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22.02.2012
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Syriens Alawiten

Minderheit in Todesangst

Von , Beirut
AFP

Kämpfer der Freien Syrischen Armee: Gewalt gegen Andersgläubige als legitim betrachtet

Weil der Assad-Clan zu den Alawiten zählt, werden die syrischen Glaubensbrüder zum Ziel des aufgestauten Hasses gegen das Regime. In ihrer Not beginnen die ersten von ihnen, sich öffentlich von Assad loszusagen.

Als der Konflikt zum Bürgerkrieg eskalierte, wurde der Druck so groß, dass die Verfolgten beschlossen zu handeln: "Wir, die Bürger, Aktivisten und Intellektuellen der alawitischen Sekte in Homs und seinen Vororten und den Küstenregionen verdammen die von Baschar al-Assad begangenen Massaker aufs Schärfste", begann ein Aufruf, mit dem die Unterzeichner vor allem eines im Sinn hatten: den größtmöglichen Abstand zwischen sich und den Herrscher Syriens zu bringen.

Wie die Unterzeichner des im Internet veröffentlichten Aufrufs gehört auch Assad der religiösen Minderheit der Alawiten an. Diese Tatsache hat die etwa drei Millionen Alawiten in Syrien seit Beginn des Aufstands zur Zielscheibe von Vergeltungsangriffen werden lassen. Mit ihnen rächen sich Kämpfer des Widerstands für Übergriffe seitens des Regimes.

Akkurate Berichte zur Alawiten-Verfolgung gibt es kaum: Die syrische Opposition scheint Nachrichten über solche Vorgänge kleinzuhalten. Dass sich die Alawiten der Provinz Homs nun genötigt sahen, sich öffentlich vom Regime loszusagen, scheint jedoch darauf hinzudeuten, dass die Lage für Syriens Alawiten zunehmend lebensgefährlich ist.

Etwa zwölf Prozent der Syrer gehören der geheimnisumwobenen Sekte an: Einerseits folgen ihre Anhänger dem Koran, andererseits fasten sie während des Ramadan nicht, feiern stattdessen aber Weihnachten und glauben an Reinkarnation. Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam.

Die Bezeichnung "Alawit" spielt auf ihre Gefolgschaft für Ali an, den Cousin und Schwiegersohn Mohammeds. Auf diesen berufen sich auch die Schiiten. Doch im Unterschied zu ihnen verehren Alawiten einige Propheten, unter ihnen auch Ali, als göttlich. Dies steht im scharfen Gegensatz zum ersten Grundsatz des Korans, der besagt dass es "keinen Gott außer Gott" gibt, und trug den Alawiten bei anderen Muslimen den Ruf als Ketzer ein.

Jahrhundertelang lebten die Alawiten abgeschottet

Viel mehr als diese Rahmendaten ist über den tausend Jahre alten Glauben, dessen Anhänger vor allem im heutigen Syrien und der Türkei leben, nicht bekannt. Denn nur wer zur Familie eines Scheichs gehört, darf in die Geheimnisse der Sekte eingeweiht werden. Jahrhundertelang lebte die eingeschworene Gemeinschaft abgeschottet von der Außenwelt im zerklüfteten syrischen Gebirge und an den Ufern des Mittelmeers. Dort fanden sie Schutz vor ihren Feinden.

Doch die Abgeschiedenheit, die Teil der Überlebensstrategie der religiösen Minderheit war, nahm 1970 ein abruptes Ende. Im Winter dieses Jahres putschte sich mit Hafis al-Assad in Damaskus ein Alawit an die Macht. Fortan galt als privilegiert, wer der ehemals verfolgten Minderheit angehörte.

In welchem Maße die Assads - nach dem Tod Hafis' übernahm sein Sohn Baschar im Jahr 2000 die Macht und das Präsidentenamt - ihre Glaubensgenossen in die oberen Ränge ihres Regimes hievten, ist unklar. Belegt ist, dass in Armee und Geheimdienst überdurchschnittlich viele Alawiten unter den Offizieren zu finden sind. Auch ist der harte Kern der Schabiha genannten Schlägertruppen des Regimes mit Alawiten durchsetzt. Für viele Syrer hat der Unterdrückungsapparat des Regimes deshalb ein alawitisches Gesicht.

Entrechtet und verhasst

Die überwältigende Mehrheit der Syrer sind Sunniten, etwa 75 Prozent der 22 Millionen starken Bevölkerung gehören dieser Strömung des Islam an. Um sich nach seiner Machtübernahme die Unterstützung der - ihm als Alawit äußerst misstrauisch gegenüberstehenden - Sunniten zu sichern, fuhr Assad Senior eine zweigleisige Strategie. Einerseits suchte er die Unterstützung schiitischer Geistlicher. Mit Musa al-Sadr, einem der Oberhäupter der libanesischen Schiiten, fand er einen hochrangigen Imam, der den Alawiten mittels einer Fatwa attestierte, Muslime zu sein. Dies war für Assad überlebensnotwendig, da die syrische Verfassung vorschreibt, dass der Präsident Muslim sein muss.

Andererseits versuchte Assad die Sunniten zu befrieden, indem der die alawitische Religion benachteiligte statt sie zu fördern. Wo jede andere Glaubensgemeinschaft im pluralistischen Syrien ihre Familienangelegenheiten nach ihrem eigenen Kodex regelt, unterliegen die Alawiten dem sunnitischen Recht. Die öffentliche Ausübung alawitischer Praktiken ist verboten, es gibt kein religiöses Oberhaupt. Viele Alawiten, die es nicht in die oberen Ränge des Regimes geschafft haben, leben nach wie vor in den armen ländlichen Gebieten entlang der Mittelmeerküste.

Regimekritische Alawiten beklagen, dass sie einerseits vom Regime entrechtet wurden, andererseits von nicht-alawitischen Syrern als Nutznießer des Systems gesehen werden und entsprechend verhasst sind.

Dschihadisten betrachten sektiererische Gewalt als legitim

Beobachter sehen mit Sorge, dass der Kampf gegen das Regime zunehmend sunnitisch-fundamentale Untertöne bekommt. Inzwischen scheinen Dschihadisten in den Reihen der Freien Syrischen Armee zu kämpfen, die sektiererische Gewalt gegen Andersgläubige als legitim betrachten. Auf den im Internet veröffentlichten Videos von Anti-Assad-Demonstrationen hört man immer wieder den Slogan "Christen in den Libanon, Alawiten in den Sarg". Im Arabischen reimt sich das.

Sollte der Aufstand gegen Assad Erfolg haben, könnte das seine Glaubensgenossen also teuer zu stehen kommen. Experten rechnen damit, dass Alawiten im Falle eines Umsturzes in Syrien aus ihren angestammten Siedlungsgebieten vertrieben werden könnten. Mitte Januar kündigte Israels Generalsstabschef Benny Gantz an, dass Jerusalem mit einem Flüchtlingsstrom über seine Grenze rechnet. Israel sei darauf vorbereitet, vertriebene syrische Alawiten aufzunehmen.

Forum

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insgesamt 32 Beiträge
1. Nichts besonderes.
myanus 22.02.2012
Alawiten müssen überall dort um ihr Leben fürchten, wo Muslimbrüder die Macht übernehmen. Das nun auf Assads Zugehörigkeit zu schieben, kann nur sehr "wohlmeinenden" Schreibern passieren, die sich der Realität [...]
Zitat von sysopWeil der Assad-Clan zu den Alawiten zählt, werden die syrischen Glaubensbrüderzum Ziel des aufgestauten Hasses gegen das Regime. In ihrer Not beginnen die ersten von ihnen, sich öffentlich von Assad loszusagen. Syriens Alawiten: Minderheit in Todesangst - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,816735,00.html)
Alawiten müssen überall dort um ihr Leben fürchten, wo Muslimbrüder die Macht übernehmen. Das nun auf Assads Zugehörigkeit zu schieben, kann nur sehr "wohlmeinenden" Schreibern passieren, die sich der Realität verweigern. Für die Muslimbrüder sind Alawiten keine richtigen Moslems. Sie gelten als Apostaten und sind damit zwingend zu verfolgen und zu ermorden. Es wäre schön, wenn die Schreiberzunft endlich einsehen würde, dass das schöne Bild vom arabischen Frühling, das sie uns so blumig aufgezeichnet haben, nichts mit der Realität zu tun hat, denn in jedem dieser Länder haben nach den Revolutionen die Islamisten die Macht ergriffen. Die vorherigen Diktaturen wollten vorallem Geld und Macht, die neuen wollen Kontrolle über die Gesellschaft, über das Privatleben, über den Glauben. Da entsteht keine Freiheit, da entsteht Finsternis und das wird in Syrien nicht anders sein, wenn Assad gestürzt wird. Dann werden auch dort Massaker an "Ungläubigen", Folter, Religionspolizei, Steinigungen etc. etc. der Normalfall werden. Da ist mir eine säkulare Diktatur irgendwie etwas weniger unsympathisch.
2. 2000 jahre kein fliesendes wasser
bulut82 22.02.2012
die alawiten sind keine sekte. die sind eine gelaumensgemeinschaft innerhalb der des islams. sie werden meist als sekte defamiert. denn die bezeichnung sekte hat immer ein schlechten beigeschmack, was von gewissen kreisen gerne [...]
die alawiten sind keine sekte. die sind eine gelaumensgemeinschaft innerhalb der des islams. sie werden meist als sekte defamiert. denn die bezeichnung sekte hat immer ein schlechten beigeschmack, was von gewissen kreisen gerne gegen die alawiten genutzt wird. leider steigt auch der spiegel mit auf diesem zug, und das nicht zum ersten mal. und zum arabischen frühling. die fundamentalisten werden sicherlich die macht im arabischen raum jetzt übernehmen. Hier wird der arabische frühling gerne romantisiert, aber was es in wirklichkeit gebracht hat ist, dass die wenigen länder, die sekulär (soweit es im arabischen raum möglich ist) sind, jetzt auch fundamental werden. es wird wahrscheinlich schleichend sein, wie in der türkei. was passiert wenn die relegion zu viel macht bekommt hat man hier im europa gesehen, denn als das christentum die römer in die knie gezwungen hat, hat es 2000 jahre gedauert, bis es WIEDER fliesendes wasser in den städten gab. das leider steht auch den moslemen im arabischen raum bevor. leider werden sie sehr ungemüdlich für uns werden, wenn ihre einzige einnahme quelle durch den öl wegfällt. denn dann befürchte ich, werden sie sehr streit und angriffslustig sein. den vergessen wir nicht, sie sind unsere unmittelbaren nachbarn.
3.
MultiMoral 22.02.2012
aber gewiß nicht nachbarn der us ;-)
Zitat von bulut82... den vergessen wir nicht, sie sind unsere unmittelbaren nachbarn.
aber gewiß nicht nachbarn der us ;-)
4. Da
intenso1 22.02.2012
Da haben wir in Syrien, jetzt die Fortsetzung der Freiheit durch die Rebellen, Freiheitskämpfer, Aktivisten oder wie sie auch immer bezeichnet werden. Wie Wulff sagte der Islam gehört zu Deutschland brach eine Welle des [...]
Zitat von myanusAlawiten müssen überall dort um ihr Leben fürchten, wo Muslimbrüder die Macht übernehmen. Das nun auf Assads Zugehörigkeit zu schieben, kann nur sehr "wohlmeinenden" Schreibern passieren, die sich der Realität verweigern. Für die Muslimbrüder sind Alawiten keine richtigen Moslems. Sie gelten als Apostaten und sind damit zwingend zu verfolgen und zu ermorden. Es wäre schön, wenn die Schreiberzunft endlich einsehen würde, dass das schöne Bild vom arabischen Frühling, das sie uns so blumig aufgezeichnet haben, nichts mit der Realität zu tun hat, denn in jedem dieser Länder haben nach den Revolutionen die Islamisten die Macht ergriffen. Die vorherigen Diktaturen wollten vorallem Geld und Macht, die neuen wollen Kontrolle über die Gesellschaft, über das Privatleben, über den Glauben. Da entsteht keine Freiheit, da entsteht Finsternis und das wird in Syrien nicht anders sein, wenn Assad gestürzt wird. Dann werden auch dort Massaker an "Ungläubigen", Folter, Religionspolizei, Steinigungen etc. etc. der Normalfall werden. Da ist mir eine säkulare Diktatur irgendwie etwas weniger unsympathisch.
Da haben wir in Syrien, jetzt die Fortsetzung der Freiheit durch die Rebellen, Freiheitskämpfer, Aktivisten oder wie sie auch immer bezeichnet werden. Wie Wulff sagte der Islam gehört zu Deutschland brach eine Welle des Protestes los. Wenn der Islam in der arabischen Welt immer weiter um sich greift, wird gejubelt.
5. Unfassbar schlechter Artikel!
Oooposition 22.02.2012
Dieser Artikel ist sehr schlecht recherchiert! 1. Aleviten sind sehr moderate, moderne, offene, liberale Moslems. Man kann sogar sagen, sie sind die fortschrittlichsten Moslems weltweit. 2. Deshalb werden sie von anderen, vor [...]
Dieser Artikel ist sehr schlecht recherchiert! 1. Aleviten sind sehr moderate, moderne, offene, liberale Moslems. Man kann sogar sagen, sie sind die fortschrittlichsten Moslems weltweit. 2. Deshalb werden sie von anderen, vor allem fundamentalistischen und sunnitischen Moslems, verunglimpft, z.B. als "Sekte" bezeichnet. Sie sind aber keine Sekte, sondern eine von vielen Strömungen im Islam. 3. Es gibt von Land zu Land Unterschiede zwischen Aleviten, so wie z.B. auch bei Sunniten aus Saudi Arabien oder Jordanien. Die mit Abstand liberalsten Aleviten leben in der Türkei. Alevitische Frauen sind grundsätzlich OHNE Kopftuch, spielen eine starke Rolle in der Familie und arbeiten. Alevitische Mädchen besuchen ausnahmslos die Schule. 4. Aleviten wurden insbesondere in der Türkei jahrhundertelang verfolgt und teilweise bis in die Gegenwart getötet (z.B. in Sivas 1993). Deshalb zogen sie sich zurück, praktizierten ihren Glauben oftmals im verborgenen, um sich zu schützen. Dies hat nichts mit "geheimnisumwoben" zu tun! 5. Aleviten feiern kein Weihnachten! 6. Aleviten glauebn nicht an Reinkarnation (Ausnahme: Auf die "Rückkehr" des 12. Imam, d.h. Nachfolger von Ali, wird gewartet). 7. Wären alle Moslems in ihrem Menschenbild (friedliebend, pazifistisch, libertär) wie die TÜRKISCHEN Aleviten, hätten sie kein Imageproblem. Außerdem wäre die Türkei schon längst EU-Mitglied. Ich empfehle der Autorin des Artikels und allen anderen Interessierten, sich unbedingt zu informieren. Dies geht über WikiPedia, Internet, ... ziemlich schnell. 8. Bitte nicht vom Sonderfall Syrien auf alle bzw. andere Aleviten schließen! Sonst könnten wir ja sagen, alle Protestanten / Evangelikalen sind "schlecht", weil der Kriegstreiber Bush & Konsorten (Cheney, Rumsfeld) protestantisch sind. Oder alle Orthodoxen Christen sind "schlecht", weil Lukaschenko in Weißrussland ein Diktator ist. PS: Sorry für meine Emotionalität, aber im SPON habe ich nun wirklich so einen Artikel erwartet, eher auf einer dschihadistischen Seite.

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