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Politik

Belagerte Stadt in Syrien

Wie Abu Kassem Plastik in Benzin verwandelt

Zehntausende Syrer leben in der eingeschlossenen Stadt Duma. Weder Lebensmittel noch Treibstoff gelangen in den Vorort von Damaskus. Unter üblen Bedingungen stellen Bewohner den Sprit selbst her.

REUTERS
Samstag, 13.05.2017   17:43 Uhr

Seit dreieinhalb Jahren belagern syrische Regierungstruppen Duma, einen Vorort der Hauptstadt Damaskus. Genauso lange betreibt der frühere Bauarbeiter Abu Kassem in dem Ort eine improvisierte Raffinerie. Dort verbrennt er Plastik und gewinnt daraus Treibstoff. Lange konnten die Einwohner von Duma noch Diesel und Benzin durch Tunnel aus Damaskus schmuggeln, doch seit einigen Wochen hat die syrische Armee die unterirdischen Gänge geschlossen. Nun ist Abu Kassems Raffinerie die wichtigste Energiequelle für die Zehntausenden Eingeschlossenen.

Er betreibt die Fabrik gemeinsam mit seinen drei Söhnen und anderen Verwandten. Sie haben sich ihre Vorgehensweise mithilfe von Internetvideos selbst beigebracht. Sie nehmen Plastikflaschen, Wasser- und Abwasserrohre und verbrennen sie. Der Qualm kondensiert und zurück bleibt eine Flüssigkeit. Diesen Treibstoff verkauft Abu Kassem dann an seine Kunden - darunter sind Leute, die damit ihre Fahrzeuge betanken, oder Bauern, die mit dem Sprit Wasserpumpen antreiben. Ähnliche Raffinerien gibt es auch in anderen belagerten Orten in Syrien, die von Treibstofflieferungen abgeschnitten sind.

Für die Arbeiter ist die Schufterei eine Tortur. Dichter Rauch hängt in der Fabrik, ihre Gesichter sind tiefschwarz vom Dreck. Die Raffinerie arbeitet 15 Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche. Als einzigen Schutz trinken Abu Kassem und seine Kollegen zwei Tassen Milch am Tag. Das soll die Schäden durch die schlechte Luft abmildern.

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Syrien: Blick in Abu Kassems Raffinerie

"Die Arbeit hier ist sehr ermüdend. Aber wir glauben, dass wir den Menschen hier einen großen Dienst erweisen", sagt Abu Ahmad, einer der Arbeiter. Sein Kollege Abu Fahad sagt: "Nichts an unserer Arbeit macht Spaß. Sie ist sehr gefährlich, und wir müssen sehr aufmerksam sein." Nur selten könne er sich eine Pause erlauben, sagt Abu Fahad. "Dann rauche ich eine Wasserpfeife."

Pro Tag verbrennen die Arbeiter zwischen 800 und 1000 Kilogramm Plastik. Sie holen den Rohstoff aus zerstörten Häusern oder suchen ihn im Müll. Aus hundert Kilogramm gewinnen sie ungefähr 85 Liter Treibstoff. Die Schwarzmarktpreise sind horrend. Ein Liter des selbst gemachten Benzins kostet um die 2000 Syrische Pfund - umgerechnet mehr als 4 Euro.

syd/Reuters

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