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04.05.2011
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Bin Ladens Residenz in Pakistan

Ein Versteck zum Leben und Sterben

DPA

Es war die Burg des Terrorfürsten, hier wurde er von Navy Seals erschossen: Osama Bin Laden lebte hinter Mauern und rostigem Stacheldraht, allerdings mit wunderschöner Aussicht. Jetzt sind die Fenster zersplittert, die Balkontüren verkohlt. SPIEGEL-ONLINE-Reporter Hasnain Kazim berichtet vom Grundstück des Qaida-Chefs.

Es ist ein herrliches Panorama, das Osama Bin Laden von seinem Schlafzimmer aus genoss: Hier, in der zweiten Etage seines dreistöckigen Hauses, ließ er seinen Blick über grüne Berge schweifen, das Anwesen ist von weiten Feldern umgeben.

Still ist es, das nächste Gebäude steht mindestens hundert Meter weit entfernt, kein Verkehrslärm stört, nur auf dem Übungsplatz der angrenzenden Kasernen knallen ab und zu ein paar Schüsse. Bin Laden und seine Mitbewohner waren abgeschnitten von der Außenwelt, es gibt im Haus weder Telefon noch Internet.

Zum ersten Mal erhielten Journalisten jetzt Zugang zum Gelände in Abbottabad, wo in der Nacht zum Sonntag der Zugriff auf den meistgesuchten Mann der Welt erfolgte.

SPIEGEL-ONLINE-Reporter Hasnain Kazim konnte sich dort, unter dem misstrauischen Blick pakistanischer Sicherheitskräfte, umsehen.

Im Garten des Hauses steht ein Generator - hier, im Stadtteil Bilal Town, fällt die Elektrizität oft mehrere Stunden am Tag aus. Jetzt liegt das Haus des Terrorchefs verlassen da, die pakistanischen Ermittler haben die Tore auf allen Seiten abgesperrt, mit rosafarbenen, leuchtenden Aufklebern versiegelt. Vor jedem Eingang stehen jeweils zwei bewaffnete Polizisten.

"Wir stehen hier seit acht Stunden und haben die Anweisung, niemanden einzulassen", sagt einer von ihnen. Es herrscht noch hektischer Betrieb der Ermittler: Soldaten, Geheimdienstleute und Polizei sichern Spuren - und beseitigen sie anschließend.

Der Platz, auf dem die Trümmer des abgestürzten Helikopters des US-Militärs lagen, wurde umgepflügt.

Ein Polizist erzählt, man habe auch Einschusslöcher entfernt. Überprüfen lassen sich diese Angaben nicht.

Bargeld in Kleidung genäht

Der Unterschlupf des Terroristen ist ein gelblich-weiß verputztes Haus, umgeben von einer grauen Betonmauer, die mit einem verrosteten Stacheldraht abschließt. Viele Berichte waren übertrieben, die Mauer ist an der höchsten Stelle vier Meter hoch - keine fünf oder gar zehn Meter, wie manche berichteten.

Auch kostete das Haus gewiss keine Million Euro. Es ist ein großes, repräsentatives, aber kein luxuriöses Gebäude, das Grundstück ist mehrere tausend Quadratmeter groß. Das Anwesen ist umgeben von Gemüse- und Getreidefeldern, hier und da liegen Häute von Schlangen.

Bin Laden fühlte sich hier offenbar so sicher, dass er sich mehrere Jahre auf dem Grundstück versteckte. Zugleich rechnete er offenbar immer damit aufzufliegen: Der Qaida-Chef hatte umgerechnet 500 Euro Bargeld und zwei Telefonnummern in seine Kleidung eingenäht, teilte CIA-Chef Leon Panetta am Mittwoch mit. Bin Laden war offenbar bereit, notfalls in Sekundenschnelle zu fliehen.

Auch soll er nach Angaben Panettas beim Angriff des US-Militärs zwar unbewaffnet gewesen sein, aber "bedrohliche Bewegungen" gemacht haben - die letzten Endes dazu führten, dass die Elitesoldaten tödliche Schüsse abgaben.

Was die Nachbarn sahen: Verhüllte Frauen, Kinder im Suzuki-Bus

Auf der Rückseite des Hauses sind die Spuren des Kampfes noch zu sehen. Fenster sind zersplittert, die Holzrahmen von Fenstern und Balkontür verrußt. Ansonsten sieht man nicht mehr viel vom spektakulären Einsatz der Elitetruppe Navy Seals.

"Uns ist nie etwas Besonderes aufgefallen", sagt Abdul Wadood, der im Nachbarhaus lebte. "Jeden Tag fuhr hier ein roter Suzuki-Bus, Modell Bolan, die Kinder zur Schule und nachmittags wieder zurück." Nachbar Wajid sagt, er habe nur ein paar Mal verhüllte Frauen gesehen, was aufgefallen sei. Denn im relativ liberalen Abbottabad, wo viele Offiziersfamilien und Wohlhabende leben, verhüllen sich die meisten Frauen nicht, sie tragen höchstens Kopftuch.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bin Laden hier gelebt hat", sagt Shakil Akhtar. Der Mann mit dem grauen Bart ist Mullah der Moschee, die ein paar hundert Meter hinter Bin Ladens Haus steht. "Ich lebe hier seit vier Jahren, in dieser Zeit habe ich keinen Bin Laden gesehen", sagt er. Ein paar Männer und Frauen aus dem Haus seien aber sehr wohl freitags zu seinen Predigten erschienen. "Die waren aber alle unauffällig."

"Es müsste mal gestrichen werden"

Ein anderer Nachbar hat sich vor dem Haus eingefunden. Er habe gedacht, dass es Haus noch immer in Bau sei. "Richtig schön ist es ja nicht, es müsste mal gestrichen werden", sagt er und lacht.

Den Eigentümer des Gebäudes kennt keiner von ihnen. Es sei das Haus eines Mannes, der "Geld, aber keinen Geschmack" hat, so die einhellige Meinung. Bald, wenn das Haus für Journalisten geöffnet wird, wollen sich die Anwohner auch einen Eindruck verschaffen.

"Ich möchte sehen, wie es da drin aussieht", sagt die Studentin Saima aus der Nachbarschaft. "Es ist schon eine Besonderheit, neben dem berühmtesten Terroristen der Welt zu leben, oder?", sagt sie und lacht. "Obwohl - wenn ich ehrlich bin, glaub ich noch nicht, dass hier Bin Laden lebte."

Sie waren alle wach in der Nacht, als das US-Sonderkommando kam. Sie haben Schüsse gehört und eine laute Explosion, wie sie alle übereinstimmend erzählen. Jetzt, zweieinhalb Tage nach dem tödlichen Einsatz, hat sie der Alltag wieder. Die Kinder gehen zur Schule, auf einem Weizenfeld neben dem Haus arbeiten Männer. Sie schimpfen, weil eines ihrer Felder von einem landenden Hubschrauber plattgemacht wurde.

Auch am Mittwochmorgen ist ein Hubschrauber gelandet und am Nachmittag gestartet, wieder hat er ein Feld zerstört. Es waren Ermittler, die das leere, versiegelte Haus zurückließen.

mit Material von dpa

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Osama Bin Laden über...
 
Den 11. September
"Wir berechneten im Voraus, wie viele Verluste der Feind erleiden würde. Wir nahmen als Grundlage die Position des Turms und errechneten, wie viele getötet werden würden. Wir schätzten, dass ungefähr drei bis vier Stockwerke getroffen werden würden. Ich war besonders optimistisch ..., weil ich auf diesem Gebiet bereits Erfahrung habe. Ich vermutete, das brennende Benzin würde die Eisenträger des Gebäudes schmelzen. Aber ich dachte nur, dass die Einschlagstelle und die Stockwerke darüber einstürzen würden. Mehr wagten wir nicht zu hoffen."

November 2001, zitiert nach: Abou-Taam/Bigalke: "Die Reden des Osama Bin Laden"
Den Irak-Krieg
"Ich jubele darüber, dass Amerika in den Schlammlöchern des Tigris und Euphrat steckengeblieben ist... Bush glaubt, der Irak und sein Öl seien leichte Beute, und nun steckt er durch die Gnade Gottes fest und kann weder vor noch zurück. Amerika schreit aus voller Kehle, während es vor den Augen der Welt auseinanderbricht."

Oktober 2003, zitiert nach: Coll: "Die Bin Ladens. Eine arabische Familie"
Amerika
Im September 2007 wandte sich Osama Bin Laden "an die Amerikaner": "So wie ihr euch zuvor aus der Sklaverei der Mönche, Könige und Feudalherren befreit habt, so solltet ihr euch jetzt von den Irreführungen ... des kapitalistischen Systems befreien."

Politische, geschichtliche und moralische Erörterungen vermischend, zeichnet Bin Laden das Bild einer Nation, die auf der Verliererstraße ist. Obwohl militärisch übermächtig, könnten die Amerikaner im Irak nicht gewinnen - weil sie zwar moralisch argumentierten, in Wahrheit aber nur den Interessen internationaler Konzerne folgten.

Das Ansehen der USA sei deswegen ruiniert. Um "den Krieg zwischen uns" zu stoppen, gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder die Mudschahidin stellten die Kampfhandlungen ein, was aber nicht gehe, weil sie eine Pflicht erfüllten. Oder die USA sähen endlich ein, dass sie die Verlierer im Irak seien. Es sehe aber so aus, als würden sie die eigenen Fehler aus dem Vietnam-Krieg und die der Sowjets aus dem Afghanistan-Feldzug wiederholen und sich vor der besseren Einsicht drücken.

Es gebe allerdings einen Ausweg, sagte Bin Laden weiter: Die Amerikaner sollten "nach einem alternativen, aufrechten Weg suchen", in dem es nicht darum gehe, andere zum eigenen Nutzen zu unterdrücken. Natürlich hat dieser Weg auch einen Namen: Die Amerikaner sollen zum Islam konvertieren.
Die Europäer
"Unsere Aktionen sind nur eine Antwort auf eure Aktionen - eure Zerstörung und und euren Mord an unseren Leuten, ob in Afghanistan, im Irak oder Palästina... Nach welchem Glauben sind eure Toten wertvoll und unsere wertlos? Nach welcher Logik zählt euer Blut als echt und unseres als Wasser? Vergeltung ist Teil von Gerechtigkeit, und der, der feindliche Akte zuerst begeht, ist der, der unrecht handelt. Ich rufe alle Männer, insbesondere Gelehrte, die Medien und Geschäfstleute dazu auf, eine permanente Kommission einzuberufen, um in Europa das Bewusstsein für unsere gerechten Gründe zu stärken... Ich mache einen Friedensvorschlag, der im Kern die Verpflichtung darstellt, alle Operationen gegen jeden Staat einzustellen, der sich verpflichtet, keine Muslime oder islamischen Staaten anzugreifen. "

April 2004, zitiert nach: Lawrence: "Messages to the World. The Statements of Osama Bin Laden"
Den "Kampf der Kulturen"
"Ohne jeden Zweifel (glaube ich an den Kampf der Kulturen). Das heilige Buch erwähnt ihn klar. Die Juden und Amerikaner haben das Lügenmärchen vom Frieden auf Erden erfunden. Das ist nur ein Märchen für Kinder."

Nach dem 11. September 2001 auf al-Dschasira. Zitiert nach: Coll: "Die Bin Ladens. Eine arabische Familie"

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