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20.02.2012
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Analyse von US-Militärexperten

Angriff auf Iran könnte Israels Luftwaffe überfordern

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REUTERS

Eine Attacke Israels auf iranische Atomanlagen wird immer wahrscheinlicher, doch US-Militärexperten warnen vor den Risiken. Demnach wären für einen Erfolg mindestens 100 Kampfjets nötig, die Operation würde die Fähigkeiten der israelischen Luftstreitkräfte vermutlich übersteigen.

New York/Washington - Die Lage im Nahen Osten verschärft sich zusehends, Beobachter halten einen Angriff Israels gegen das iranische Atomprogramm für immer wahrscheinlicher. Nun haben US-Verteidigungsexperten laut "New York Times" Szenarien für eine solche Attacke geprüft. Sie kommen allerdings zu einem für Israel wenig schmeichelhaften Schluss. Denn den Fachleuten zufolge würde eine solche Operation das israelische Militär an die Grenzen seiner Leistungskraft bringen - und die USA womöglich als Schutzmacht mit in den Konflikt hineinziehen.

Die Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung ist in der Tat real. So treibt das Regime in Teheran sein Atomprogramm unbeirrt voran, weswegen sich Israel existentiell bedroht fühlt. Mehrfach hat die Regierung in Jerusalem gedroht, sie werde eine iranische Atombombe um jeden Preis verhindern - und einen Luftangriff dezidiert nicht ausgeschlossen.

In der Vergangenheit führte Israel bereits zweimal Schläge gegen Atomprogramme in der Region - beide Male mit Erfolg. Sowohl der Angriff auf den irakischen Atomreaktor Osirak im Jahr 1981 als auch der Luftschlag gegen die syrische Anlage al-Kibar im Jahr 2007 stoppten die Bemühungen der jeweiligen Regime, Nuklearwaffen zu entwickeln. Beide Luftoperationen waren damals eng begrenzt, Kommentatoren sprachen von "chirurgischen Schlägen".

"Iran zu bombardieren wird nicht einfach für Israel"

Den US-Militärexperten zufolge ist die Lage in Iran jedoch völlig anders. So heißt es in dem Bericht der "New York Times", ein Angriff auf Irans Atomprogramm wäre mit den Operationen von 1981 und 2007 nicht vergleichbar. Damals reichte jeweils ein gezielter Luftschlag. Würde sich Israels Militärs jedoch diesmal zum Angriff entscheiden, bräuchten es demnach mindestens 100 Kampfjets, die in der Luft betankt werden müssten, weil deren Piloten mehr als 1600 Kilometer weit über feindlichen Luftraum fliegen würden. Außerdem müsste die massive iranische Luftabwehr ausgeschaltet werden. Und schließlich müssten gleich vier verschiedene, zum Teil in den Boden vergrabene Atomanlagen gleichzeitig bombardiert werden.

"All den Experten, die nun fordern, Iran zu bombardieren, sei gesagt: Das wird nicht einfach", zitiert die Zeitung David Deptula, der die amerikanischen Luftkriege im Zweiten Golfkrieg 1991 und gegen Afghanistan 2001 geplant hatte. Und der frühere CIA-Chef Michael Hayden stellte kürzlich rundheraus fest, dass Luftangriffe, die dem iranischen Atomprogramm einen ernsthaften Rückschlag bescheren würden, die militärischen Kapazitäten Israels übersteigen würden.

Laut dem Bericht gehen die Experten davon aus, dass Israel die Route über Jordanien und den Irak wählen würde, da letzterer quasi keine Luftabwehr hat. Die F15- und F16-Kampfjets der israelischen Luftwaffe müssten für diesen 3200-Kilometer-Trip in der Luft betankt werden. Doch es sei fraglich, ob Israel über genug Tankflugzeuge verfüge. Sodann müsste Irans Luftabwehr ausgeschaltet werden. Diese sei zwar nicht auf dem neuesten Stand, aber dennoch nicht zu vernachlässigen, warnen die US-Experten.

Selbst für die Supermacht USA wären die Atombunker schwer zu knacken

Selbst wenn die israelischen Kampfjets ihre vier Ziele erreichen sollten - die Anlagen in Natans, Fordo, Arak und Isfahan -, wäre noch lange nicht sicher, dass sie diese auch zerstören könnten. Laut Erkenntnissen der Nachrichtendienste sind die Anlagen teilweise bis zu 90 Meter unter Felsgestein oder unter meterdicken Betondecken vergraben.

Um zumindest eine realistische Drohkulisse aufrechtzuerhalten, sollte das israelische Bombenarsenal daher mit 200 weiterentwickelten "Bunker Buster"-Bomben des Typs GBU-31 aus den USA ergänzt werden, rieten Experten laut dem Bericht vor kurzem der Regierung Obama. Zudem sollten die USA den Israelis drei weitere Tankflugzeuge verkaufen.

Ein Spaziergang, das macht die Einschätzung der Militärexperten klar, würde ein Schlag Israels gegen Iran also nicht - selbst für die Supermacht USA wäre eine solche Operation eine Herausforderung. Zwar verfügten die US-Streitkräfte über genügend Kampfjets, Tankflugzeuge, Mittelstreckenraketen und Drohnen - dennoch entwickeln sie zurzeit ihre knapp 14 Tonnen schwere Bomben vom Typ Massive Ordnance Penetrator weiter. Doch selbst dann wäre höchst unwahrscheinlich, dass die größte konventionelle Bombe, die jemals von den USA eingesetzt würde, die unterirdischen iranischen Atomanlagen zerstören könnte.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, eine weiterentwickelte Version der Bomben vom Typ Massive Ordnance Penetrator würde die unterirdischen Anlagen in Iran "mit einiger Sicherheit" zerstören können. Tatsächlich ist das aber noch völlig unklar.

fdi

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Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 156 Beiträge
1.
objectiveview 20.02.2012
Es spielt doch keine Rolle ob sie nun überfordert wird. Solange sich Israel der Unterstützung Amerikas sicher sein kann, greift Israel an, wann es ihnen passt.
Es spielt doch keine Rolle ob sie nun überfordert wird. Solange sich Israel der Unterstützung Amerikas sicher sein kann, greift Israel an, wann es ihnen passt.
2. Ein Angriff auf Iran
Jay's 20.02.2012
ohne das eigentliche Ziel zu erreichen, wuerde das iranische Regime erst recht noch siegesgewisser machen. Ich glaube nicht, dass die USA (Obama Regierung) aktiv bei solch einem Angriff mitmacht, da die UNO nicht geschlossen [...]
Zitat von sysopEine Attacke Israels auf iranische Atomanlagen wird immer wahrscheinlicher, doch US-Militärexperten warnen vor den Risiken. Demnach wären für einen Erfolg mindestens 100 Kampfjets nötig, die Operation würde die Fähigkeiten der israelischen Luftstreitkräfte vermutlich übersteigen. Analyse von US-Militärexperten: Angriff auf Iran könnte Israels Luftwaffe überfordern - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,816487,00.html)
ohne das eigentliche Ziel zu erreichen, wuerde das iranische Regime erst recht noch siegesgewisser machen. Ich glaube nicht, dass die USA (Obama Regierung) aktiv bei solch einem Angriff mitmacht, da die UNO nicht geschlossen dahinter steht. Das Nichteingreifen in Syrien ist Beweis dafuer. Die USA wuerde nicht wieder alleine in einen Krieg ziehen auch weil es zu teuer ist und der Iran zu stark ist. Ausserdem waere dies wieder ein Praeventivangriff a la Bush/Rumsfeld, da bisher nicht erwiesen ist, dass der Iran tatsaechlich eine Bombe baut.
3. es reicht
heinerz 20.02.2012
Das ist doch leider ganz einfach: sobald Israel den Iran durch einen Angriff irgendwie dazu bringt, militärisch zu reagieren, ist das doch Vorwand genug für die USA einzugreifen...
Zitat von sysopdie Operation würde die Fähigkeiten der israelischen Luftstreitkräfte vermutlich übersteigen. Analyse von US-Militärexperten: Angriff auf Iran könnte Israels Luftwaffe überfordern - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,816487,00.html)
Das ist doch leider ganz einfach: sobald Israel den Iran durch einen Angriff irgendwie dazu bringt, militärisch zu reagieren, ist das doch Vorwand genug für die USA einzugreifen...
4.
rechtschreibung! 20.02.2012
Mal im Ernst. Die israelische Außenpolitik ist die zuverlässigste die ich kenne. Erst wird sich das Ganze eine Weile angesehen und dann wird ohne lange zu fackeln agiert! Mich wundert nur, dass es diesmal so lange dauert, dass [...]
Zitat von sysopEine Attacke Israels auf iranische Atomanlagen wird immer wahrscheinlicher, doch US-Militärexperten warnen vor den Risiken. Demnach wären für einen Erfolg mindestens 100 Kampfjets nötig, die Operation würde die Fähigkeiten der israelischen Luftstreitkräfte vermutlich übersteigen. Analyse von US-Militärexperten: Angriff auf Iran könnte Israels Luftwaffe überfordern - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,816487,00.html)
Mal im Ernst. Die israelische Außenpolitik ist die zuverlässigste die ich kenne. Erst wird sich das Ganze eine Weile angesehen und dann wird ohne lange zu fackeln agiert! Mich wundert nur, dass es diesmal so lange dauert, dass sogar im Vorfeld darüber debattiert werden kann.
5.
TheZioWolf 20.02.2012
Schon dadurch kann Israel nicht angreifen "wann es ihnen passt". Israel kann vielleicht einfach angreifen und darauf hoffen, dass die USA eventuelle negativen Folgen mit auffängt, dass könnte aber ziemlich [...]
Zitat von objectiveviewSolange sich Israel der Unterstützung Amerikas sicher sein kann, greift Israel an, wann es ihnen passt.
Schon dadurch kann Israel nicht angreifen "wann es ihnen passt". Israel kann vielleicht einfach angreifen und darauf hoffen, dass die USA eventuelle negativen Folgen mit auffängt, dass könnte aber ziemlich unkoordiniert werden.
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In den Start-Abkommen haben Russland und die USA eine nukleare Abrüstung vereinbart. Die Abkürzung Start steht für Strategic Arms Reduction Treaty (Vertrag zur Verringerung der strategischen Nuklearwaffen).

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Ursprünglich verpflichteten sich die Seiten, die Gesamtzahl der Atomsprengköpfe an bodengestützten Interkontinentalraketen, U-Boot-Raketen sowie Langstreckenbombern bis Januar 2003 in zwei Stufen auf etwa ein Drittel zu reduzieren. Den USA verbleiben danach noch 3500 Sprengköpfe, Russland 3000. Russland ratifizierte den Vertrag erst im Jahr 2000. Im Streit um die US-Raketenabwehrpläne wurde er allerdings durch das Sort-Abkommen ersetzt.
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"Es ist der umfassendste Abrüstungsvertrag in nahezu zwei Jahrzehnten", sagt US-Präsident Barack Obama. Er unterschrieb gemeinsam mit Russlands Präsident Dmitrij Medwedew am 8. April 2010 in Prag eine Abmachung, die eine Absenkung der Zahl der nuklearen Sprengköpfe in den nächsten sieben Jahren um 30 Prozent vorsieht - von je 2200 auf je 1550. Die Zahl der Trägersysteme (Interkontinentalraketen, U-Boot-gestützte Langstreckenraketen und Langstreckenbomber) wird dem Start-III-Vertrag zufolge auf je 800 halbiert. Das neue Abkommen soll zehn Jahre gelten.

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Uran
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Anreicherung
Uranerz wird nach dem Abbau zunächst zu einem gelblichen Pulver verarbeitet, dem sogenannten Yellowcake. Es dient zur Herstellung von Brennelementen für Reaktoren, kann aber zwecks Anreicherung auch in Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt werden, das bis 56 Grad Celsius in kristalliner Form vorliegt und darüber gasförmig ist.

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Für den Einsatz in Kernreaktoren genügt es bereits, wenn Uran 235 zu drei bis fünf Prozent in den Brennelementen angereichert ist. Ab 20 Prozent ist von hochangereichertem Uran die Rede. Für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent erforderlich, da sonst eine zu große Uranmenge notwendig wäre.

Uran 235 kam in der ersten jemals eingesetzten Atombombe, die am 6. August 1945 Hiroshima zerstörte, als Sprengstoff zum Einsatz. Die Sprengkraft lag bei rund 13 Kilotonnen TNT. Die Bombe, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde, erreichte 20 Kilotonnen TNT. In ihr kam allerdings nicht Uran zum Einsatz, sondern Plutonium 239, das per Neutronenbeschuss in Brutreaktoren aus Uran 238 gewonnen wird.

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