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Politik

Rohingya auf der Flucht nach Bangladesch

Burma blutet - Suu Kyi schweigt

Hunderttausende Rohingya sind vor kriegsähnlichen Zuständen aus Burma geflohen, vor Feuer, Tod, "ethnischer Säuberung". Die Welt blickt auf Friedensnobelpreisträgerin Suu Kyi - doch die tut nichts.

Foto: HTET/ EPA-EFE /REX/ Shutterstock
Aus Yangon und Bangkok berichtet Verena Hölzl
Freitag, 08.09.2017   15:50 Uhr

Der Menschenzug nimmt kein Ende. Es ist stockdunkel, mitten in der Nacht, trotzdem kommen die Rohingya über die Grenze von Burma nach Bangladesch. Sie kommen in überfüllten Booten oder auf großen Plastikkanistern über den Fluss, waten barfuß durch sumpfartigen Schlamm. Alte Frauen klammern sich wie Äffchen an den Rücken junger Männer.

"Vor vier Tagen haben Soldaten mein Haus abgebrannt", sagt Amina. Die junge Frau sitzt mit Dutzenden anderen Flüchtlingen auf einem Anhänger. Sie ist gestern Nacht angekommen und weiß nicht, wo sie hingebracht wird: "Ich gehe dorthin, wo die anderen hingehen." Um sie herum drängen sich immer mehr Menschen auf die Ladefläche.

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Rohingya in Burma: Durch den Schlamm nach Bangladesch

Mehr als 270.000 Rohingya, eine muslimische Minderheit in Burma, sind in den vergangenen Wochen aus dem Land geflohen - aus Angst vor dem burmesischen Militär. Mitglieder der Arakan Rohingya Salvation Army (Arsa), einer radikalisierten Gruppe zumeist junger Rohingya, hatten im August Dutzende Polizeiposten und Sicherheitskräfte angegriffen, in den tagelangen Kämpfen wurden 370 Aufständische getötet.

Bereits im Oktober hatte es Attacken von Muslimen auf Polizisten gegeben; damals starben neun Menschen. Das Militär riegelte daraufhin Teile des Bundesstaats Rakhine, in dem ein Großteil der Rohingya lebt, ab. Weder Journalisten noch Hilfsorganisationen durften die Region über Wochen betreten. Die Soldaten sollen so unbeobachtet gemordet haben, es gibt Luftaufnahmen von abgebrannten Dörfern. Die Menschenrechtler von Human Rights Watch warnten zuletzt offiziell vor "ethnischen Säuberungen".

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Der Konflikt ist der erste große Test für die Regierung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Ihre Partei Nationale Liga für Demokratie (NLD) hatte 2015 die ersten freien Wahlen in Burma nach Jahrzehnten gewonnen. Suu Kyi war im Westen als Menschenrechtsikone gefeiert worden, die in sie gesetzte Hoffnung war riesig.

Mittlerweile steht fest: "Mutter Suu", wie sie auch im Volk genannt wird, wird diesen Erwartungen nicht gerecht. Schon im vergangenen Jahr war ihr beharrliches Schweigen angesichts der Verbrechen in Rakhine kritisiert worden. Entschuldigend hieß es damals noch, sie wolle es sich wohl nicht mit dem nach wie vor mächtigen Militär verscherzen. Hinter den Kulissen werde sie doch aber bestimmt für eine friedliche Lösung kämpfen.

Scharfer Protest gegen Suu Kyi

Diese wohlwollende Interpretation lässt sich kaum noch halten. Suu Kyi machte öffentlich "Terroristen" für die Gewalt im Westen verantwortlich. Es gebe einen "Eisberg an Falschinformationen" zu den Vorgängen. Ihre Regierung bezeichnete Berichte über Menschenrechtsverletzungen an den Rohingya als "Fake News". In den sozialen Netzwerken führt der Staat eine gefährliche Propaganda-Kampagne gegen "extremistische Terroristen", die einen "Islamischen Staat" aufbauen wollen.

Weltweit gehen Menschen nun gegen die Regierung der Friedensnobelpreisträgerin auf die Straße, Botschaften werden mit Molotowcocktails attackiert. Es gibt Forderungen, Suu Kyi den Nobelpreis abzuerkennen. Zahlreiche Regierungsvertreter verurteilen das brutale Vorgehen gegen die Rohingya, darunter der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Menschenrechtsaktivisten geht allmählich der Spielraum aus, um den Ton noch weiter zu verschärfen. Seit Monaten warnen sie vor einem Genozid.

"Die Verteidigung Burmas gegen sogenannte Terroristen ist ein guter Vorwand die ungeliebten Rohingya endlich loszuwerden", sagt U Kyaw Win, Direktor des Burma Human Rights Network in Thailand. Seit Jahrzehnten wird die muslimische Minderheit der Rohingya in Burma systematisch diskriminiert. Sie gelten als Flüchtlinge aus Bangladesch, die Staatszugehörigkeit verwehrt man ihnen. Die meisten leben ohne Zugang zu Krankenhäusern, Universitäten oder Arbeit in Camps und Dörfern. Deren Stacheldraht-Barrikaden dürfen sie nur hinter sich lassen, wenn die Behörden es erlauben.

Kritiker auf Suu Kyi eingeschossen

Ein Ende der Flüchtlingsbewegung scheint derzeit nicht absehbar. Bangladesch wirft dem Militär inzwischen vor, auf der burmesischen Grenzseite Landminen zu installieren, um die Rohingya von der Rückkehr abzuhalten. Die Suu-Kyi-Regierung streitet das ab.

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Rohingya in Burma: Durch den Schlamm nach Bangladesch

Doch wer ist wirklich schuld an der Eskalation? U Kyaw Win vom Burma Human Rights Network findet, die internationale Gemeinschaft habe sich in ihrer Kritik zu sehr auf Suu Kyi eingeschossen. "Es wirkt inzwischen so, als beginge sie persönlich die Menschenrechtsverletzungen. Wieso attackiert zur Abwechslung nicht einmal jemand den Oberbefehlshabenden des Militärs?"

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insgesamt 98 Beiträge
hcbruns 08.09.2017
1. Suu Kyi nur Marionette des Militärs?
Bereits kurz nachdem Suu Kyi die Wahl gewonnen hatte, wurde spekuliert, ob sie überhaupt wirklich etwas zu sagen haben würde, da sich das Militär sicherlich nicht so einfach entmachten lassen würden. Die Vorfälle in Rakhine [...]
Bereits kurz nachdem Suu Kyi die Wahl gewonnen hatte, wurde spekuliert, ob sie überhaupt wirklich etwas zu sagen haben würde, da sich das Militär sicherlich nicht so einfach entmachten lassen würden. Die Vorfälle in Rakhine muss man offenbar so interpretieren, dass Suu Kyi tatsächlich kaum etwas zu sagen hat und das Militär immer noch die uneingeschränkte Macht im Lande hat. Vielleicht hat man ihr sogar verboten sich zu äußern. Noch schlimmer wäre allerdings der Verdacht, dass Suu Kyi das brutale Vorgehen des Militärs insgemeim gutheißt. In diesem Fall müsste ihr der Nobelpreis in der Tat umgehend aberkannt werden.
jamsrhb 08.09.2017
2. Echt jetzt?
Rohingya war der Sammelbegriff für diverse muslimische Gruppierungen in der Arakanregion in Burma die mit der Zeit aus Bangladesh illegal eingewandert sind. Sie haben sich von der Mehrheitsgesellschaft abgekapselt und später [...]
Rohingya war der Sammelbegriff für diverse muslimische Gruppierungen in der Arakanregion in Burma die mit der Zeit aus Bangladesh illegal eingewandert sind. Sie haben sich von der Mehrheitsgesellschaft abgekapselt und später haben ihre Rebellen mit Gewalt ein eigenes Territorium gefordert um einen Gottesstaat errichten zu können, weil es für sie nit erträglich ist von Buddhisten regiert zu werden. . Die Rebellen waren es übrigens auch die sich selber zum Volk der Rohingya erhoben haben, wenn kein eigenes Volk dann kein Einfluss in dieser Region. Gebräuchlich als Begriff für eine Volksgruppe in den westlichen Medien ist er erst seit 1995. Ein wirkliches Volk sind diese Leute trotzdem noch lange nicht. Das wird in den Medien aus Unwissen gerne mal vergessen zu erwähnen, oder es wird verschwiegen, weil eine verfolgtes Volk besser zieht.
Dida 08.09.2017
3. Sigi, Schulz,Merkel & EU
Wo bleibt eure Entrüstung? Oder es sind bloß Muslime?? Besonders die Grünen & Linke schweigen. Wo bleiben die Boykott Aufrufe?
Wo bleibt eure Entrüstung? Oder es sind bloß Muslime?? Besonders die Grünen & Linke schweigen. Wo bleiben die Boykott Aufrufe?
artifex-2 08.09.2017
4. Was
Aber wenn die Sichtweise der Burmesen wahr und richtig ist ? Fakt ist , dass die Rohingya gewaltsam Umsturzversuche unternahmen ! Wohin man auch auf der Welt schaut , es sind meistens Muslime , die mit ihrem gewaltsamen Wunsch [...]
Aber wenn die Sichtweise der Burmesen wahr und richtig ist ? Fakt ist , dass die Rohingya gewaltsam Umsturzversuche unternahmen ! Wohin man auch auf der Welt schaut , es sind meistens Muslime , die mit ihrem gewaltsamen Wunsch nach einem Gottesstaat ,regulären Staatsgebilden Schwierigkeiten machen und diese nicht unblutig .
tiggowich 08.09.2017
5. Also bitte.
Man sollte doch wenigstens beide Seiten der Medaille betrachten: Zur Wahrheit gehört nämlich auch, dass mehrheitlich muslimischen Gruppen illegal ins gekommen waren und dort über Jahre Schrecken und Terror walten ließen. Wie [...]
Man sollte doch wenigstens beide Seiten der Medaille betrachten: Zur Wahrheit gehört nämlich auch, dass mehrheitlich muslimischen Gruppen illegal ins gekommen waren und dort über Jahre Schrecken und Terror walten ließen. Wie in dem Artikel angedeutet, wurden der Staat, Polizisten und Zivilisten gleichermaßen Zielscheibe des Terrors. Vor diesem Hintergrund kann ich nur allzu gut verstehen, dass die Regierung sich dieser Leute entledigen will. Dass das auf unmenschliche Art geschieht, steht auf einem anderen Blatt Papier. Aber ähnliche Situationen werden wir in den nächsten Jahren ja auch in Europa bekommen... dann brauchen wir gar nicht mehr so weit in die Ferne blicken.
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