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02.05.2011
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Suche nach Bin Laden

Chronik einer Pannen-Jagd

Von Florian Gathmann und Veit Medick
Foto: AFP

Sie wollten ihn unbedingt ausschalten - aber die Suche nach Osama Bin Laden war jahrelang eine Serie von Pleiten, Pech und Pannen. Seit seiner Flucht aus Afghanistan war der Qaida-Führer unauffindbar. Umso überraschender kommt nun der erfolgreiche Schlag.

Berlin/Washington/Islamabad - Als nichts mehr ging, rückten Männer wie Gary Faulkner aus. "Rocky-Mountain-Rambo" nannten ihn US-Medien: Bewaffnet mit einer Pistole, einem langen Schwert und einem Nachtsichtgerät wollte der Bauarbeiter aus dem Bundesstaat Colorado im vergangenen Sommer das schaffen, woran die Militär- und Geheimdienst-Supermacht USA zehn Jahre lang gescheitert war: Osama Bin Laden zu töten.

Faulkner wurde auf dem Weg zur afghanischen Grenze von pakistanischen Polizisten aufgegriffen - es war nicht sein erster Versuch gewesen, den Qaida-Chef auf eigene Faust zur Strecke zu bringen.

Wenn sich archaische Bin-Laden-Jäger wie Faulkner auf den Weg machten, war die Blamage für Washington jedes Mal groß. Denn sie erinnerten daran, dass der amerikanische Staatsfeind Nummer eins immer noch irgendwo da draußen war: frei und quicklebendig. Die amerikanischen Dienste hatten seine Spur verloren - anders, als es die Rhetorik mitunter nahelegte.

"Ich will ihn - ich will Gerechtigkeit", hatte der damalige US-Präsident George W. Bush nach den Anschlägen vom 11. September gedroht und in Richtung Bin Laden den martialischen Satz nachgelegt: "Und es gibt ein altes Plakat draußen im Wilden Westen, wenn ich mich recht erinnere, das sagte 'Wanted: Dead or alive'". Als Bush junior siebeneinhalb Jahre später aus dem Amt schied, musste er in Sachen Bin Laden einräumen: große Worte, nichts passiert. Sein Nachfolger Barack Obama, der noch im Wahlkampf vollmundig zur Verfolgung des Terror-Fürsten geblasen hatte, zog als Präsident erst mal folgende Konsequenz: Er erwähnte Bin Laden nach Möglichkeit überhaupt nicht mehr.

Die Suche nach Bin Laden glich bis zum Sonntag einer Serie von Pleiten, Pech und Pannen.

Dabei waren sie schon einmal so nah dran gewesen, im Dezember 2001: Kurz nach dem Einmarsch in Afghanistan, das Taliban-Regime in Kabul war schnell gestürzt, hatte sich Bin Laden mit einigen seiner treusten Kämpfer in die Berge an der afghanisch-pakistanischen Grenze zurückgezogen. Der Terrorfürst kannte die schwer zugänglichen Tunnel- und Höhlensysteme von Tora Bora, hier hatte er schon während des Krieges gegen die Sowjets gehaust. "Wir werden ihn in seiner Höhle ausräuchern", verkündete Bush junior forsch.

Chance in Tora Bora wurde vertan

Seine Leute wussten um das Versteck. CIA-Agenten, Mitglieder von Spezialeinheiten und ein paar verbündete afghanische Warlords pirschten sich bis auf wenige Kilometer an den Staatsfeind heran, dirigierten mit ihren Lasergeräten Bomber, fingen Funksprüche ab. Bin Laden, so berichteten später Weggefährten, hockte im Berg, aß Oliven und trank Minztee. Eine Falle - doch sie war nicht dicht. Die Grenze nach Pakistan war weitgehend ungesichert, und Washington scheute davor zurück, zusätzliche Truppen nach Tora Bora zu schicken. Bin Laden entkam, und das wohl mit einer List: Einer seiner Vertrauten hatte sich mit dem eingeschalteten Satellitentelefon seines Chefs davongemacht und so das Augenmerk auf sich gezogen. Nach der Flucht soll Bin Laden so pleite gewesen sein, dass er sich von einem seiner Bodyguards 7000 Dollar leihen musste.

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Tödliche US-Operation: Jagd auf Bin Laden
Doch die Blamage für die USA war perfekt. Bush reagierte verärgert - und wies die CIA an, nicht locker zu lassen. 25 Millionen Dollar Fangprämie wurden ausgelobt. Der Mann musste gefasst werden. Und Aiman al-Sawahiri, die Nummer zwei, am besten gleich mit. "Wir bringen Ihnen die Köpfe", versprachen die Geheimdienstler. Nur wie?

Dann fielen der CIA die Nummern sudanesischer Pässe zweier Söhne Bin Ladens und seiner Frau in die Hände. Und im Februar 2003 meldete sich ein Überläufer in der amerikanischen Vertretung in Islamabad, um das Versteck von Bin Ladens Operationschef Chalid Scheich Mohammed zu verraten. Es war ein schwerer Schlag für al-Qaida. In Washington jubelte man im Glauben, die Loyalität innerhalb der Terrororganisation würde langsam bröckeln. Doch ein Durchbruch zur Nummer eins? Fehlanzeige.

Denn Bin Laden achtete wie besessen auf seine Sicherheit. Keine Telefonate, keine E-Mails mehr, nur noch handschriftliche Botschaften, die von treuen Kurieren überbracht wurden. Der Saudi kannte die Praktiken seiner Jäger: Ausgerechnet ein ehemaliger Ausbilder der Special Forces schulte seine Leibgarde. Bei den Amerikanern machte sich Hilflosigkeit breit. "Wir sind ziemlich sicher, dass er entweder lebt oder tot ist", sagte Bushs erster Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Ein entlarvender Satz.

Wilde Spekulationen

Wild wurde spekuliert. Es hieß, Bin Laden sei nierenkrank. Verschwörungstheoretiker stellten in Frage, dass er überhaupt noch lebe. Ernst zu nehmende Experten vermuteten ihn plötzlich im Jemen, andere in Pakistan, wieder andere in Afghanistan. Die Geheimdienste stürzten sich auf jede neue Audio-, jede Videobotschaft, die Bin Laden absonderte - immer auf der Suche nach einem Hinweis auf sein Versteck. 200 US-Agenten tummelten sich zeitweise zwischen Peschawar und der afghanischen Grenze. Ein Erfolg blieb aus.

2006 löste Bush die CIA-Einheit "Alec Station" auf, die eine Dekade die Jagd auf den Top-Terroristen und andere Qaida-Führer gesteuert hatte. Es mache keinen Sinn mehr, Individuen zu jagen, so die offizielle Begründung. Man müsse mehr in die Fläche gehen, hieß es.

Natürlich hatten die US-Dienste Bin Laden - den "Nordstern" des internationalen Terrorismus, wie man ihn bei der CIA nannte - weiterhin ganz oben auf der Prioritätenliste. Auch unter Präsident Obama. Aber bis vergangenen August, als die Dienste nach aktuellen Erkenntnissen die Spur zu seinem letzten Aufenthaltsort aufnahmen, tappten sie weitestgehend im Dunkeln. Der damalige Verteidigungsminister Robert Gates räumte im Juni 2009 gegenüber dem TV-Sender ABC offen ein, "dass wir nicht sicher wissen, wo Osama Bin Laden ist".

Präsident Obama versuchte, selbst die Ahnungslosigkeit der Supermacht noch ins Positive zu wenden. "Wenn wir die Schlinge so zugezogen haben, dass er irgendwo in einer Höhle sitzt und nicht einmal mit seinen Agenten kommunizieren kann, dann werden wir unser Ziel, Amerika zu schützen, erreicht haben", sagte er dem Fernsehsender CBS.

Defensiver ging es kaum.

Am Ende war es keine Höhle, sondern ein gut geschützter Gebäudekomplex im pakistanischen Abbottabad - in dem sich Bin Laden ohne Telefon- und Internetanschluss versteckt hielt. Die Dienste waren ihm über einen Kurier auf die Schliche gekommen. Plötzlich war der Qaida-Kopf ein vergleichsweise einfaches Ziel, das sich der zuletzt in den USA schwächelnde Präsident Obama nicht entgehen lassen wollte: Mehrmals berieten sich allerhöchste Kreise dazu im Oval Office. Der Zugriff der US-Elitesoldaten, akribisch geplant und mehrfach geprobt, dauerte nur 40 Minuten. Bin Laden habe sich nicht ergeben wollen, heißt es.

Sein Leben endete mit einem Kopfschuss.

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Osama Bin Laden: Ein Leben, um zu töten

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