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Politik

Frankreichs Nichtwähler

Widerstand durch Boykott

Das Rennen zwischen Frankreichs Präsidentschaftskandidaten wird immer enger. Entscheidend sind am Sonntag möglicherweise die Nichtwähler. Viele haben sich bereits in Protestbewegungen organisiert.

REUTERS
Von , Paris
Mittwoch, 19.04.2017   21:02 Uhr

Die Wahlplakate vor dem Gymnasium "Camille Sée" im 15. Pariser Arrondissement zeigen Logos, Köpfe und Parolen: Elf Kandidaten und Kandidatinnen bewerben sich um den Einzug in den Élysée. Doch Frankreichs stärkste Partei fehlt - die der Nichtwähler.

Denn während die Spitzenkandidaten vor dem ersten Wahlgang am Wochenende quer durch die Republik reisen, um ihre Anhänger zu mobilisieren, rücken auch die Wahlverweigerer in den Fokus der Kampagne: Ihr Votum oder ihr Fernbleiben ist möglicherweise entscheidend für den Ausgang der Präsidentschaftswahl.

Fast ein Drittel der Wahlberechtigten wollen laut Umfragen am Sonntag auf das Stimmrecht verzichten. Ein derartig "dramatisches Resultat", so Gilles Finchelstein von der sozialistischen Stiftung Jean-Jaurès und Meinungsforscher Martial Foucault (Cevipof), "wäre ein Zeichen für die Schwächung unserer Demokratie."

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Präsidentschaftskandidaten in Frankreich: Elf Politiker, ein Ziel

Anders als bei Regional- oder Departementswahlen, bei denen regelmäßig bis zur Hälfte der Bürger den Urnen fernbleiben, bewegt der Kampf um den Einzug in den Élysée die Gespräche in Bistros, Büros und beim familiären Abendessen. Zumal diesmal vier völlig unterschiedliche Persönlichkeiten die Kampagne bestimmen. Aber warum droht trotzdem eine Rekordzahl an Nichtwählern?

"Ein Elefant ist im Zimmer", sagt man im angelsächsischen Raum, wenn etwas Offensichtliches übersehen wird: "In Frankreich", kommentiert die Zeitung "Le Monde", "hat ein Elefant das Zimmer verlassen, und offenbar hat niemand es bemerkt."

Foto: SPIEGEL ONLINE

Bei der Entscheidung für eine Teilnahme an der Abstimmung in Frankreich spielt offenbar die Höhe des Einkommens eine Rolle, das Alter und die Nähe zu einer politischen Formation. Je geringer das Gehalt, je weniger engagiert und je jünger - desto höher die Wahl-Apathie. Deswegen profitiert auch nicht Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National (FN) von Enthaltungen: "Die Wähler aus dem Prekariat entsprechen dem typischen Profil der FN-Kandidatin", sagt Bruno Cautrès vom Politikinstitut Cevipof.

Bei Jugendlichen zwischen 18 und 25 Jahren, so eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Ifop, erreicht die Wahlmüdigkeit 52 Prozent. Ihre Motive ähneln denen der anderen Nichtwähler: Unzufriedenheit mit der Kandidatenriege, Protest aus Ärger über die wirtschaftlichen Verhältnisse oder das Gefühl vom Frustration: "Wählen nützt nichts, wählen ändert nichts", fasste das Institut das Ergebnis zusammen.

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Frankreichs Präsidentschaftswahl 2017: Widerstand durch Wahlboykott

Enttäuschung bedeutet aber nicht immer politische Abstinenz: Manche Franzosen sehen die Wahlverweigerung als "politischen Akt" und organisieren sich. PAS, die Partei der Nichtwähler oder Wähler ohne Stimme ("Parti des abstentionnistes et sans voix"), versteht sich als Forum: "Jeder Nichtwähler gibt hier seine Gründe an, warum er sich enthält", erklärt einer ihrer Sprecher.

Als "Gegenkampagne" versteht sich "Miroir 2017". Die Organisation entstand aus den Versammlungen von "Nuit debout" - die "Aufrechten der Nacht", jener Bewegung, mit der im vergangenen Frühjahr landesweit gegen das Arbeitsrecht demonstriert wurde. "Miroir" analysiert die Wahlprogramme und empfiehlt statt herkömmlicher Politik Grasswurzel-Initiativen: "Die Kandidaten versprechen Lösungen? Die Zivilgesellschaft hat längst die Antworten."

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Frankreichs Präsidentenwahl: Finale zu viert

"Aktiven Widerstand" gegen die Präsidentschaftswahl betreibt auch "Boycott 2017": "Enthaltung allein ist nicht genug", verkündet die "antifaschistische und antirassistische Plattform", die alternative politische Aktionen organisiert. "Wir sind Revolutionäre", so der Aufruf in den sozialen Netzwerken, "unsere Zukunft führt nicht über die Wahlurne."

Präsident François Hollande warnte seine Mitbürger vor einer solchen Verweigerung: "Am nächsten Morgen ohne Bedauern aufzuwachen, ist noch immer der beste Grund zur Wahl zu gehen", sagte der Staatschef, der am Heimatort Tulle im zentralfranzösischen Departement Corrèze seine Stimme abgeben wird.

"Ein Votum ist wichtig für das Land", meint Hollande und beschwört die Einlösung der Bürgerpflicht: "Wenn es bei der Wahl für Sie keine Hoffnung auf einen Neuanfang gibt, so müssen Sie das wenigstens nicht bereuen" - vorausgesetzt, Frankreichs Bürger haben ihre Stimme abgegeben.

insgesamt 138 Beiträge
mimas101 19.04.2017
1. Hmm Tja
das Problem in repräsentativen Demokratien ist dann das eine Minderheit entscheidet und die schweigende Mehrheit sich dann übers Wahlergebnis verdutzt die Augen reibt. Hinterher dann zu wehklagen und gegen das Wahlergebnis zu [...]
das Problem in repräsentativen Demokratien ist dann das eine Minderheit entscheidet und die schweigende Mehrheit sich dann übers Wahlergebnis verdutzt die Augen reibt. Hinterher dann zu wehklagen und gegen das Wahlergebnis zu klagen bringt dann auch nichts mehr.
kleinbürger 19.04.2017
2. unsinn
was für ein unsäglicher unsinn. one man one vote. no vote no man.
was für ein unsäglicher unsinn. one man one vote. no vote no man.
freddygrant 19.04.2017
3. Nichtwähler ...
... bei den Präsidentschafswahlen in Frankreich sind die Gegner für ein erfolgreiches, gemeinsames und friedliches Europa. Sie scheinen es nur noch nicht selbst zu wissen. Von den negativen Konsequenzen für sie selbst und [...]
... bei den Präsidentschafswahlen in Frankreich sind die Gegner für ein erfolgreiches, gemeinsames und friedliches Europa. Sie scheinen es nur noch nicht selbst zu wissen. Von den negativen Konsequenzen für sie selbst und uns alle in Europa mal noch gar nicht zu reden!
nichtsnutz2 19.04.2017
4. ???
"Fünf Millionen Franzosen, also fast ein Drittel der Wahlberechtigten, wollen laut Umfragen am Sonntag auf das Stimmrecht verzichten." Fünf Millionen und ein Drittel aller Wahlberechtigten in einem Land mit 66,7 [...]
"Fünf Millionen Franzosen, also fast ein Drittel der Wahlberechtigten, wollen laut Umfragen am Sonntag auf das Stimmrecht verzichten." Fünf Millionen und ein Drittel aller Wahlberechtigten in einem Land mit 66,7 Millionen, da stimmt was nicht.
a.h.f.rudolf 19.04.2017
5. 5 Mio von ca. 45 Mio Wahlberechtigten sind
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