23.05.2011
US-Präsident in Irland
Heimspiel für O'Bama
Von Carsten Volkery, LondonEs war ein Heimspiel. Barack Obama ging scherzend durch die abgesperrte High Street von Moneygall, schüttelte unzählige Hände und nahm einen ordentlichen Zug Guinness im Pub von Ollie Hayes, bevor er ein paar Münzen auf den Tresen legte und sagte: "Der Präsident zahlt immer seine Rechnung."
Der kurze Abstecher des US-Präsidenten zu Beginn seiner sechstägigen Europa-Reise am Montagnachmittag wird das 300-Seelen-Dorf im irischen Hinterland noch Jahre beschäftigen. Die Zuschauer auf der Straße, die sich für die Tickets bis zu sechs Stunden lang angestellt hatten, waren begeistert, sie schwenkten amerikanische Fähnchen und riefen "Welcome home". Tausende waren aus dem Umland nach Moneygall gereist.
Der kleine Ort, in dem es nicht einmal ein Restaurant gibt, hatte sich seit Monaten auf den wichtigsten Besucher seiner Geschichte vorbereitet. Häuser wurden in Stars and Stripes gestrichen und Schilder errichtet, auf denen die "Moneygall Connection" des US-Präsidenten erklärt wurde. Obamas Ur-ur-Urgroßvater mütterlicherseits, ein Schusterjunge namens Falmouth Kearney, war 1850 im Alter von 19 Jahren von Moneygall nach Amerika ausgewandert.
Das macht Obama zu drei Prozent irisch, haben Hobby-Ahnenforscher errechnet.
Seit die Verbindung 2007 publik wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis Obama auftauchen würde. Wie etliche seiner Vorgänger im Präsidentenamt, ließ er sich die Gelegenheit nicht entgehen, bei den 37 Millionen Amerikanern mit irischen Wurzeln zu punkten. Die Fotos aus Moneygall sind von unschätzbarem Wert im kommenden US-Präsidentschaftswahlkampf. Amerikaner lieben Ahnenforschung - und dass ihr schwarzer Präsident neben dem kenianischen Vater auch noch irische Wurzeln hat, unterstreicht den nationalen Gründungsmythos des Melting Pot.
Die innenpolitisch motivierte Stippvisite in der irischen Provinz war der gelungene Auftakt zu Obamas Europa-Tour, auch wenn er seinen Besuch auf der Grünen Insel vorzeitig beendete: Aus Sorge über die Aschewolke werde der US-Präsident noch am Abend nach London weiterfliegen, teilte das Weiße Haus mit. Eigentlich hatte er in Dublin übernachten wollen.
Aber auch in London wird es ab Dienstag weitere schöne Bilder geben, wenn Barack und Michelle Obama von Queen Elizabeth II. im Buckingham-Palast empfangen werden. Man hat sich zwar schon 2009 kennengelernt, als Obama zum G-20-Gipfel in der Stadt weilte (damals brachte er der damals 82-jährigen Königin einen iPod mit).
Aber dies ist der erste Staatsbesuch - und das erste Mal, dass die Obamas im Palast übernachten. Die Erinnerung an die Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton ist in den Royals-verrückten USA noch frisch, und Obama kann darauf hoffen, dass ein wenig königlicher Glanz auf ihn abfällt - nachdem er schon zur Hochzeit nicht eingeladen war.
Die anfängliche Begeisterung ist in Europa der Ernüchterung gewichen
Neben den Bildern fürs Heimatpublikum hat Obama auch noch eine politische Botschaft für die Europäer. Seit seiner ersten großen Europa-Reise gleich nach Amtsantritt 2009 haben sich die Zeiten geändert - auf beiden Seiten des Atlantiks. Die anfängliche Begeisterung über den neuen Präsidenten ist in Europa der Ernüchterung gewichen. Und auch Obama sieht die häufig zerstrittenen Partner mit Skepsis. Nachdem er im ersten Jahr seiner Präsidentschaft ein halbes Dutzend Mal nach Europa jettete und unter anderem den Friedensnobelpreis entgegennahm, war er im vergangenen Jahr nur zweimal da.
Daher geht es nun darum, die Stärke des transatlantischen Bündnisses zu bekräftigen. In der zentralen Rede der Reise, die er Mittwochnachmittag in London vor beiden Häusern des britischen Parlaments hält, wird Obama die Bedeutung der Nato in aktuellen Konflikten wie Afghanistan und Libyen herausheben. Laut "Guardian" wird er auch ankündigen, dass der Nationale Sicherheitsrat der USA künftig Informationen mit seinem britischen Pendant teilen soll. Ein neues gemeinsames Gremium soll über langfristige Sicherheitsstrategien beraten. Damit wird die bislang schon enge Zusammenarbeit der beiden Geheimdienste bis in die Führungsspitze ausgedehnt.
"Special relationship" zwischen den USA und Großbritannien
Die "special relationship" zwischen den USA und Großbritannien muss bei solchen Anlässen immer besonders gewürdigt werden. Unter anderem werden Premier David Cameron und Obama diesmal gemeinsam für Kriegsveteranen grillen - ein Zeichen für die Waffenbruderschaft der beiden größten Truppensteller in Afghanistan.
Nach zwei Tagen in London fliegt Obama am Donnerstag zum G-8-Gipfel im französischen Deauville und am Samstag weiter nach Warschau, wo er neben dem polnischen Präsidenten bei einem Essen auch noch die Regierungschefs anderer osteuropäischer Länder trifft.
In den bilateralen Gesprächen mit Cameron und Sarkozy wird es vor allem um die Einsätze in Afghanistan und Libyen gehen. Die US-Regierung will den Teilabzug aus Afghanistan, der im Juli beginnen soll, eng mit den Partnern koordinieren. Cameron hatte vergangene Woche bereits angekündigt, bis Ende des Jahres 400 britische Soldaten aus Kandahar abzuziehen. Damit wäre das britische Kontingent wieder bei rund 9500 Mann. Der Zeitplan der USA ist noch unklar.
In der Libyen-Frage dringen Frankreich und Großbritannien darauf, dass die USA wieder eine größere Rolle spielen. Beide Länder ächzen unter der Last, die Angriffe auf Gaddafis Truppen mehr oder weniger allein fliegen zu müssen. Doch wird nicht erwartet, dass Obama den Europäern entgegenkommt.
Deutschland besucht Obama auf dieser Reise nicht, was prompt von einigen Beobachtern als Kritik am deutschen Zickzack-Kurs in der Libyen-Frage interpretiert wurde. Es gibt jedoch noch eine andere Erklärung: Kanzlerin Angela Merkel wird am 7. Juni in Washington mit der Freiheitsmedaille, der höchsten Auszeichnung der USA, und einem Staatsbankett im Weißen Haus geehrt.

