08.02.2012
Italiens Jugend unter Druck
Schluss mit Hotel Mamma
Von Fabian ReinboldHamburg/Rom - Eigentlich wollte die Innenministerin die Wogen ein wenig glätten. Das Verhältnis zwischen Regierung und der Jugend des Landes hatte zuletzt gelitten. Also betonte Anna Maria Cancellieri, der Politik mangele es keineswegs an Respekt vor den Jungen.
Doch was sie dann am Montag dem Nachrichtensender Tg24 sagte, machte es nicht besser: Sie bemängelte das Verhalten der Generation bei der Jobsuche. Ihre Kritik galt "der Einstellung, eine Festanstellung nur in der eigenen Stadt, an der Seite von Mama und Papa" zu suchen. Zu viele Italiener lebten noch in "der Kultur der festen Arbeitsstelle" und passten nicht mehr in die moderne Welt der Mobilität.
Die jungen Italiener müssten sich einfach ändern. Genau das, so die Ministerin, habe auch Premier Mario Monti zum Ausdruck bringen wollen. Der Wirtschaftsprofessor hatte vergangene Woche im Fernsehen gesagt: "Die Jugend muss sich daran gewöhnen, dass sie keine dauerhafte Festanstellung haben wird." Und überhaupt sei eine feste Stelle doch eintönig, so Monti, der Wechsel sei etwas Schönes.
Schluss mit Hotel Mamma, den Wechsel suchen: Italiens Jugend soll mobiler und flexibler werden. Die Regierung will die Generation fit machen für den Arbeitsmarkt - und die reagiert, nun ja, beleidigt. "Diese Regierung beschimpft uns jede Woche und zeigt, dass sie die Wirklichkeit in diesem Land nicht kennt", schreiben Studentenvertreter in ihrem Blog. "Monotonia", die Eintönigkeit, die Monti bei festen Stellen ausmachte, ist zum Schlagwort bei Twitter geworden, denn genau nach dieser Eintönigkeit sehnen sich viele unter 30-Jährige.
Zwei Drittel Muttersöhnchen?
Wer hat recht? Beide Seiten ein wenig. Denn tatsächlich bleiben die Italiener lange zu Hause wohnen. Die Klagen über Italiens "Mammoni", wie man Muttersöhnchen nennt, sind nicht ohne Grundlage. Zwei Drittel der 18- bis 34-jährigen Italiener leben noch zu Hause bei der Mamma. In Deutschland sind es nur 40 Prozent, in Frankreich 30 Prozent.
Doch der Generation fehlt es nicht nur am Willen zur Eigenständigkeit, sondern auch an Arbeit, mit der man sich einen eigenen Haushalt leisten kann. Bei jedem Vierten der unter 30-Jährigen ist das der Fall: Weder arbeitet er, noch studiert er. Die Generation stöhnt über Schleifen in Praktika und dermaßen schlecht bezahlte Jobs, dass sie sich keine eigene Wohnung leisten kann. Fast jeder zweite junge Italiener lebt in prekären Arbeitsverhältnissen. Die Jugendarbeitslosigkeit kletterte zuletzt auf 30 Prozent.
"Wer mit 28 keinen Uni-Abschluss hat, ist ein Trottel"
Dementsprechend groß ist der Traum nach einer festen, ordentlich bezahlten Stelle - Montis Hinweis, das sei doch eintönig, klingt für Italiens verlorene Generation wie Hohn. Auch Arbeitsministerin Elsa Fornero konnte am Montag bei ihrer Rede an der Universität Turin nicht punkten, als sie sagte: "Die Festanstellung ist eine Illusion." Alles hatte wohl angefangen, als Michel Martone, Vizearbeitsminister, verkündete, wer mit 28 noch nicht die Uni beendet habe, sei ein Trottel.
Und so provoziert der Aufklärungskurs der Regierung eher Ablehnung. Blogger verweisen genüsslich darauf, dass Fornero und ihr Mann aus Turin stammen, dort arbeiten - und dass auch die Tochter natürlich in Turin arbeitet. An der Seite von Mamma und Papa sozusagen.
Die Verstimmung zwischen Regierung und abgehängter Jugend ist groß. Dabei hat es sich Montis Regierung zum Ziel gesetzt, jungen Menschen bessere Chancen zu verschaffen. Monti will die Strukturen des krisengeplagten Landes aufbrechen, die Besitzstände der Interessengruppen und der älteren Arbeitnehmer schützt. Die Jungen, die bislang vom regulären Arbeitsmarkt ausgeschlossen sind, würden nach Ansicht von Wirtschaftsexperten von der geplanten Liberalisierung profitieren, da leichter neue Jobs entstünden.
Das Problem ist also erkannt, doch an der Wortwahl und dem pädagogischen Fingerspitzengefühl muss die Regierung noch feilen. Und viele Italiener müssen sich ihrerseits an die wirtschaftsliberalen Töne der Monti-Regierung gewöhnen.
Die Ratschläge des langjährigen Regierungschefs Silvio Berlusconi klangen noch etwas anders. Der gab sich gegenüber den Sorgen jener Generation, die unter ihm groß wurde, eher unbekümmert. Als ihn eine Studentin fragte, wie sie in ihrer prekären Lage eine Familie gründen könne, sagte Berlusconi: "Heiraten Sie einen meiner Söhne." Und besorgten Uniabsolventen gab er diesen Karrieretipp: "Niemals braune Schuhe zum blauen Anzug tragen."

