15.08.2010
Wirbel um Lockerbie-Attentäter
Vier Gutachten und kein Todesfall
Von Yassin MusharbashBerlin - Verletzte Gefühle Hinterbliebener, eine laufende Ermittlung des US-Senats, medizinische Wahrscheinlichkeitsrechnung und die Interessen eines Ölmultis: Der Fall des Libyers Abd al-Bassit al-Mikrahi könnte verworrener nicht sein. Ein Jahr nach der Freilassung des einzigen Menschen, der je wegen des Anschlags auf einen PanAm-Jet über dem schottischen Ort Lockerbie 1988 verurteilt wurde, kocht die Geschichte noch einmal richtig hoch. In Großbritannien, aber ebenso in den USA.
Im Zentrum steht die Frage, wieso Mikrahi im vergangenen Jahr aus der Haft entlassen wurde. Die schottische Regierung fasste seinerzeit diesen Beschluss auf der Grundlage einer Regelung, die es erlaubt, einen Inhaftierten freizulassen, wenn er nur noch drei Monate oder weniger zu leben hat. Sie kam damals zu diesem Schluss - doch nun will ein Ausschuss von US-Senatoren wissen, ob dabei alles mit rechten Dingen zuging. Die Ermittler sind mittlerweile so beunruhigt, dass sie, wie der britische "Telegraph" berichtet, in der kommenden Woche sogar britische Informanten aufrufen werden, vertrauliche Dokumente einzureichen. Die britischen Zeitungen recherchieren derweil ebenfalls die Entstehung der verschiedenen medizinischen Gutachten - mit verwirrenden und teils widersprüchlichen Ergebnissen.
Mikrahi, so viel ist unbestritten, leidet seit Jahren an Prostata-Krebs. Die libysche Regierung hatte im vergangenen Jahr gewarnt, Mikrahi dürfe nicht in Haft sterben. Anderenfalls könne dies Auswirkungen auf lukrative Ölgeschäfte britischer Multis mit Libyen haben. Das setzte einen Prozess in Gang, der schließlich zur Freilassung des Attentäters führte. Die Frage ist nur: Wie kam die Entscheidung der schottischen Regierung zustande?
Sicher und schon länger bekannt ist, dass die libysche Regierung Ärzte beauftragte, den Gesundheitszustand des Insassen zu begutachten. Einer dieser Ärzte war der Krebsspezialist Karol Sikora, der zu dem Schluss kam, es sei durchaus wahrscheinlich, dass Mikrahi nicht länger als drei Monate zu leben habe. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam ein libyscher Arzt. Ein dritter Arzt blieb etwas vorsichtiger, sagte jedoch, lange habe der Verurteilte in jedem Fall nicht mehr zu leben.
Schon als die Ergebnisse dieser Gutachten 2009 bekannt wurden, erklärte die schottische Regierung, sie habe diese Gutachten in ihre Entscheidung nicht einbezogen.
Welche aber dann? Edinburgh beharrt darauf, dass der Chef der Gesundheitsabteilung der Gefängnisbehörde, Andrew Fraser, die für die Regierung maßgeblichen Aussagen geliefert habe. Frasier wiederum habe eine nicht genannte Anzahl Experten gefragt und sei zu dem Schluss gekommen, drei Monate wären eine angemessene Schätzung, was Mikrahis wahrscheinliche weitere Lebenserwartung angehe.
Ein Gefängnisarzt ohne Krebs-Spezialisierung
Nun berichtet der "Telegraph", dass die Hauptquelle für Frasers Einschätzung der Gefängnisarzt gewesen sei, Peter Kay. Kay aber sei kein Spezialist, sondern lediglich Allgemeinarzt. Diese Enthüllung hat ihrerseits einige ermittelnde US-Senatoren auf den Plan gerufen, die Kay nun vorladen wollen - und ohnehin schon sauer sind, weil die schottische Regierung nicht kooperiert. Einer der Senatoren, Chuck Schumer, sagte dem Blatt, Kay möge kommen und seine Prognose erläutern, die die "ungerechte Freilassung eines Terroristen" erst möglich gemacht habe. Einige US-Senatoren sind überzeugt, dass der Ölmulti BP die Freilassung vorangetrieben habe; tatsächlich hat BP zugegeben, sich gegenüber der britischen Regierung für einen Gefangenaustausch mit Libyen eingesetzt zu haben.
Doch damit nicht genug. Die Diskussion wird weiter angeheizt durch ein Interview, das der "Observer" mit dem Krebsarzt Karol Sikora führte. Und der sagt nun, wenn er damals gewusst hatte, als wie vermeintlich präzise man sein Urteil werten würde, hätte er es "vager" formuliert: Die Frage, ob es wahrscheinlich sei, dass Mikrahi innerhalb von drei Monaten sterbe, hätte er zwar guten gewissen mit Ja beantworten können. Aber das bedeute überhaupt nicht, dass er nicht noch eine ganze Weile länger leben könne.
Diese Aussage ist insofern von Bedeutung, als der "Observer" berichtet, dass der Gefängnisarzt Peter Kay seinerseits den Bericht von Sikoras zu sehen bekam - und sich möglicherweise davon beeinflussen ließ.
Doch die Aufregung geht noch weiter: Die "Sunday Times" wiederum behauptet in ihrer aktuellen Ausgabe, dass sie die vier im schottischen Regierungsbericht von Fraser geschwärzten Krebsspezialisten identifiziert habe - und keiner von ihnen sei im Zusammenhang mit der Frage der Freilassung Mikrahis überhaupt befragt worden.
Zwei der Ärzte sagten vielmehr, sie hätten niemals Aussagen über die verbleibende Lebenserwartung des Libyers getroffen. Damit dürfte die Entscheidungsgrundlage der schottischen Regierung wieder in Zweifel stehen.
Am kommenden Freitag jährt sich die Freilassung Mikrahis - und es sieht aus, als würde der Fall zumindest die britische und US-amerikanische Regierung noch eine Weile beschäftigen. Aus Libyen sind derweil widersprüchliche Gerüchte zu hören. Einem zufolge genießt Mikrahi sein Leben in vollen Zügen. In jüngsten ist dagegen die Rede davon, er habe womöglich nur noch Tage zu leben.

