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Politik

Anschlag in Frankreich

Zwischen Wahlkampf und Terror

In Paris ist bei einem Terrorattentat ein Polizist ums Leben gekommen, eine deutsche Touristin wurde verletzt. Wie lief der Anschlag ab? Was bedeutet die Tat für die Präsidentschaftswahl? Der Überblick.

AFP
Freitag, 21.04.2017   11:48 Uhr

Drei Tage vor der Präsidentschaftswahl hat ein Angreifer in Paris einen Menschen erschossen. Wahrscheinlich hat die Tat einen islamistischen Hintergrund.

Was ist inzwischen bekannt, was noch unklar? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Was ist passiert?

Der Anschlag ereignete sich auf der Pariser Prachtstraße Champs-Élysées, nur wenige Hundert Meter vom Triumphbogen entfernt. Der mutmaßliche Täter fuhr am Donnerstagabend gegen 21 Uhr mit einem Auto vor, stieg aus und feuerte mit einer automatischen Waffe auf einen Mannschaftswagen der Pariser Polizei.

"Er hat einen der Polizisten getötet und versucht, im Laufen noch Weitere zu treffen", sagte ein Polizeisprecher. Zwei weitere Beamte und eine Touristin aus Deutschland wurden verletzt. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes sagte in Berlin, der Zustand der Frau sei stabil. Sie sei nicht in einer lebensbedrohlichen Situation, aber ernsthaft verletzt.

Die Polizei erschoss den Angreifer. Die weltberühmte kilometerlange Straße ist ein Touristenmagnet, dort gibt es viele Geschäfte und Hotels.

Präsident François Hollande sagte nach einer Krisensitzung im Élysée-Palast, die Regierung sei überzeugt davon, dass der Angriff einen terroristischen Hintergrund habe. Die Anti-Terror-Abteilung der Pariser Staatsanwaltschaft übernahm die Ermittlungen. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) reklamierte die Tat für sich.

Wer ist der Angreifer?

Offiziell ist bisher wenig über den Attentäter bekannt. Der leitende Staatsanwalt sagte lediglich, die Behörden hätten den Mann gekannt und seine Identität verifiziert. Details wollte er aus ermittlungstaktischen Gründen nicht nennen. Die Behörden durchsuchten eine Wohnung in einem Vorort östlich von Paris, in der der Mann zuletzt gewohnt haben soll.

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Schießerei in Paris: Hollande spricht von Terror

Laut Nachrichtenagentur AFP soll es sich bei dem Angreifer um einen 39 Jahre alten Franzosen handeln. Er sei wegen zwei Angriffen mit Schusswaffen auf zwei Polizisten und einen dritten Mann 2005 zu 15 Jahren Haft verurteilt worden, berichtet AFP aus Ermittlerkreisen. Die Haftstrafe habe er nicht vollständig abgesessen. Im Februar wurde er den Angaben zufolge erneut festgenommen wegen des Verdachts, dass er Polizisten ermorden wolle. Aus Mangel an Beweisen kam er allerdings wieder frei.

Völlig unklar ist bisher die Verbindung des Mannes zum IS. Die Terrormiliz bezeichnete den Angreifer in ihrer Bekennernachricht selbst als "Abu Youssef der Belgier". Französische und belgische Behörden dementieren jedoch, dass der Mann aus Belgien stammt.

Gab es Helfer?

Ob der Mann Komplizen hatte oder alleine handelte, ist nicht klar. Die französische Polizei suchte am Freitag nach einem zweiten Verdächtigen. Seine Rolle in dem Anschlag ist aber offen. Die Polizei befragte zudem die Familie des mutmaßlichen Angreifers.

Was bedeutet das für die französische Präsidentschaftswahl?

Am Sonntag findet in Frankreich die erste Runde der Präsidentschaftswahl statt. Der Angriff auf den Champs-Élysées ereignete sich während einer Serie von Liveinterviews mit den elf Präsidentschaftskandidaten im Sender France 2. Durch den Anschlag ist der Terror wieder zum Thema im Wahlkampf geworden. Zuvor hatte die Anschlagsgefahr eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Mehrere Kandidaten sagten am Freitag geplante Auftritte ab.

Tendenziell wäre zu erwarten, dass die Rechtspopulistin Marine Le Pen von dem Anschlag mehr profitiert als andere Kandidaten. Sie vertritt im Kampf gegen Terror und Verbrechen eine härtere Linie, will mehr Gefängnisse bauen und verurteilte ausländische Verbrecher ausweisen. Am Freitag forderte Le Pen, Frankreich müsse sofort wieder Grenzkontrollen einzuführen - ein zentrales Anliegen der Anti-EU-Politikerin.

Ob Le Pen in der Wählergunst zulegt, wird sich jedoch so kurz vor der Abstimmung kaum noch durch Umfragen ermitteln lassen. In den letzten Befragungen lag der Sozialliberale Emmanuel Macron knapp vor oder gleichauf mit Le Pen. Mit wenig Abstand folgten der Konservative François Fillon und der Linkskandidat Jean-Luc Mélenchon. Die Umfragen wurden aber noch vor dem Anschlag erhoben.

Die erste Wahlrunde am Sonntag entscheidet, welche beiden Kandidaten es in die Stichwahl Anfang Mai schaffen. Erst Sonntag Abend dürfte man wissen, wie sehr sich die Franzosen durch den neuen Anschlag in ihrer Wahlentscheidung beeinflussen lassen.

sep/AFP/dpa

insgesamt 51 Beiträge
Darwins Affe 21.04.2017
1. Interessante Perspektiven
Interessant wird es, wenn Mélenchon und Le Pen ins Finale kommen. Dann kann man vielleicht die Austrittsverhandlungen Frankreichs aus der EU mit denen Grossbritanniens zusammenlegen. Wenn Macron die Präsidentschaft gewinnt, wird [...]
Interessant wird es, wenn Mélenchon und Le Pen ins Finale kommen. Dann kann man vielleicht die Austrittsverhandlungen Frankreichs aus der EU mit denen Grossbritanniens zusammenlegen. Wenn Macron die Präsidentschaft gewinnt, wird es dagegen ein Bündnis der bankrotten Südstaaten gegen Deutschland geben.
spon_2999637 21.04.2017
2. Reaktion von MLP
"Am Freitag forderte Le Pen, Frankreich müsse sofort wieder Grenzkontrollen einzuführen." "Laut Nachrichtenagentur AFP soll es sich bei dem Angreifer um einen 39 Jahre alten Franzosen handeln." Preisfrage [...]
"Am Freitag forderte Le Pen, Frankreich müsse sofort wieder Grenzkontrollen einzuführen." "Laut Nachrichtenagentur AFP soll es sich bei dem Angreifer um einen 39 Jahre alten Franzosen handeln." Preisfrage - warum fordert man nach einer Tat durch einen Einheimischen Kontrollen an der Grenze? Um ihn an der Flucht ins Ausland zu hindern? Aber warum sollte man dann ausländische Straftäter ausweisen wollen, statt sie ins Gefängnis zu stecken. Ach beim Thema Sicherheit drehen alle Politiker gleich weder Partei durch und plappern irgend welchen populistischen Unsinn, der mit der Sache, dem Problem und einer Lösung nichts zu tun hat....
schnuggls 21.04.2017
3. sehr erleichtert
ich binn ja so erleichtert, das auch bei diesem Terroranschlag der Täter der Polizei wieder seit Jahren als extrem Gewaltbereiter Krimineller bekannt war. Mann stelle sich nur mal vor, es wäre ein unbekannter Täter gewesen, [...]
ich binn ja so erleichtert, das auch bei diesem Terroranschlag der Täter der Polizei wieder seit Jahren als extrem Gewaltbereiter Krimineller bekannt war. Mann stelle sich nur mal vor, es wäre ein unbekannter Täter gewesen, wie schrecklich.
Havel Pavel 21.04.2017
4. Was muss denn noch alles geschehen bis das träge Wahlvolk endlich erwacht?
Eigentlich habe ich die Franzosen immer als selbstbewusste und stolze Menschen eingeschätzt und auch kennengelernt, die grossen Wert darauf legen, dass ihnen ihr Lebensstil und Ihre Art zu leben erhalten bleibt. Soll das alles [...]
Eigentlich habe ich die Franzosen immer als selbstbewusste und stolze Menschen eingeschätzt und auch kennengelernt, die grossen Wert darauf legen, dass ihnen ihr Lebensstil und Ihre Art zu leben erhalten bleibt. Soll das alles nun Geschichte sein und sich die Franzosen nun einfach im Allerweltseinerlei unterordnen und sich von anderen sagen lassen wie sie zu leben und zu denken haben? Ich hoffe nicht! Frankreich sollte Frankreich bleiben und besser wieder zu seinen liebgewonnen Gewohnheiten auf allen Ebnen zurückkehren, soweit sich dies noch realisieren lässt.
seriennummer 21.04.2017
5. In beiden Fällen
wird auch der Dexit notwendig und damit ist die Auflösung der EU beschlossene Sache. Ein nicht unmögliches Szenario, weil auch in dieser Situation gutes Geld gemacht werden kann; was letztendlich das wichtigste zu sein [...]
Zitat von Darwins AffeInteressant wird es, wenn Mélenchon und Le Pen ins Finale kommen. Dann kann man vielleicht die Austrittsverhandlungen Frankreichs aus der EU mit denen Grossbritanniens zusammenlegen. Wenn Macron die Präsidentschaft gewinnt, wird es dagegen ein Bündnis der bankrotten Südstaaten gegen Deutschland geben.
wird auch der Dexit notwendig und damit ist die Auflösung der EU beschlossene Sache. Ein nicht unmögliches Szenario, weil auch in dieser Situation gutes Geld gemacht werden kann; was letztendlich das wichtigste zu sein scheint. Auch die BTW dürfte ein anderes Gesicht bekommen. Ein Hoffnungsschimmer, dass doch noch dem ewigen "Weiterso" der Garaus gemacht wird.

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