04.02.2012
Afghanistan-Krieg
Zahl der getöteten Zivilisten auf Höchststand
Taliban-Kämpfer: 77 Prozent der getöteten Zivilisten wurden von Aufständischen getötet
Kabul/München - Für afghanische Zivilisten war das vergangene Jahr das tödlichste seit Beginn des Einsatzes der internationalen Truppen gegen die radikalislamischen Taliban vor zehn Jahren. Im Jahr 2011 seien 3021 Zivilisten getötet worden, acht Prozent mehr als 2010, teilte die Uno-Mission in Afghanistan (Unama) am Samstag in Kabul mit. Damit sei die Zahl das fünfte Jahr in Folge gestiegen.
Die afghanischen Zivilisten zahlten schon "viel zu lange" den "höchsten Preis des Krieges", erklärte Unama-Chef Jan Kubis. Immer noch werde "eine ständig steigende Zahl" von afghanischen Kindern, Frauen und Männern getötet. Der frühere slowakische Außenminister appellierte an alle Konfliktparteien, ihre Bemühungen zum Schutz von Zivilisten "in hohem Maße" zu verstärken.
Für etwa 77 Prozent der Tötungen seien Angriffe der Taliban oder anderer aufständischer Gruppen verantwortlich, ein Anstieg von 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Immer mehr Frauen und Kinder zählten zu den Todesopfern, schreibt die Unama in ihrem Jahresbericht. Grund dafür sei die geänderte Taktik der radikalislamischen Taliban-Kämpfer: Sie verwendeten immer häufiger ferngezündete Bomben oder Sprengsätze, die wie Landminen funktionierten. Außerdem seien die Taliban für mehr gezielte Tötungen von Gegnern verantwortlich.
Truppen der afghanischen Regierung oder Mitglieder der internationalen Schutztruppe Isaf töteten laut diesem Bericht im Jahr 2011 410 Zivilisten, vier Prozent weniger als im Vorjahr. Bei den umstrittenen nächtlichen Luftangriffen der internationalen Truppen, die in der Vergangenheit bereits mehrfach zu Verstimmungen zwischen der Nato und der Regierung in Kabul führten, starben demnach 63 Zivilisten.
"Dramatisch gestiegen" ist dem Uno-Bericht zufolge die Zahl der zivilen Todesopfer durch Selbstmordanschläge. Selbstmordattentäter töteten im vergangenen Jahr demnach 450 Zivilisten - 80 Prozent mehr als 2010. Deutlich erhöht hat sich dem Bericht zufolge auch die Zahl der Afghanen, die wegen des Konflikts gezwungen waren, ihre Häuser zu verlassen. 2011 waren in dem Land am Hindukusch demnach schätzungsweise mehr als 185.600 Menschen auf der Flucht - 45 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.
US-Truppen sollen bis 2014 im Land bleiben
Der Tod von Zivilisten untergräbt sowohl in Afghanistan als auch in den Vereinigten Staaten die Unterstützung für den von den USA angeführten Krieg. Die US-Amerikaner setzen daher auf ein schnelleres Ende des Kampfeinsatzes.
US-Verteidigungsminister Leon Panetta hat am Samstag jedoch Spekulationen über einen früheren Abzug der US-Truppen aus Afghanistan entkräftet. "Wir bekennen uns zum Einsatz bis 2014", sagte Panetta auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Man hoffe zwar, bereits 2013 die Führung an die afghanischen Sicherheitskräfte abgeben zu können, allerdings würden die US-Truppen bis 2014 in Afghanistan kampffähig bleiben.
In den vergangenen Tagen hatte Panetta mit ähnlichen Äußerungen Spekulationen über einen Abzug bereits 2013 ausgelöst. Grundsätzlich mache man Fortschritte in Afghanistan. "Es gibt weniger Gewalt, die Aufständischen haben an Dynamik verloren." Die Nato hatte sich bei ihrem Gipfel in Lissabon 2010 darauf verständigt, den Kampfeinsatz erst 2014 zu beenden und bis dahin die Verantwortung schrittweise an die afghanische Armee und Polizei zu übergeben.
US-Präsident Barack Obama und auch sein französischer Kollege Nicolas Sarkozy müssen sich in diesem Jahr der Wiederwahl stellen. Beide spekulieren offensichtlich auf ein früheres Ende des kostspieligen und für die Soldaten riskanten Einsatzes, um bei den Wählern punkten zu können.
abl/AFP/dpa/dapd