen Jean-Luc Mélenchon (Die Aufständischen) liebäugeln. Der rechtsextreme Front National hingegen steht durch Ermittlungen wegen Scheinbeschäftigungen im EU-Parlament im Visier der Justiz. Le Pen hat sich obendrein mit Parolen zur Deportation von Frankreichs Juden wieder einmal als die Rechtsradikale geoutet, die sie ist.

Inzwischen rechnet sich selbst François Fillon, Skandalkandidat der Republikaner (LR), noch gewisse Chancen aus: Immerhin ein Drittel der Wähler sind unentschieden oder wissen nicht einmal, ob sie überhaupt an der Wahl teilnehmen wollen.

Fillon hofft auch ein Comeback an der Urne

Auf dieses Reservoir "versteckter Stimmen" hofft Fillon. Der LR-Kandidat, schon abgeschrieben nach seiner Affären um die fiktive Anstellung von Ehefrau Penelope und zwei seiner Kinder, sagt: "Die Wahl wird in den letzten zwei Wochen entschieden." Solche Parolen wiederholt er immer wieder, mobilisiert seine Anhänger mit täglichen Meetings quer durch die Republik - an diesem Abend in Lyon.

Vor 4000 begeisterten Fans preist Fillon seine neoliberalen Ideen als Heilmittel für eine "große Nation" und verspricht "ein Ende des Niedergangs". Dann teilt er aus, nach rechts und links. Seine Attacken gelten den Visionen des Kommunisten Mélenchon und der rechtsextremen Gefahr Le Pen.

Vor allem richten sich Fillons wenig verhüllte Attacken auf den Seiteneinsteiger der Wahl: "Die einzige wirkliche Gefahr für mich ist Emmanuel Macron", hatte er unlängst betont und den Rivalen als "Hochstapler" und "jungen Erben" Hollandes verhöhnt. Macrons Programm? "Ein Dreh nach links, ein Dreh nach rechts, am Ende ist es nur politisches Marketing".

Und Fillons eigene Affären? Das Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Veruntreuung? Eierwürfe und ein Mehlattacke in Straßburg? Ausgeklammert, ausgeblendet, kein Thema.

In Wahrheit seien die Vorwürfe ein Beleg für die heimlichen Machenschaften eines "schwarzen Kabinetts" unter Ägide von Präsident Hollande. Fillon inszeniert sich als Opfer, selbst wenn die Justiz seine Vorwürfe für haltlos befunden hat. Fillons Reaktion: "Alles Verleumdungen, unter das Volk gestreut von staatlichen Stellen."

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Präsidentschaftskandidaten in Frankreich: Elf Politiker, ein Ziel

Immerhin: Die Fillon-Poster mit dem Slogan "Mut zur Wahrheit" wurden durch die Botschaft ersetzt - "Ein Willen für Frankreich". Doch die jüngsten Enthüllungen will der ehemalige "Saubermann" nicht mal mehr kommentieren: So soll Fillon seiner Gattin Penelope schon vor der Heirat einen Job als Minister-Hilfskraft zugeschanzt haben; später sei sie mit bezahlten "politischen Missionen" betraut worden. Auf die Frage eines Reporters wird Fillon ausfallend: "Sie können mich mal.…"

An die Unschuldsbeteuerungen glauben bestenfalls noch die engsten Anhänger. "Fillons wichtigste Aufgabe bleibt die Sammlung jener Anhänger, die zu Marine Le Pen oder Emmanuel Macron abgewandert sind", analysiert Fréderic Dabi, Vizechef des Umfrageinstituts IFOP. "Und er muss jene Wähler gewinnen, die sich möglicherweise der Stimme enthalten wollen."

Diesen wertkonservativen LR-Wählern empfiehlt sich Fillon als stoischer, erfahrener Staatsmann. "Ihr braucht mich nicht zu lieben", appellierte er in Paris vor Partei-Anhängern, "Ich bitte Euch nur mich zu unterstützen - im Interesse Frankreichs."

"Die Ausländer müssen sich in Frankreich integrieren"

Und um dieses Frankreich ist es laut Fillon denkbar schlecht bestellt. Es ist ein Land unter der Bürde von Arbeitslosigkeit, Bürokratie, Schulden und mehr noch: "Am Rande des Bürgerkriegs".

Er schließt in Lyon mit dem Lieblingsthema des Front National - Identität, Immigration und Überfremdung. "Frankreich ist nicht nur ein Volk und eine Geografie, sondern auch eine Zivilisation", dröhnt der selbst ernannte "Kandidat der Nation". Und fordert: "Angesichts unserer wirtschaftlichen Schwierigkeiten muss die Zuwanderung auf ein striktes Minimum reduziert werden".

Mit Worten, die auch aus dem Fundus von Le Pen stammen könnten, buhlt der Konservative offen um deren Sympathisanten: "Die Ausländer müssen sich in Frankreich integrieren", so Fillon, "Frankreich darf sich nicht Bräuchen beugen, die nicht zum republikanischen Pakt gehören."

Die Fillon-Getreuen, in Lyon unter sich, scheinen solche rechte Parolen nicht weiter zu stören. Im Gegenteil: Sie feiern den Patriotismus ihres Kandidaten mit Ovationen. Für sie ist er jetzt schon "Fillon Präsident".

insgesamt 15 Beiträge
Beat Adler 13.04.2017
1. Wenn nur 10 Tage vor der Wahl ein Drittel noch unentschlossen ist, werden alle Vorhersagen zur Makulatur.
Wenn nur 10 Tage vor der Wahl ein Drittel noch unentschlossen ist, werden alle Vorhersagen zur Makulatur. Es braucht nur noch eine kleine Luegengeschichte auftauchen, welche die Unentschlossenen zur Wahl treibt und Alles ist [...]
Wenn nur 10 Tage vor der Wahl ein Drittel noch unentschlossen ist, werden alle Vorhersagen zur Makulatur. Es braucht nur noch eine kleine Luegengeschichte auftauchen, welche die Unentschlossenen zur Wahl treibt und Alles ist moeglich. Ich traue dies dern Franzosen zu! Wenn also vorhergesehen wird, dass z.B. Marine Le Pen der ersten Runde 25% der Stimmen bekommt, dann sollte bei dieser grossen Unentschlossenheit eigentlich darauf hingewiesen werden, dass Marine Le Pen zwischen 15% und 35% der Stimmen der ersten Runde bekommt. So gross wird die Unsicherheit der Vorhersage. Nur noch 10 Tage, dann wissen wir ob Marine Le Pen, rechts-extremistsiche Nationalistin und Jean-Luc Mélanchon, links-estremistischer Kommunist, in der 2. Runde der franzoesischen Praesidentschaftwahlen aufeinander treffen. Dann ist Brexit kein Thema mehr, dann geht es um den Austritt Frankreichs aus der Eurozone und der EU. Deutschland kann den Rest der Eurozone und der EU nicht ohne Frankreich tragen und der Dexit wird Realitaet. Nur noch 10 Tage warten. mfG Beat
markus_stoehr 13.04.2017
2. Fairer Artikel? Melenchon wird nur 2 mal genannt!
Nennt man so einen Artikel eine objektive Analyse der Kanditaten? Man beachte einfach mal die Häufigkeit der gefallenen Namen: Fillon: 19 mal! Macron: 7 mal Le Pen: 5 mal Melenchon: 2 mal! Da wird einiges klar über wen [...]
Nennt man so einen Artikel eine objektive Analyse der Kanditaten? Man beachte einfach mal die Häufigkeit der gefallenen Namen: Fillon: 19 mal! Macron: 7 mal Le Pen: 5 mal Melenchon: 2 mal! Da wird einiges klar über wen die Medien "nicht so gerne" sprechen wollen! Und das kann man die letzen Monate schon verfolgen. Bei den Umfragen ist Melenchon bei etwa 25% ganz oben dabei, aber gesprochen wird über ihn in den Medien kaum ... warum wohl ... da wird man natürlich schnell als "Verschwörungstheoretiker" diskreditiert! Aber das ist so offensichtlich - ist nicht mehr lustig. Aber die Menschen wachen so langsam auf!
gunpot 13.04.2017
3. mein Gott SPON
du bist über die letzte Entwicklung überhaupt nicht informiert. Weitere Recherchen des Canard Enchaîné (Ausgabe von gestern) haben ergeben, dass die holde Gattin des Herrn Fillon schon in den Jahren 1982, bzw 1984 als seine [...]
du bist über die letzte Entwicklung überhaupt nicht informiert. Weitere Recherchen des Canard Enchaîné (Ausgabe von gestern) haben ergeben, dass die holde Gattin des Herrn Fillon schon in den Jahren 1982, bzw 1984 als seine parlamentarische Beschäftigte fungierte. Damit nicht genug, es handelte sich um eine Bezahlung à un/une inconnu(e). Es handelte sich um 6.000 FF pro Monat, etwa das Dreifache, da Arbeitssuchende zu dieser Zeit als Mindestabsicherung bezogen. Tja, wer so lange schon sein Familieneinkommen auf diese Art und Weise bezogen hat, kann es nun einmal nicht verstehen, warum man sich darüber aufregt. Anyhow, Frankreich ist aufgewacht, Fillon wird einem weiteren shit storm ausgesetzt, den er selbst verursacht hat. Was ihn auszeichnet, ist seine Renitenz zuzugeben, dass er falsch gehandelt hat. Dabei sind die Untersuchungen der Finanzrichter noch keineswegs abgeschlossen. Es stimmt mich traurig, dass dieser Mann nicht das Rückgrat hat, einfach zurückzutreten. So hat er jegliche Chancen der Republikaner vermasselt. So wird ein nobody der nächste Präsident Frankreichs, es sei denn, dass die Franzosen im ersten Wahlgang Mélanchon doch noch auf den 2. Platz nach Le Pen hieven. Dann wird im 2.Wahlgang Mélanchon zum Präsidenten gewählt. Es könnte auch Macron sein, aber sicher nicht die Kandidatin der Front National.
Jeanne E. Maar 13.04.2017
4. Allez vous faire voir...
...heisst nicht "Sie können mich mal". Diese Übersetzung (?) ist genauso tendenziell wie "...die fiktive Anstellung von Ehefrau Penelope und zwei seiner Kinder...". Weiss der Journalist mehr als die [...]
...heisst nicht "Sie können mich mal". Diese Übersetzung (?) ist genauso tendenziell wie "...die fiktive Anstellung von Ehefrau Penelope und zwei seiner Kinder...". Weiss der Journalist mehr als die Richter? Hat das Verfahren schon stattgefunden? In dubio pro reo ist wohl eine Pizza-Sorte oder was? Objektiver Journalismus sieht anders aus. Frankreich muss, Frankreich darf, Frankreich soll mal wieder das geringste Übel wählen. Leider gibt es den Besten nicht. Also, wer? Le Pen ist, und das ist ganz richtig erkannt im Artikel, eine Rechtsradikale die zusätzlich noch ein katastrophales Wirtschaftsprogramm vertritt, das nur noch von Mélenchon übertroffen wird. Von Blau anmalen wird Braun noch lange nicht appetitlich. Und genannter Mélenchon eben nur die andere irrealistische Seite der gleichen Medaille. Macron ist ein Hologramm, ein Placebo, ein Plan B von Hollande. Man kann über seine Jugend erfreut sein und/oder über seine "frischen Ideen", aber all das sind Fassaden. Versuchsballons zum Wähler fangen. Dahinter gähnende Leere, wenn er sich nicht gerade aufregt, die Fassung verliert, bei dem geringsten Gegenwind. Und nicht vergessen: es droht mit ihm ein Premier Ministre mit Namen Bayrou. Das wäre mehr als eine Katastrophe, nicht nur wegen seiner "Ideen", sondern weil dann der Ältere dem Jüngeren aus der falschen Position heraus zeigen wollen würde, was eine Harke ist. Das wäre cohabitation in der eigenen Mannschaft - zu Lasten von Frankreich. Bleibt wer? Der Rest sind Extreme, auch die PS ist abgedriftet in den Assistenz-Dschungel. Realpolitik ist gefragt. Und von Deutschland aus gesehen sollte dies sehr real gesehen werden...
Liberalitärer 13.04.2017
5. Kaum ein Stein wird...
Schaut man auf die weniger auf die Personen, sondern mehr auf die Programme dahinter dann wird sich ziemlich viel ändern. 3 von 4 fast gleich starken Kandidaten werden die Russlandpolitk ändern (wollen) und auch das Verhältnis [...]
Schaut man auf die weniger auf die Personen, sondern mehr auf die Programme dahinter dann wird sich ziemlich viel ändern. 3 von 4 fast gleich starken Kandidaten werden die Russlandpolitk ändern (wollen) und auch das Verhältnis zur Nato ist nicht bei allen Kandidaten ungetrübt. Das Verhältnis zur EU und zu D auch nicht. Das verkörpert eine Menge Wähler, egal wer jetzt Rennen macht (nur Macron ist in dem Sinne voll kompatibel und das sind eben auch nur knapp 25%). Und auch der kann kaum 75% komplett ignorieren, falls er die Stichwahl denn gewinnt.

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