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Politik

Theresa Mays Rede bei Tory-Parteitag

Der berühmteste Hustenanfall der britischen Geschichte

Auf ihrem Parteitag in Manchester wollten die frustrierten Konservativen den Neustart wagen. Das ging schief - auch, weil Premierministerin May im entscheidenden Moment die Stimme versagte.

ARRIZAB/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Theresa May während ihrer Rede

Aus Manchester berichtet
Mittwoch, 04.10.2017   18:58 Uhr

Theresa Mays Rede war schon weit fortgeschritten, das Publikum im ehemaligen Bahnhof Manchester Central klatschte eher pflichtschuldig als euphorisch - da kochten im Saal doch noch Emotionen hoch.

Plötzlich konnte jeder sehen, wie sehr die einsame Frau auf der riesigen Bühne mit ihren eigenen Worten kämpfte, wie ein ums andere Mal ihre Stimme brach, wie sie verzweifelt dagegen mit Wasser antrank und sich immer wieder räuspern und husten musste, bis ihr Schatzkanzler sich erbarmte und ihr ein gelbes Lutschbonbon reichte.

Da erhoben sich die vielleicht 800 Konservativen von ihren Sitzen und applaudierten der Regierungschefin lautstark. Es war ein Moment, auf den May lange gewartet hatte. Nur feuerten sie die Menschen nicht vor Begeisterung an. Sondern aus Mitleid.

Foto: REUTERS

Gedacht war es eigentlich anders. Der finale Auftritt Mays sollte nicht nur den Schlusspunkt des viertägigen Tory-Parteitags markieren, sondern auch einen Wendepunkt. Nach einem desaströsen Sommer, in dem die Partei ihre komfortable Mehrheit im Parlament ohne Not verspielt hatte, in Ränken und Intrigen versunken war, während die sozialistisch reformierte Labour-Partei in Umfragen an ihr vorbeizog, wollte May in Manchester den Neustart einleiten. Demütig und offen wie selten entschuldigte sie sich für das Wahldebakel im Juni. Sie rief die Konservativen zur Einigkeit auf und versprach ihrem Volk, das eiserne Spardiktat der vergangenen sieben Jahre in Teilen zu lockern, um den "britischen Traum" vom stetig wachsenden Wohlstand wiederzubeleben.

Der bleibende Eindruck dieser Rede wird nun jedoch sein, dass ihr im entscheidenden Moment die Stimme versagte. Vom "berühmtesten Hustenanfall der britischen Geschichte" sprach anschließend Mays Gesundheitsminister Jeremy Hunt. Niemand konnte darüber lachen. Weil es außerdem einem Komiker gelungen war, May während der Rede ein Entlassungsschreiben in die Hand zu drücken, und weil schließlich noch Buchstaben des Parteitagsmottos zu Boden purzelten, verfestigte sich der Eindruck: Was immer die Tories derzeit anpacken - es geht schief.

Bleierne Schwere

Dabei hätte es nicht einmal dieses deprimierenden Finales bedurft. Schon in den drei Tagen zuvor hatte bleierne Schwere über dem Kongress der Konservativen gelegen.

In unterschiedlichen Varianten beklagten Minister, Parlamentarier und Delegierte auf zahllosen Podien stets dasselbe: dass die Tories als Partei der sozialen Kälte wahrgenommen würden, dass die Jugend sich in Scharen abwende, dass der Brexit zum Desaster werden könne, wenn 15 Monate nach dem Anti-EU-Referendum nicht endlich Bewegung in die Sache komme. Und vor allem: dass gegen den sozialistischen Sturm, den Labour unter Jeremy Corbyn entfacht habe, kaum anzukommen sei. Selten sahen Sieger einer Wahl, die keine vier Monate zurückliegt, so sehr wie Verlierer aus.

Nicht einmal der Gute-Laune-Onkel der Konservativen, Außenminister Boris Johnson, vermochte es diesmal, seine Kollegen nachhaltig aufzurütteln.

AP

Minister Boris Johnson, David Davies

Einen Tag vor May hatte der ranghöchste EU-Feind des Landes seiner Partei mit donnernder Stimme einen Crashkurs in Sachen Optimismus verordnet. Dank des Brexit, so Johnson, werde Großbritannien wieder so groß werden, dass die Welt mit seiner Hilfe "Heilmittel" unter anderem gegen Klimawandel und islamistischen Terrorismus finden werde. Das war manchen dann doch zu viel des Guten. Außerdem tragen zahllose Tories Johnson nach, dass er die Regierung und seine Partei zuletzt durch mehrere egomanische Kapriolen zusätzlich geschwächt hat.

So blieb es also Theresa May vorbehalten, die strauchelnden Konservativen in einem grandiosen Finale wiederaufzurichten. Das ging gründlich schief. Oder doch nicht?

Nach der Pannenrede der Regierungschefin gab es auf den Fluren in Manchester Central einige, die ihr allen Ernstes etwas Gutes abgewinnen konnten. "Sie hat durchgehalten, und wir haben sie dabei nach Kräften unterstützt", sagte ein Delegierter. So müsse es weitergehen. Ein Hustenanfall als Heilmittel? Das wäre tatsächlich geschichtsträchtig.

insgesamt 17 Beiträge
KingTut 04.10.2017
1. Eigentlich nur zwei Pannen
Für den Hustenanfall bzw. ihre Erkältung kann Frau May nichts. Es ist löblich, dass sie sich trotzdem zu dieser Rede aufgerafft hat, über deren inhaltliche Qualität man streiten kann. Ihr kommt leider die undankbare Aufgabe [...]
Für den Hustenanfall bzw. ihre Erkältung kann Frau May nichts. Es ist löblich, dass sie sich trotzdem zu dieser Rede aufgerafft hat, über deren inhaltliche Qualität man streiten kann. Ihr kommt leider die undankbare Aufgabe zu, über den Brexit zu verhandeln, zu dem es dank eklatanter Unwahrheiten und Versprechungen, unter anderem verbreitet durch ihren Außenminister Boris Johnson gekommen ist. Rosige Zeiten hat er den Briten nach einem Brexit versprochen, aber alles deutet darauf hin, dass das Gegenteil der Fall sein wird. Aus niedrigen, parteiinternen Beweggründen, um seinem parteiinternen Rivalen Cameron eins auszuwischen, hat er sich für den Brexit stark gemacht. Dass er loyal zu Frau May steht darf bezweifelt werden, womit der Komiker Simon Brodkin durch seinen P45-Auftritt ins Schwarze traf. Dass dann noch die Buchstaben des Slogans der Veranstaltung von der Wand fielen, setzte dem Ganzen die Krone auf. Dennoch: Schadenfreude über ihre Situation sollte man den Briten nicht entgegenbringen. Ich hoffe nach wie vor, dass dort Vernunft einkehrt und der Austritt aus der EU doch nicht stattfindet. Frau May wünsche ich eine baldige Genesung.
Motorpsycho 04.10.2017
2.
Ist ja der Wahnsinn. Da geht es um eine der wichtigsten Entscheidungen für Europa der nächsten Jahrzehnte und das wichtigste ist, dass ein F aus der Deko gefallen ist und Frau May zu Beginn der Erkältungszeit einen Frosch im [...]
Ist ja der Wahnsinn. Da geht es um eine der wichtigsten Entscheidungen für Europa der nächsten Jahrzehnte und das wichtigste ist, dass ein F aus der Deko gefallen ist und Frau May zu Beginn der Erkältungszeit einen Frosch im Hals hat? Nicht euer Ernst, SPON.
murksdoc 04.10.2017
3. Raubritter
England ist eine schwimmende Ritterburg, die durch ihre Lage die Handelswege über das Wasser nach Gutdünken regulieren und die dort Handelnden erpressen oder gleich ausplündern konnte. Ohne diese Raubritterfunktion, sei es [...]
England ist eine schwimmende Ritterburg, die durch ihre Lage die Handelswege über das Wasser nach Gutdünken regulieren und die dort Handelnden erpressen oder gleich ausplündern konnte. Ohne diese Raubritterfunktion, sei es durch Piraterie, Blockaden oder koloniale Unterdrückung wäre England nichts. Dass dieser Reichtum in der postkolonialen Zeit nicht mehr zu erlangen ist, werden die Engländer bald lernen. Ausser, sie finden eine andere, elegantere Methode der Plünderung. Vielleicht durch ihre Banken.
ketzer3 04.10.2017
4. Ein von Empathie getragener Kommentar
von Ihnen, Herr Schindler, auch von Ihnen, KingTut. Ich danke insofern, als wir ja alle die Sache mit der christlichen Nächstenliebe verinnerlicht haben – oder haben sollten – oder zumindest den Nächsten-Respekt. [...]
von Ihnen, Herr Schindler, auch von Ihnen, KingTut. Ich danke insofern, als wir ja alle die Sache mit der christlichen Nächstenliebe verinnerlicht haben – oder haben sollten – oder zumindest den Nächsten-Respekt. Allmählich tut sie mir ja leid, aber das heißt nicht, dass ich ein Überläufer zu den Brexit-Befürwortern wäre. Sie hat es sich ausgesucht, gegen ihre ursprüngliche Überzeugung, aus welchen Gründen auch immer, über die ich – hier zumindest – nicht spekulieren möchte.
PaulchenGB 04.10.2017
5. PM hat tags zuvor 28 Interviews gegeben
Die Stimme hat dann leider ihren Tribut gezollt. Nichts desto trotz eine gute Rede mit Zukunftsvisionen/-perspektiven für die Briten in der Welt und die EU-Bürger in GB. Die Briten wollen ihre Souveränität zurück, was mit dem [...]
Die Stimme hat dann leider ihren Tribut gezollt. Nichts desto trotz eine gute Rede mit Zukunftsvisionen/-perspektiven für die Briten in der Welt und die EU-Bürger in GB. Die Briten wollen ihre Souveränität zurück, was mit dem 29.3.2019 eintritt. Seitens der EU27 wird so getan, als ob GB zu einem Unrechtsstaat wird. Die meisten EU-Gesetze werden in GB-Recht übernommen. Also wo ist das Problem . Zu welchen Bedingungen danach der Handel mit der EU stattfindet, wird sich zeigen. Eines wird sich allerdings nicht ändern: GB wird weiterhin Mitglied der Nato und im Weltsicherheitsrat sein und sich für Frieden und Freiheit der Völker einsetzen, den Terrorismus bekämpfen und die Flüchtlingsflut zu bekämpfen versuchen. Aber das alles ohne Bevormundung der EU. GB war schon immer etwas anders, hat sich nie so richtig europäisch empfunden, mehr global. Handelsverträge konnte kein EU-Nationalstaat abschließen, nur die EU. Ob das nun zum Besseren oder Schlechteren für GB ist, sei erst einmal dahingestellt. Aber von den 27EU-Staaten will eigentlich niemand auf Geschäfte mit GB verzichten, die deutsche Wirtschaft schon mal gar nicht. 800.000 Autos pro Jahr aus BRD können durch Japan oder USA substituiert werden. Andere EU-Güter natürlich auch. Die EU ist leider ein unflexibler, bürokratischer, reformunwilliger Verein, der nicht die Bürger im Blick hat. Dass es einen Länderfinanzausgleich in einer Nation (z.B. BRD) gibt, ist nachzuvollziehen. Dass es EU-Nettoempfänger gibt, ist ebenfalls sinnvoll, aber doch nicht, wenn die am Dauertropf hängen. Die EU ist keine Vereinigte Nation!!! wie die USA. Dann hat es mich heute gefreut zu lesen, dass die BMW-Eigentümer Quandt über 1 Mrd. € an Dividende bekommen haben. Gleichzeitig bin ich mehr als verwundert, dass die EU BMW 19 Millionen € an Fördermitteln bewilligt. Das ist doch ein krankes System. Genauso, dass die Schweiz 2016 mit 88,8 Mio € zum Nettoempfänger wurde.

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