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25.05.2011
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Staatsbesuch in London

Obama beschwört die Achse der Guten

Von , London
AP

US-Präsident Barack Obama hat seinen Besuch in Großbritannien mit dem ganz großen Auftritt beendet: In einer viel beachteten Rede in Westminster Hall beschwor er die Einheit des Westens und den Wert der Freiheit. Nebenbei legte er mit Premier Cameron eine bildstarke Kumpel-Show hin.

Barack Obama traf genau den richtigen Ton. "Die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich sind unentbehrlich für die Welt", sagte der US-Präsident am Mittwochnachmittag in der ehrwürdigen Westminster Hall des Londoner Parlamentsgebäudes. Wer glaube, dass aufstrebende Staaten bald die Führung übernehmen könnten, liege falsch. "Der Zeitpunkt für unsere Führung ist jetzt".

Es sei in Mode gekommen, in den rasch an Einfluss gewinnenden Schwellenländern die Weltmächte der Zukunft zu sehen, während sich "unsere Führungsrolle überlebt" habe, sagte Obama. Dem sei nicht so. "Es waren die USA, Großbritannien und ihre demokratischen Verbündeten, die eine Welt geschaffen haben, in der sich neue Nationen entwickeln und Individuen gedeihen konnten."

Solche Worte kamen gut an. Tosender Applaus hallte durch die gotische Halle, als Obama seine vierzigminütige Rede beendet hatte. Es war das erste Mal, dass ein US-Präsident an diesem Ort vor beiden Häusern des britischen Parlaments sprach. Seit dem Zweiten Weltkrieg war diese Ehre nur Charles de Gaulle, Nelson Mandela und Papst Benedikt XVI. zuteil geworden. In der ersten Reihe saßen neben dem britischen Premier David Cameron dessen Vorgänger: Gordon Brown, Tony Blair und John Major. Nur die kranke Margaret Thatcher fehlte.

Obamas Auftritt, seine zentrale außenpolitische Rede auf der sechstägigen Europareise, sollte unterstreichen, wie wichtig die "special relationship" zwischen den USA und Großbritannien im Jahr 2011 wieder ist. Und er enttäuschte die Erwartungen nicht.

Obamas triumphaler Schlusspunkt

Der Präsident beschwor die lange gemeinsame Geschichte der beiden Nationen, die geteilten Werte und das globale Verantwortungsbewusstsein, das daraus erwachse. "Amerikanisch oder britisch zu sein, heißt nicht, einer bestimmten Gruppe anzugehören, sondern an bestimmte Ideen zu glauben", sagte er. So sei es möglich, "dass der Enkel eines kenianischen Kochs in Diensten der britischen Armee heute als Präsident der Vereinigten Staaten vor Ihnen steht".

Von der gleichen Freiheit träumten auch die Jugendlichen, die in Damaskus und Teheran auf die Straße gingen, sagte Obama. Deshalb stünden Großbritannien und die USA an ihrer Seite und würden ihren Worten Taten folgen lassen. "Wenn wir diese Verantwortung nicht übernähmen, wer würde es dann tun?", fragte Obama. Eine neue Ära der Kooperation sei daher nötig, ein neues Kapitel der amerikanisch-britischen Zusammenarbeit werde aufgeschlagen.

Die britischen Parlamentarier waren hingerissen. Nichts hören sie so gern wie den Satz, dass sie in der Welt gebraucht werden und sich auf Augenhöhe mit der Weltmacht befinden. Und so setzte Obamas Rede einen triumphalen Schlusspunkt unter einen Staatsbesuch, der auf beiden Seiten als höchst gelungen gilt.

Enger hätte der Schulterschluss der beiden Partner in diesen beiden Tagen kaum ausfallen können. Obama und Cameron verkniffen sich zwar Bemerkungen über gemeinsame Zahnpasta-Vorlieben, doch in ihrer demonstrativen Jovialität erinnerten sie schon an die Männerfreunde George W. Bush und Tony Blair.

Hemdsärmelig beim Barbecue

"Kann mal jemand einen Arzt rufen?", witzelte Obama am Dienstag, als Cameron beim Tischtennis-Spielen mit Jugendlichen in Südlondon von einem Ball getroffen wurde. Am Mittwochmittag erschienen die beiden dann hemdsärmelig zum Barbecue mit britischen und amerikanischen Kriegsveteranen im Rosengarten der Downing Street und standen einige Minuten mit der Wurstzange in der linken Hand am Grill (beide sind Linkshänder).

Die Bilder waren auf dieser Reise mindestens ebenso wichtig wie die Worte, und sie zeigten die Regierungschefs als unzertrennliche Kumpel. Besonders Cameron schien es wichtig, dem Publikum zu beweisen, wie eng er mit dem mächtigsten Mann der Welt ist. Der Konservative war ursprünglich mit dem Vorsatz angetreten, mehr Distanz zu den USA zu wahren als sein als "Bushs Pudel" verspotteter Vorgänger Blair. Doch scheint er inzwischen Blairs Lektion gelernt zu haben: Nur an der Seite der USA kann Großbritannien noch Einfluss auf der Welt ausüben.

Auch Obama, eigentlich kein Transatlantiker, scheint sein Interesse am alten Partner entdeckt zu haben. Wie Cameron pries er die bilaterale Beziehung wahlweise als "besonders", "einzigartig" oder "unentbehrlich". Der Grund für seine Charmeoffensive liegt auf der Hand: Die USA brauchen Großbritannien als Führungsmacht beim Libyen-Einsatz und bei der Koordinierung des Abzugs aus Afghanistan.

Den Vergleich mit den ungeliebten Vorgängern Bush und Blair hörten die beiden allerdings nicht so gern. Als ein Reporter sie in der Pressekonferenz am Mittwoch fragte, ob ihre Beziehung vielleicht gar nicht so viel anders sei als die von Bush und Blair, erklärte Obama nüchtern, die Beziehung zwischen den beiden Ländern sei immer gut, egal, wer gerade Regierungschef sei.

Cameron sagte, Obama und er gingen die Außenpolitik anders an: Sie würden nicht mit Besatzungstruppen in andere Länder einmarschieren, sondern wüssten, dass der Aufbau der Demokratie ein langer Prozess sei. Er zog lieber den Vergleich zu Margaret Thatcher und Ronald Reagan: Obama und er seien in den achtziger Jahren groß geworden, als die beiden gemeinsam die Freiheit in der Welt verteidigt hätten.

Politische Differenzen traten bei dieser Reise nicht zutage. Dabei gibt es durchaus unterschiedliche Ansätze in Afghanistan und in Libyen:

Mit seiner fulminanten Rede in der Westminster Hall dürfte Obama die wachsenden Zweifel der britischen Parlamentarier am Libyen-Einsatz zumindest vorerst gedämpft haben. Sein Appell an das britische Sendungsbewusstsein hinterließ einen gewaltigen Eindruck. "Es wäre leicht gewesen, zu Beginn der Niederschlagung der Proteste in Libyen zu sagen: Das geht uns nichts an", sagte Obama. "Aber wir sind anders."

Forum

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insgesamt 17 Beiträge
1. Wer "gut" ist, bestimmt er,
Wako 25.05.2011
dann darf sich D ja kaum Hoffnungen machen ...
dann darf sich D ja kaum Hoffnungen machen ...
2. Arbeitet Obama jetzt mit Taschenspielertriks?
moika 25.05.2011
Die Achse der guten? Wen meint Obama denn damit? Doch wöhl nicht die USA, England und Konsorten? Ich meine, wenn Ratzinger sich angesprochen fühlt, dann aus seinem Gefühl heraus, eine Achse des Guten existiert tatsächlich - [...]
Die Achse der guten? Wen meint Obama denn damit? Doch wöhl nicht die USA, England und Konsorten? Ich meine, wenn Ratzinger sich angesprochen fühlt, dann aus seinem Gefühl heraus, eine Achse des Guten existiert tatsächlich - vom Vatikan bis in den Himmel. Aber sonst? Keinen blassen Schimmer, wer oder was diese Achse sein könnte.
3. Die Achse der Guten...
alaxa 25.05.2011
Die Achse der Guten... Er sollte eher von der "Achse der Naiven" sprechen. Naiv, wenn man denkt, dass die "Außenwelt" irgendwelche Rücksicht auf Kultur, Historie oder Humanität der [...]
Die Achse der Guten... Er sollte eher von der "Achse der Naiven" sprechen. Naiv, wenn man denkt, dass die "Außenwelt" irgendwelche Rücksicht auf Kultur, Historie oder Humanität der "Helfenden" nimmt. Man nimmt, wenn man z.B. Hunger hat, gern auch die Finger der fütternden Hand. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Den "Anderen" helfen, bis einem selbst das Wasser bis zum Hals steht (siehe Deutschland) oder sich selbst vor den "Anderen" schützen, damit man seine Werte weiter pflegen kann. Die Option, dass sich alle Völker gleichberechtigt achten und helfen, kann man vergessen - obwohl sie die einzig Wahre wäre. Erst wenn sich z.B. ein Monster-Meteroit der Erde auf Kollisionskurs nähert oder unsere Luft zum Atmen zu eng wird, werden sich die Völker auf ihr gemeinsames Menschsein besinnen. Dann ist es allerdings etwas spät.
4. Überschätzt
Hape1 25.05.2011
"Die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich sind unentbehrlich für die Welt", sagte der US-Präsident am Mittwochnachmittag in der ehrwürdigen Westminster Hall des Londoner Parlamentsgebäudes. [...]
"Die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich sind unentbehrlich für die Welt", sagte der US-Präsident am Mittwochnachmittag in der ehrwürdigen Westminster Hall des Londoner Parlamentsgebäudes. _______________________________________________________ Wow, das zeugt von Selbstvertrauen. Z.Zt. sind diese kriegerischen, verschuldeten Länder eher hinderlich und schädlich denn "unentbehrlich" für diese Welt. Insbesondere für die die arabische Welt.
5. Dummer Rhetorik
horstma 25.05.2011
Die Erfindung der "Achse des Guten" mag zwar in UK Begeisterungsstürme auslösen, ist aber eine aussenpolitische Dummheit. Erstens ist es ein Rückfall in die Vor-Irakkriegs-Rhetorik, als von einer "Achse des [...]
Die Erfindung der "Achse des Guten" mag zwar in UK Begeisterungsstürme auslösen, ist aber eine aussenpolitische Dummheit. Erstens ist es ein Rückfall in die Vor-Irakkriegs-Rhetorik, als von einer "Achse des Bösen" und vom "alten Europa" die Rede war, als ein paar europäische Länder nicht mitziehen wollten. Enttäuschend, daß Obama jetzt daran anknüpft. Falls Obama mit der Achse UK und die USA gemeint haben sollte, was ich annehme, hat der Begriff der Achse noch einen anderen Haken: Eine Achse ist normalerweise eine gerade Linie. Zieht man diese auf dem Atlas von GB nach USA, liegen auf dieser Achse keine weiteren Länder Europas. Dieser Achsenbegriff ist wenig dazu geeignet, andere EU-Länder als Partner (wieder) in's Boot zu holen. Leere Rhetorik mit unguten Nebentönen. Ich kann damit leben.

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