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21.02.2012
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Proteste in Bagram

US-Armee fürchtet Eskalation nach Koran-Schändung

Von und Shoib Najafizada, Kabul
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AFP

Brennende Barrikaden, blutende Demonstranten, ein wütender Mob: Die Lage im afghanischen Bagram droht zu eskalieren. Grund ist eine angebliche Koran-Schändung durch Nato-Soldaten. US-Spitzenmilitär John Allen entschuldigt sich bei allen Einheimischen.

Berlin/Kabul - Die angebliche Schändung von mehreren Koran-Büchern in einer US-Basis in Afghanistan hat am Dienstag zu gewalttätigen Protesten von mehreren Tausend wütenden Afghanen geführt. Wie Augenzeugen SPIEGEL ONLINE berichteten, demonstrierten vor den Toren der Basis in Bagram, eine Autostunde nördlich von Kabul, rund 3000 Afghanen. Bei den Protesten seien "Tod für Amerika"-Slogans gerufen und US-Flaggen verbrannt worden. Die Polizei sprach von einer äußerst angespannten Lage, demnach seien auch Brandsätze aus der wütenden Menge auf die Tore des Lagers, eines der größten der US-Armee in Afghanistan, geworfen worden. Ein Wachturm soll dabei kurzzeitig in Flammen gestanden haben.

Auslöser der wütenden Proteste gegen die US-Armee sind Berichte von afghanischen Arbeitern auf der Basis, die vor allem wegen eines riesigen Gefängnisses für Taliban-Verdächtige und mutmaßliche Terroristen weltweit bekannt ist. "Ich arbeite auf der Basis in der Tagschicht, und Freunde aus der Nachtschicht haben mir erzählt, dass US-Soldaten vorige Nacht mehrere Kopien des Koran einfach verbrennen wollten", berichtete einer der Demonstranten. Der 45-jährige Mohammad Nabi erzählte, afghanische Arbeiter hätten die US-Soldaten an der Verbrennung gehindert. "Die heiligen Bücher sollten zusammen mit dem Müll verbrannt werden", so Abi, "das wäre eine schwere Sünde gewesen."

Offenbar waren die Exemplare des Koran vorher im Gefängnis auf der Basis für die Gefangenen zur Verfügung gestellt worden. Unachtsame Soldaten, so jedenfalls die erste Vermutung in Kreisen der Isaf, hätten die heiligen Schriften dann mit dem Unrat verbrennen wollen. Später gab es jedoch auch Berichte, wonach es sich bei den Büchern um Schriften extremistischer Hetzer gehandelt haben soll, die unter den Gefangenen kursierten. Außerdem war zu hören, dass Häftlinge mit handschriftlichen Kommentaren in den Koran-Abschriften untereinander geheime Nachrichten ausgetauscht hätten.

Die internationale Schutztruppe Isaf nahm den Vorfall sehr ernst und reagierte schnell. In der Vergangenheit hatte die Schändung von Koran-Schriften im US-Gefängnis Guantanamo auf Kuba und in anderen Haftanstalten für weltweite Proteste mit vielen Toten und Verletzten geführt. Eine solche Eskalation der Gewalt wollen die US-Truppen unbedingt verhindern.

Wohl auch deswegen entschuldigte sich der Oberkommandierende der US-Truppen umgehend bei allen Afghanen für die Vorfälle. General John Allen richtete seine Entschuldigung nicht nur an Präsident Hamid Karzai und dessen Regierung, sondern auch an das "edle Volk von Afghanistan". "Ich versichere Ihnen, ich verspreche Ihnen, das war in keiner Weise beabsichtigt", sagte der Top-Militär. "Als wir von den Vorgängen erfahren haben, haben wir sofort eingegriffen und sie unterbunden", erklärte der US-General. Gleichzeitig ordnete er eine umfassende Untersuchung an. Die geretteten Bücher würden nun den zuständigen religiösen Behörden übergeben.

Der Vorfall hat - ganz gleich, ob die Koran-Kopien tatsächlich aus gutem Grund vernichtet werden sollten oder nicht - durchaus Potential, die antiamerikanische Stimmung in Afghanistan weiter anzuheizen. Bisher hat sich Präsident Karzai noch nicht zu der angeblichen Koran-Schändung geäußert. In den vergangenen Wochen aber nutzte er jeden Verdachtsmoment, die USA und ihre Truppen zu kritisieren. Erst vor einigen Tagen musste die Truppe dann auch noch zugeben, dass sie bei einem Luftangriff auf vermeintliche Taliban versehentlich eine Gruppe von jungen Afghanen getötet hatte.

Warum Karzai aktuell so heftig gegen die US-Armee wettert? Er handelt hinter den Kulissen einen Deal mit den USA aus. Dabei geht es um den Verbleib von Tausenden Soldaten über den Nato-Truppenabzug 2014 hinaus und um den US-Wunsch nach dem Erhalt einiger Militärbasen.

Karzai pokert um seinen "Deal"

Dass sich der aktuelle Fall gerade in Bagram abspielte, hat zusätzliche Brisanz. Seit Monaten fordert Karzai, dass die USA die Verantwortung für alle Gefängnisse im Land an die Afghanen übergeben. In Bagram, einem ehemaligen Flughafen der russischen Invasoren, aber sitzen aus US-Sicht viele Taliban-Verdächtige ein, die gefährlich sind und keinesfalls entlassen werden dürfen.

Nach einer Übergabe an die Kabuler Regierung, so die Befürchtung der Terrorjäger, könnte Karzai alle Gefangenen als Geste der Versöhnung freilassen. Damit wären dann die nächtlichen Zugriffe in Taliban-Lagern, Ausbildungscamps und anderen Basen der Taliban völlig sinnlos gewesen.

Der Zwist um die Übergabe belastet das amerikanisch-afghanische Verhältnis seit Monaten, vor dem Nato-Gipfel im Mai in Chicago droht der Streit um die zukünftige Zusammenarbeit in Afghanistan weiter zu eskalieren. Als der SPIEGEL Karzai im Dezember zum Interview traf, drohte der gar mit einem kompletten Scheitern jeglicher weiterer Kooperation, wenn die USA seine Bedingungen nicht erfüllten. Karzai sprach damals von einem Deal, den es einzuhalten gelte. Wenn dies nicht geschehe, seien andere Vereinbarungen - wie etwa die zum Erhalt von einigen Basen - ebenso hinfällig. Die USA wollen in Afghanistan, dessen Nachbar Iran ist, schon aus strategischen Gründen mehrere Flughäfen für die US-Luftwaffe halten.

Das US-Militär scheint dennoch nicht damit zu rechnen, dass die Afghanen beispielsweise das Gefängnis in Bagram bald übernehmen. Kürzlich schrieb es einen Auftrag über 35 Millionen Dollar für die Vergrößerung des Camps aus. Statt der bisher 1000 Gefangenen sollen laut der offiziellen Ausschreibung in einem Jahr rund 2000 Gefangene in der Anlage untergebracht werden können. Den Auftrag für die Baumaßnahmen erhielt vor einigen Tagen ein türkischer Bauunternehmer.

Diese Nachricht, bisher nur in einigen auf Afghanistan spezialisierten Blogs veröffentlicht, könnte den Ärger im Palast von Hamid Karzai erneut anheizen.

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