Lade Daten...
21.02.2012
Schrift:
-
+

Syrischer Widerstand

Mit Smartphones gegen Kalaschnikows

Von der türkisch-syrischen Grenze und aus Istanbul berichtet
Fotos
REUTERS

Syriens Oppositionelle kämpfen gegen die Schreckensherrschaft von Machthaber Assad, die einen mit der Waffe in der Hand - und die anderen mit moderner Kommunikationstechnik. Per Smartphone verbreiten Exilanten ihre Botschaft. Jedes Internetcafé wird zur potentiellen Widerstandszelle.

Das Grauen lässt sich betrachten auf dem Mobiltelefon eines jungen Fliesenlegers: Farid, 25, hat Dutzende Filme auf seinem Nokia X6 gespeichert; manche heruntergeladen, sagt er, manche selbst aufgenommen. Er drückt auf dem 3,2-Zoll-Touchscreen herum, dann ist ein Mann zu sehen, der in einer Blutlache liegt. Das wackelige Bild nähert sich dem Kopf, das Gesicht ist nicht mehr zu erkennen, eine Kugel hat es zerfetzt.

Es war ein Freund, der bei einer Demonstration gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad erschossen wurde, so erzählt es Farid. Er spielt einen weiteren Film ab: Uniformierte richten ihre Waffen auf Männer, die am Boden kauern. Im nächsten Film sind abgeschnittene Arme und Beine zu sehen. So geht es weiter, eine Playlist der Gewalt.

Das Grauen verfolgt die aufständischen Syrer, selbst wenn sie ihr Land verlassen haben, es verfolgt sie über die türkische Grenze hinweg und bis an die Grenzen Europas. Das Grauen ist zu sehen auf dem Smartphone des jungen Handwerkes und auf dem Computerbildschirm eines Ex-Studenten. Es lässt sich erahnen im Gespräch mit einem ehemaligen Botschafter und in den Schilderungen einer Mutter, die mit ihren Kindern in einem Flüchtlingslager lebt.

Solche Videoschnipsel und Fotos sind oft die einzigen Zeugnisse dessen, was in Syrien vor sich geht. Sie dokumentieren die Brutalität, mit der das Regime Demonstranten und Oppositionelle bekämpft. Fernsehsender zeigen solche Bilder kaum, sie sind zu grausam - und ihre Quellen meist nicht verifizierbar.

Farid und den anderen Gegnern Assads bleibt nur, sie weiterzuschicken, bei YouTube hochzuladen, bei Facebook zu posten, in der Hoffnung, Widerhall zu finden im Westen. Während Jugendliche in Europa und Amerika das soziale Internet nutzen, um sich Katzenvideos zu schicken, Partyfotos und die Auftritte von Whitney Houston, werden junge Syrer online zu Öffentlichkeitsarbeitern des Aufstands. Jedes Internetcafé entlang der türkischen-syrischen Grenze ist eine potentielle Widerstandszelle. Die Rebellen versuchen, das Grauen als Waffe zu nutzen, die sich gegen den Grausamen wendet.

"Die Menschen sollen sehen, was Assad für ein Monster ist"

Farid stammt aus Latakia, einem Zentrum der Proteste. Vor vier Monaten floh er vor Assads Schergen in die Türkei. Mit seiner Schwester und deren Familie lebt er jetzt in einem Flüchtlingslager an der Grenze, wie viele tausend Syrer, die sich ins Nachbarland gerettet haben. Manchmal hören sie Schüsse, die aus den Bergen im Grenzland herüberschallen, sagt seine Schwester. Sie trägt ein Kopftuch und einen langen Mantel, sie hat ihre Kinder um sich geschart, zweijährige Zwillinge und ein vierjähriges Mädchen. Die Frau und Farid erzählen von Festnahmen, Vergewaltigungen, Hinrichtungen.

Die Eltern sind noch in Syrien, ein anderer Bruder sitzt dort im Gefängnis, jedenfalls hat Farid bislang nichts anderes gehört. "So Gott will", sagt Farid, "werde ich sie wiedersehen." Seinen echten Namen will er nicht veröffentlicht wissen, aus Angst, das Regime könnte Rache nehmen an seinen Verwandten. Am liebsten würde er zurückgehen und kämpfen, sagt er, doch die Widerstandskämpfer der "Freien Syrischen Armee" nehmen fast nur desertierte Soldaten auf. Zivilisten dürfen sich ihnen nicht einfach anschließen. Es bleibt Farid nur, über sein Smartphone Hilferufe in die Welt zu schicken.

Den Kontakt nach Syrien halten junge Männer wie der frühere Student Masud, 26, der ebenfalls nicht wirklich so heißt. Vor Assads Truppen ist auch er in die Türkei geflohen; vor der Langeweile im Flüchtlingslager flieht er Tag für Tag in ein Internetcafé. Sechs, sieben Stunden hockt er dann an einem alten PC und versucht, per Skype Freunde und Verwandte zu erreichen. Wenn er etwas Neues erfährt, neue Videos bekommt oder neue Bilder, veröffentlicht er sie auf Facebook. "Die Menschen sollen sehen, was Assad für ein Monster ist", sagt er.

Ihm gegenüber sitzen syrische Teenager, auch sie kommen aus dem Flüchtlingslager. Für eine Lira pro Stunde, umgerechnet etwa 50 Cent, spielen sie "GTA Vice City": Sie klauen virtuell Autos und liefern sich Verfolgungsjagden mit der Polizei. Doch zwischendurch schauen auch sie sich die grausamen Bilder an. Nach 40 Jahren Herrschaft des Assad-Clans wächst wieder eine Generation auf mit Gewalt und Unterdrückung. Diese Generation allerdings hofft, sich befreien zu können.

Wie das Oppositionsbündnis von Istanbul aus operiert

Knapp 900 Kilometer nordwestlich der syrischen Grenze formiert sich der politische Widerstand: In Istanbul planen Oppositionelle, wie sie internationale Unterstützung mobilisieren können, um Assad zu stürzen, damit das Töten aufhört. Der Syrische Nationalrat hat ein Büro eröffnet, die unterschiedlichsten Gruppen wollen - bei allen politischen Differenzen - zeigen, dass sie vereint stehen gegen das Regime.

Dazu gehört Mohammed Bassam Imadi, ein grauhaariger Mann, der früher selbst dem Regime diente, als Diplomat in den achtziger Jahren in der DDR, später als Botschafter in Schweden. Jetzt trägt er einen grün-weiß-schwarzen Anstecker im Revers, drei kleine rote Sterne darauf - die Flagge der syrischen Revolution. Er habe seine Jugend an das Regime verschwendet und seine besten Jahre als Erwachsener, jetzt wolle er nicht auch noch sein Alter verschwenden, sagt Imadi. Und er wolle nicht zulassen, dass die Jugend Syriens ihre Zukunft verliert.

Früher musste er Geheimdienstberichte schreiben und lügen im Auftrag des Assad-Clans, erzählt er. "Ich habe es irgendwann nicht mehr ausgehalten." Das syrische Regime lässt über Imadi verbreiten, er habe als Botschafter Geld abgezweigt, sei entlassen worden und jetzt auf der Flucht. Pure Denunziation, sagt der Ex-Botschafter. Mit einem Dutzend anderer Oppositioneller hat er sich gerade in einem Café getroffen, mit Menschenrechtlern und Exil-Politikern. Er ist in solchen Runden dafür zuständig, völkerrechtlich zu argumentieren. Die Türkei, sagt er, könnte zusammen mit der Nato etwa eine Schutzzone im Norden Syriens einrichten, auch ohne Zustimmung der Weltgemeinschaft, schließlich seien die eigenen Grenzen bedroht.

Solche Ideen verbreitet er nicht wie die jungen Syrer über Facebook und YouTube, er bedient die klassischen Medien, spricht mit al-Dschasira und der BBC, lässt sich von Zeitungsjournalisten interviewen und verteilt Visitenkarten. Er rüstet sich für die Zeit nach Assad, auch wenn er betont, es ziehe ihn nicht in die Politik. Aber: "Wenn ich gebraucht werde, werde ich nicht nein sagen."

Doch auch ihn verfolgt das Grauen. Denn Assad lässt Oppositionelle bis über die Grenzen seines Landes hinaus jagen. Ein desertierter syrischer Oberst wurde bereits aus dem Grenzgebiet verschleppt. Jetzt habe er gehört, sagt Imadi, dass auch sein Name auf einer Todesliste steht.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
1. Wirklich?
gerd2006 21.02.2012
Das wurde in diesem Stil auch aus Libyen berichtet. Man sah dann allerdings zunehmen nicht Smartphones, sondern Maschinengewehre etc. Und wenn die Herrschaft erstmal errungen ist, dienen Smartphones vielleicht noch dazu, die [...]
Das wurde in diesem Stil auch aus Libyen berichtet. Man sah dann allerdings zunehmen nicht Smartphones, sondern Maschinengewehre etc. Und wenn die Herrschaft erstmal errungen ist, dienen Smartphones vielleicht noch dazu, die eigenen gutgefüllten Konten anzusehen, aber zur Herrschaft über das gemeine Volk nimmt man gern was anderes. Glauben Sie wirklich, es werden dauernd Smartphones nach Syrien geschmuggelt?
2. ...und wieder ein typischer Propaganda -
BarisP 21.02.2012
Artikel.....wieder sehr einseitig, wieder Berichterstattung zu 100% im Sinne des westlichen establishments, getreu der aktuellen Partei - Linie, sozusagen. Wieder kein Wort darüber, wer eigentlich diese [...]
Artikel.....wieder sehr einseitig, wieder Berichterstattung zu 100% im Sinne des westlichen establishments, getreu der aktuellen Partei - Linie, sozusagen. Wieder kein Wort darüber, wer eigentlich diese "Opositionelle", "Freiheitskämper" sind (radikale Moslems und Islamisten, vielleicht?)....kein Wort über tausende bezahlte Guerilla - Kämpfer aus arabischen Emiraten...kein Wort über pro - Assad Demos im Damaskus... Nach solchen Artikeln bekommt man erst recht das Verlangen, sich über wahre Situation in Syrien zu informieren. Und diese Infos holt man sich sicherlich nicht bei den Medien aus dem Springer - Verlag
3. Humbug
widder58 21.02.2012
Selten so einen Quatsch gelesen, die Berichterstattung wird immer bizzarer. Hier hingegen findet der interessierte Beobachter die nötige Information über "Heckenschützen, die auf Zivilisten schießen" - dabei haben [...]
Zitat von sysopSyriens Oppositionelle kämpfen gegen die Schreckensherrschaft von Machthaber Assad, die einen mit der Waffe in der Hand - und die anderen mit moderner Kommunikationstechnik. Per Smartphone verbreiten Exilanten ihre Botschaft. Jedes Internetcafé wird zur potentiellen Widerstandszelle. Syrischer Widerstand: Mit Smartphones gegen Kalaschnikows - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,816242,00.html)
Selten so einen Quatsch gelesen, die Berichterstattung wird immer bizzarer. Hier hingegen findet der interessierte Beobachter die nötige Information über "Heckenschützen, die auf Zivilisten schießen" - dabei haben sich die Regierungssoldaten sicherlich verkleidet... Guckst Du... SYRIA: Sniper Gangs Firing on Civilians, Security Forces and Police (Part 3/3) - YouTube (http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=amHAQoDq4uY)
4. Mit Smartphones gegen Kalashnikovs... alles klar
lordgrosskotz 21.02.2012
Erstmal ist es ja zu begrüßen, dass der Spiegel endlich einen Reporter an die syrisch-türkische Grenze entsendet um nich nur auf Agenturmeldungen angewiesen zu sein. Wenn dann die Qualität der Berichterstattung nach dem Motto [...]
Zitat von sysopSyriens Oppositionelle kämpfen gegen die Schreckensherrschaft von Machthaber Assad, die einen mit der Waffe in der Hand - und die anderen mit moderner Kommunikationstechnik. Per Smartphone verbreiten Exilanten ihre Botschaft. Jedes Internetcafé wird zur potentiellen Widerstandszelle. Syrischer Widerstand: Mit Smartphones gegen Kalaschnikows - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,816242,00.html)
Erstmal ist es ja zu begrüßen, dass der Spiegel endlich einen Reporter an die syrisch-türkische Grenze entsendet um nich nur auf Agenturmeldungen angewiesen zu sein. Wenn dann die Qualität der Berichterstattung nach dem Motto wenig Fakten viel Emotionen erfolgt, hätte man sich das ganze auch sparen können
5.
derknecht 21.02.2012
noch nicht mitbekommen? Die Medienhäuser wie AxelSpringer und Co. haben doch eine Agenda "Vorbereitung des Volkes auf Krieg" und da müssen nur ein paar Namen(Landesnamen) ausgetauscht werden. Ich frage mich ob auch [...]
noch nicht mitbekommen? Die Medienhäuser wie AxelSpringer und Co. haben doch eine Agenda "Vorbereitung des Volkes auf Krieg" und da müssen nur ein paar Namen(Landesnamen) ausgetauscht werden. Ich frage mich ob auch schon Vertreter vom Spiegel Plätze für den Angriff auf den Iran gebucht haben. Lt. amerikanischen Medien ist es ja bald soweit. Und da ist doch der geliebte SPIEGEL immer vorn dabei wenn es um die Kriegsberichterstattung geht.

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Fotostrecke

Verwandte Themen

Berichte von der syrischen Grenze

Video

Fotostrecke

Video

VIDEO

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter RSS
alles zum Thema Bürgerkrieg in Syrien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten