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Politik

Aung San Suu Kyi

Warum Burmas "Lady" ihren Ruf riskiert

Die massenhafte Vertreibung der muslimischen Minderheit aus Burma verändert den Blick auf Aung San Suu Kyi. Die Friedensnobelpreisträgerin schweigt zu der Verfolgung - aus politischem Kalkül.

imago/ ZUMA Press

Aung San Suu Kyi

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Samstag, 09.09.2017   15:43 Uhr

Entsetzen und Enttäuschung macht sich unter uns Journalisten breit, die Aung San Suu Kyi lange Jahre begleitet haben und über ihren Widerstand gegen die Militärjunta berichteten. Wenn wir sie in ihren kurzen Zeiten der Freiheit vom Hausarrest interviewten und beobachteten, verließen wir Burma beeindruckt von ihrer Persönlichkeit, ihrem Mut, ihrer Klugheit und ihrem Charme. Die Brutalität der Generäle, deren Spitzel die burmesische Gesellschaft durchdrangen, stand so offenkundig im Gegensatz zur friedlichen Würde der Lady mit den Blumen im Haar - und wir wussten, dass wir auf der richtigen Seite standen.

Was für ein Debakel. Was ist nur aus der Frau geworden, die sich einst so beharrlich für die Freiheit ihrer Landsleute eingesetzt hat? Die ihr Leben für die Demokratie riskierte, über 15 Jahre im Hausarrest saß und es schließlich doch schaffte, die Militärdiktatur aufzuweichen - und selbst als Staatsrätin an die Spitze des Landes gelangte? Heute ist der Glanz Suu Kyis verblasst, viele wenden sich enttäuscht von ihrem Idol ab, manche verlangen sogar, ihr den Friedensnobelpreis abzuerkennen. So schnell kann es gehen: Einmal an der Macht, ist sie in den Augen ihrer Kritiker eine gefallene Heldin.

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Rohingya in Burma: Durch den Schlamm nach Bangladesch

Der Grund für diese Enttäuschung ist ihr Verhalten angesichts einer Tragödie, die sich derzeit im Westen Burmas abspielt: Gruppen von Rohingyas, Angehörige einer muslimischen Minderheit, haben Polizeiposten und Militärs angegriffen. Die Soldaten schlagen seither brutal zurück, berichten Flüchtlinge: Sie töten, vergewaltigen, brandschatzen. Nach Informationen der Uno sind inzwischen mehr als 270.000 Menschen über die Grenze nach Bangladesh geflohen.

Suu Kyi aber schweigt. Bislang hielt sie es nicht für nötig, in die Krisenregion zu fahren, um dort die Gemüter zu beruhigen, das Militär zur Ordnung zu rufen, kurz: das zu tun, wofür sie bislang gelebt hat - die Menschenrechte und Gerechtigkeit zu verteidigen. Stattdessen beteuert sie: von "ethnischen Säuberungen" im Rakhine-Staat könne nicht die Rede sein. Und: Bei den Aufständischen der Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) handele es sich um "Terroristen".

Ihren Kritikern begegnet sie in ihren seltenen Interviews heute mit höflich formulierter Härte - und zeigt damit eine Eigenschaft, die auch ihr früheres Leben charakterisiert hat: Sie konnte nicht nur charmant, sondern sehr stur sein, schnell erzürnt, hart gegen andere und gegen sich selbst. Das haben Freunde und Weggefährten aus ihrem früheren Leben vor der Rückkehr nach Burma 1988 immer wieder berichtet. Als ihr Mann dann in England an Krebs starb, blieb sie in Yangon. Sie nahm in Kauf, ihre beiden Söhne nicht aufwachsen zu sehen, als die Junta die Jungen nicht einreisen ließ.

Ihre Widerstandskraft gegenüber der Militärjunta beruhte auf einer Kombination persönlicher Stärke und Schwäche zugleich: Sie ließ sich von den Generälen nichts sagen - war aber oft auch nicht bereit, den Rat ihrer Parteifreunde anzunehmen.

Suu Kyi hat in Militärangelegenheiten nichts zu sagen

Das zeigte sich auch in Suu Kyis Art, ihre Partei zu führen. Die mittlerweile 72-Jährige hat bis heute keine Nachfolgerin oder keinen Nachfolger an der Spitze der Nationalen Liga für Demokratie (NLD) aufgebaut. Was also ist passiert mit der "Lady", wie sie die Burmesen nennen? Warum riskiert sie ihren Ruf?

Ein Blick auf die ungemein verfahrene politische Gemengelage Burmas könnte eine Erklärung bieten: Suu Kyis NLD hat zwar die Parlamentswahlen 2015 haushoch gewonnen, doch laut Verfassung sind 25 Prozent der "Volksvertreter" für Militärs reserviert - ebenso das Innen- und das Verteidigungsministerium sowie das Ressort für die Grenztruppen. Im Klartext: Suu Kyi und ihre Leute haben in Militär- und Sicherheitsangelegenheiten nichts zu sagen. Sie selbst durfte nicht Präsidentin werden, weil sie einst mit einem Ausländer verheiratet war.

Aus ihren jüngsten Interviews wird deutlich, dass dies das oberste Ziel der Staatsrätin Suu Kyi ist und bleibt: Sie will diese absurde Verfassung ändern. Sie will das Militär entmachten und die alten Konflikte zwischen Armee und den Truppen ethnischer Minderheiten beenden, sie will aus Burma einen Bundesstaat machen, in dem die vielen Völker mehr Rechte bekommen.

Die Armee hingegen schätzt diese Idee nicht: Sie profitiert vom Krieg, von schrägen Deals mit Rebellen, vom Opiumhandel, vom Zugang zu Rohstoffquellen, von unzähligen Firmen, die in den Händen der Generäle oder ihrer Kumpane liegen. Das alles geschieht, während ein anderer Konflikt die Gesellschaft Burmas zu zerreißen droht: Nationalistische Buddhisten, unter ihnen viele Mönche und Militärs, die Suu Kyi und ihre NLD für zu "westlich" halten, sind fest davon überzeugt, das Land vor vermeintlich aggressiven Muslimen schützen zu müssen. Diese hatten, so behaupten sie, schon immer nur eines im Sinn: Burma von einem buddhistischen in einen muslimischen Staat zu verwandeln. Die Rohingyas sind nach ihrer Ansicht die Vorhut - "Bengalis", die nicht zu Burma gehören.

Ihr muslimischer Berater wurde erschossen

Die Regierung behandelt die Rohingyas seit Jahren wie Bürger zweiter Klasse. Suu Kyi ist es bislang nicht gelungen, das zu ändern. Sie bat den früheren Uno-Generalsekretär Kofi Annan um Rat. "Es ist ein wenig unvernünftig, von uns zu erwarten, die Angelegenheit in 18 Monaten zu bewältigen", sagte sie.

Wenn Suu Kyi vor diesem Hintergrund Partei für die Rohingyas ergreifen, sie sogar an der Grenze besuchen würde, wie die internationale Gemeinschaft hofft, könnte dies Folgen haben: Sie würde die Unterstützung zahlreicher Buddhisten verlieren. Die Stimmung unter ihnen ist, wie die renommierte "Crisis Group" jetzt herausfand, explosiv. Dies zeigten die tödlichen Schüsse auf Ko Ni, den muslimischen Berater Suu Kyis, im Januar am Flughafen von Yangon. Vor seinem Tod hatte er an einem neuen Verfassungsentwurf gearbeitet.

Es ist zudem nicht ausgeschlossen, dass nationalistische Militärs im Verbund mit radikalen Buddhisten die Situation im Westen des Landes absichtlich anheizen, um die Regierung um Suu Kyi zu destabilisieren und eine neue Verfassung zu verhindern. Ergriffe sie in dieser Situation Partei für die Muslime, würde sie Öl ins Feuer gießen, argumentiert Suu Kyi. "Nur eine Bevölkerungsgruppe zu verurteilen", komme deshalb nicht in Frage.

Der südafrikanische Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu schrieb jüngst einen Brief an seine "teure Schwester": "Wenn der politische Preis für deinen Aufstieg in das höchste Amt in Burma dein Schweigen ist, dann ist er ganz sicher zu hoch."

insgesamt 16 Beiträge
spon-facebook-10000123096 09.09.2017
1. einseitiger Bericht
Hier was ausgewogenes (Stand gestern): https://www.youtube.com/watch?v=g1MoehFI3io
Hier was ausgewogenes (Stand gestern): https://www.youtube.com/watch?v=g1MoehFI3io
hehnsascha 09.09.2017
2. rakhines und buddhisten, sie können sich nicht besonders gut leiden..
aber sie leben zusammen hier in der grenzregion zwischen thailand und burma. auf dem markt hier wähnt man sich zuweilen in saudi-arabien, vollverschleierte frauen, männer in kaftans mit käppis, aber man hat sich arrangiert. [...]
aber sie leben zusammen hier in der grenzregion zwischen thailand und burma. auf dem markt hier wähnt man sich zuweilen in saudi-arabien, vollverschleierte frauen, männer in kaftans mit käppis, aber man hat sich arrangiert. auch auf der burmesischen seite gibt es eine muslimische gemeinde mit moschee, manchmal schlägereien unter den jugendlichen, aber das wars. leider haben einige hassmönche, die vorgeben buddhisten zu sein, und das militär, die daran ihr eigenes süppchen kochen, den hass geschürt, der auf fruchtbaren boden fiel, wie damals in serbien. burma ( für mich immer noch dieser name, bis der von den militärs geschaffenen name myanmar von der bevölkerung legitimiert ist) ist ein vielvölkerstaat, von den briten künstlich geschaffen, wie syrien oder der irak, bevölkert von vielen ethnien mit unterschiedlicher kultur , sprache und zuweilen auch schrift, die untereinander schon immer spinnefeind waren. auch heute noch wird in vielen regionen gekämpft, im shan-staat, kachin, manchmal auch noch bei den karen, wo die milizen schutzgeld wollen. das militär ist ein staat im staate, mit eigenen interessen, geldquellen , machtstrukturen. die lady hat sich da eine fast unlösbare aufgabe aufgehalst, die politisch - demokratisch nicht zu lösen ist. endlich mal ein artikel über die situation in burma, der so etwas an der realität kratzt.
Ottokar 09.09.2017
3. Burmas "Lady" riskiert ihren Ruf
Aber nur aus der Sicht einiger Journalisten. Was soll sie machen wenn Gruppen von Rohingyas, Angehörige einer muslimischen Minderheit, Polizeiposten und Militärs angreifen? Suu Kyi gehört nicht zu den Grünen die auch noch die [...]
Aber nur aus der Sicht einiger Journalisten. Was soll sie machen wenn Gruppen von Rohingyas, Angehörige einer muslimischen Minderheit, Polizeiposten und Militärs angreifen? Suu Kyi gehört nicht zu den Grünen die auch noch die andere Wange hinhalten sondern reagiert mit aller Härte die angebracht ist. Punkt.
hanspetermoesch 09.09.2017
4. Rohingyas in Birma:
Diese Menschen islamischen Glaubens auf der Flucht aus Birma sind Opfer ihrer Glaubensbrüder, die nach Saudi Arabien ausgewandert sind. Radikalisierte und von S.A. finanzierte Rohingyas (S.A. nennt diese „birmanische Muslime“) [...]
Diese Menschen islamischen Glaubens auf der Flucht aus Birma sind Opfer ihrer Glaubensbrüder, die nach Saudi Arabien ausgewandert sind. Radikalisierte und von S.A. finanzierte Rohingyas (S.A. nennt diese „birmanische Muslime“) wiegeln jene Rohingyas auf, die noch im Gastland Birma leben, vorwiegend Arme mit wenig Schulung/Bildung. Radikalisiert, sind diese nun Aufständische: Sie fordern im NW Birmas für sich ein unabhängiges Gebiet. Die Regierung, das Militär in Birma, aber auch die buddhistische Bevölkerung, welche in diesem umstrittenen Gebiet auch wohnt, will das nicht. Islam, Scharia ist nicht ihre Kultur. Würden wir es toll finden, wenn Zugewanderte hier für sich ein autonomes Gebiet fordern mit ihren eigenen Gesetzen und nur Islam? Wohl kaum - trotz Emphatie für andere.
rabindranat 09.09.2017
5. Was soll denn jetzt dieses Suu Kyi Bashing?
Wem ist denn gedient, wenn sie jetzt dem Militär den ersehnten Vorwand gibt, das Rad wieder zurück zu drehen?? Mit unbedachten Äußerungen kann sie jetzt nur den Rückhalt in der Bevölkerung verspielen, der allein sie und den [...]
Wem ist denn gedient, wenn sie jetzt dem Militär den ersehnten Vorwand gibt, das Rad wieder zurück zu drehen?? Mit unbedachten Äußerungen kann sie jetzt nur den Rückhalt in der Bevölkerung verspielen, der allein sie und den Wandel schützt.

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