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03.12.2009
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Sieg im EU-Machtkampf

Triumphator Sarkozy provoziert die Briten

Von Carsten Volkery, London
Frankreichs Präsident Sarkozy: "Sieg des europäischen Modells"
AFP

Frankreichs Präsident Sarkozy: "Sieg des europäischen Modells"

Das saß: Nach der Berufung des mächtigen EU-Marktkommissars Michel Barnier jubelte Nicolas Sarkozy über den Triumph der Franzosen - die Briten seien "die großen Verlierer". Jetzt ist die Regierung Brown vergrätzt, Londons City tobt, die Banken fürchten den neuen Regulierer in Brüssel.

Napoleon Bonaparte, Charles de Gaulle, Nicolas Sarkozy - die Londoner "Times" zog am Mittwoch eine direkte Linie von dem kleinwüchsigen Diktator des 19. Jahrhunderts zum amtierenden Präsidenten der französischen Republik. Die Fotoserie sollte an die lange Geschichte englisch-französischer Auseinandersetzungen erinnern. Schon Napoleon hatte die Engländer abschätzig als "Krämernation" bezeichnet, nun sorgt Sarkozy für Empörung an der Themse.

Unverantwortlich sei Sarkozys "Säbelrasseln", kommentierte erbost die "Times". Ein Blogger des konservativen Magazins "The Spectator" empfahl dem französischen Präsidenten, er solle mehr Zeit auf Sex verwenden und weniger auf Politikspielchen. Seine Attacke auf die Londoner City sei populistisch, provokativ und ökonomisch unsinnig.

Was war geschehen? Sarkozy hatte wieder einmal den Mund nicht halten können. Nach der Ernennung des Franzosen Michel Barnier zum neuen EU-Binnenmarktkommissar hatte er vor einigen Tagen der Tageszeitung "Le Monde" gesagt, die Briten seien beim EU-Postengeschacher "die großen Verlierer". Zum ersten Mal in 50 Jahren sei nun ein Franzose für den Binnenmarkt zuständig, freute sich Sarkozy, "inklusive der Finanzmärkte."

Dann hatte er in einer Rede am Dienstag auch noch vom "Sieg des europäischen Modells" über das angelsächsische gesprochen und die Berufung Barniers als Beweis dafür gewertet, dass französische Regulierungsideen nun in Europa "triumphieren".

Große Aufregung nach Sarkozys Prahlerei

Sarkozys Prahlerei kommt für die Labour-Regierung zum schlechten Zeitpunkt. Premierminister Gordon Brown muss sich seit Tagen anhören, die Interessen der Londoner City in Brüssel nicht ausreichend verteidigt zu haben. Dabei hatte er noch versucht, die Zuständigkeit für die Finanzmärkte aus Barniers Portfolio herauszulösen - aber vergeblich: Sarkozy setzte sich durch.

FOTOSTRECKE

EU-Kommission: Barrosos Truppe für Europa

Nun ist die Aufregung groß. Finanzminister Alistair Darling schoss am Mittwoch scharf über den Ärmelkanal zurück. Eine florierende Londoner City sei nicht nur in britischem, sondern in gesamteuropäischem Interesse, schrieb er in einem Gastbeitrag in der "Times". Die Regulierung der Finanzmärkte dürfe nicht dazu führen, dass Firmen aus der EU in weniger regulierte Länder abwanderten: "Nichts wäre unsinniger."

Konkret erwähnte Darling die Hedgefonds-Richtlinie, die gerade in Brüssel verhandelt wird und die in London auf vehementen Widerstand stößt. Barnier werde darauf achten, dass Europa nicht mit sich selbst konkurriere, sondern nach globaler Exzellenz strebe, schrieb der Brite. Es klang halb bittend, halb drohend. Auch wiederholte Darling die britischen Vorbehalte gegen eine paneuropäische Aufsichtsbehörde. Die nationalen Aufsichtsbehörden müssten weiterhin die alleinige Verantwortung tragen, alles andere führe zu "Verwirrung".

Barnier: Die Ängste sind übertrieben

Darlings prompte Reaktion zeigt, wie ernst Sarkozys Äußerungen in der britischen Hauptstadt genommen werden. Sie befeuern den langgehegten Verdacht, dass Paris und Frankfurt den Rivalen London an die Leine legen wollen. Zwar hatte Barnier die explosiven Äußerungen seines Chefs sogleich zu entschärfen versucht: Die Ängste seien übertrieben, sagte er in einem Radio-Interview. Er kenne die Bedeutung der Londoner City für das Wirtschaftswachstum in Europa.

Doch ließen sich die aufgebrachten Gemüter in London nicht so leicht beruhigen. Simon Walker, Vorsitzender des Private-Equity-Verbandes BVCA, sagte: "Wir sind sehr besorgt, dass Großbritannien Einfluss in einem Bereich verliert, der uns überproportional betrifft." Barniers Ernennung sei eine Schwächung der britischen Position.

Tatsächlich dürfte Barnier sich als deutlich regulierungsfreudiger erweisen als sein Vorgänger Charlie McCreevey. Der Ire habe im Zweifel nach dem Prinzip der Nichteinmischung gehandelt, sagte der wirtschaftspolitische Sprecher der Sozialdemokraten im Europaparlament, Udo Bullmann. Die Franzosen hingegen wollten Politik machen. Die Tatsache, dass sie sich so stark um dieses Portfolio bemüht haben, zeige, dass sie etwas bewegen wollten. Da mache es auch keinen Unterschied, ob es sich um einen Sozialisten oder Gaullisten wie Barnier handele, sagte Bullmann.

Der erste Prüfstein für den Franzosen wird die Hedgefonds-Richtlinie sein. Der ursprüngliche Kommissionsvorschlag war unter der schwedischen EU-Ratspräsidentschaft stark verwässert worden, nun hoffen Sozialdemokraten wie Bullmann, dass Barnier ihn wieder verschärft.

Auf dem Weg zum Buhmann der Banker

Der neue EU-Kommissar könnte versucht sein, das Vakuum zu füllen, das Peer Steinbrück hinterlassen hat: Der frühere Bundesfinanzminister hatte sich stets in der Rolle als Erzfeind der Londoner City gefallen. Nach den ersten Reaktionen in London zu urteilen, ist Barnier auf dem besten Weg, zum neuen Buhmann der Banker zu werden. Die Ernennung des Franzosen sei der "Todesstoß" für den Finanzplatz London, schimpfte City-Veteran David Buik von BGC Partners.

Andere Beobachter hingegen mahnten zur Nüchternheit. "Wall Street Journal"-Blogger Iain Martin kommentierte, die Aufregung komme etwas spät. Die britische Regierung habe sich von den Deutschen und Franzosen austricksen lassen. Nun muss sie sich mit Barnier arrangieren.

Darling baute bereits vorsichtshalber möglichst großen Druck auf. Er erinnerte daran, dass London in einer anderen Liga als Frankfurt und Paris spielt. Im Wettkampf der globalen Finanzplätze sei London der einzige Rivale von New York, schrieb der Schatzkanzler. Keine andere europäische Stadt habe das gleiche Angebot an Finanzdienstleistungen, daher sei ihr Wohlergehen im Interesse ganz Europas.

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
1. Wo liegt das Problem der Briten?
wolfi55 03.12.2009
Die träumen immer noch von vergangenen Zeiten, als die eine Weltmacht waren. Das habe die bis heute nicht verwunden und verarbeitet. Die ganze Freiheit im Finanzwesen haben die doch nur, weil sich die sonst überhaupt nicht mehr [...]
Die träumen immer noch von vergangenen Zeiten, als die eine Weltmacht waren. Das habe die bis heute nicht verwunden und verarbeitet. Die ganze Freiheit im Finanzwesen haben die doch nur, weil sich die sonst überhaupt nicht mehr halten könnten. Das wurde auch schon gesagt, dass die Zocker dorthin gehen, wo sie zocken können und da das bei den Amis nicht mehr so der Fall ist, sind die halt nach GB gegangen. Zusätzlich sind die Inseln bei denen ein Problem (Jersey, Guernsey, etc). Diese unterliegen zwar dem Unterhaus (und manche nicht mal das) sind aber nicht in der EU. Dieses Konstrukt würde ich als erstes abschaffen. Ihre Industrie wurde unter maggie Thather abgewickelt und bis auf kümmerliche Reste ist da nichts mehr. Ihre Währung ist ein unter vielen und wenn die nicht in der EU wären, dann wären die schon lange den Weg Islands gegangen. Zusätzlich hängt man jenseits des Kanals den sprachlichen Freunden jenseits des Teichs nach udn mit den Kontintaleuropäern, die so ganz andere Sprachen sprechen und völlig andere Rechtssysteme haben. Wenn die Briten schon De Gaulle bemühen, dann aber auch richtig. Der wollte die nämlich nicht in der EU haben. GB ist ein gehobenes Entwicklungsland. Die sind gesellschaftlich völlig rückständig und von der Infrastruktur her marode. Weitaus schlimmer wie hierzulande. Übrigens wenn den Briten Europa nicht passt, seit dem 1.12.2009 ist der Austritt aus der EU möglich. Wolfgang
2. Nichts dazugelernt
Uhlenspeigel 03.12.2009
Da haben wir es also. Wir haben es ja eigentlich schon längst geahnt. Wenige Monate nach dem Platzen der größten Spekulationsblase aller Zeiten ist man an der Canary Wharf längst zur Tagesordnung übergegangen. Vor ein paar Monaten [...]
Da haben wir es also. Wir haben es ja eigentlich schon längst geahnt. Wenige Monate nach dem Platzen der größten Spekulationsblase aller Zeiten ist man an der Canary Wharf längst zur Tagesordnung übergegangen. Vor ein paar Monaten noch konnte man europaweit Stimmen vernehmen, die eine grundlegende Neuregelung (oder überhaupt Regelung) der Finanzmärkte forderten. Nun ist es still geworden. Und jetzt erdreisten sich die Franzosen, das Thema mittels einer Personalie nun doch noch auf die Agenda zu bringen. Pfui Teufel. Wo kommen wir denn hin, wenn wir unsere liberale Finanzmarktpolitik aufgeben ? Wo London sonst global an Wettbewerbskraft verliert, z.B. gegen das Zockerparadies China ? Also, weiter so meine Herren, die Steuermillliarden für Eure nächsten Blase legen schon bereit ...
3. Pfundig
Edda Sörensen 03.12.2009
Da die Briten noch nicht einmal den Euro als Zahlungsmittel akzeptierten, finde ich es nur folgerichtig, dass es nicht sie sind, die über den europäischen Markt bestimmen.
Zitat von sysopDas saß: Nach der Berufung des mächtigen EU-Marktkommissars Michel Barnier jubelte Nicolas Sarkozy über den Triumph der Franzosen - die Briten seien "die großen Verlierer". Jetzt ist die Regierung Brown vergrätzt, Londons City tobt, die Banken fürchten den neuen Regulierer in Brüssel. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,664885,00.html
Da die Briten noch nicht einmal den Euro als Zahlungsmittel akzeptierten, finde ich es nur folgerichtig, dass es nicht sie sind, die über den europäischen Markt bestimmen.
4. Sarkozy
Stäffelesrutscher 03.12.2009
Sarkozy ist wenigstens nicht so ein Weichspüler wie die meisten Politiker und will etwas voranbringen. Und in Zeiten nachdem die Banken enorm viel Kapital und vertrauen verbrannt haben, sehe ich es nicht ein, dass die Briten immer [...]
Sarkozy ist wenigstens nicht so ein Weichspüler wie die meisten Politiker und will etwas voranbringen. Und in Zeiten nachdem die Banken enorm viel Kapital und vertrauen verbrannt haben, sehe ich es nicht ein, dass die Briten immer noch ihre Bankenmafia hofieren wollen. Von dem her hat er sicher meine Sympathien.
5. Bravo
axelkli 03.12.2009
ich kann ja Monsieur Sarko nicht leiden, aber hier hat er mal was tolles zustande gebracht. Bien fait!
ich kann ja Monsieur Sarko nicht leiden, aber hier hat er mal was tolles zustande gebracht. Bien fait!
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