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23.02.2012
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Proteste in Afghanistan

Obama entschuldigt sich für Koran-Verbrennung

Foto: AFP

Tausende aufgebrachte Muslime haben in Afghanistan erneut gegen die Koranverbrennung durch US-Truppen demonstriert. Mehrere Zivilisten und zwei amerikanische Soldaten starben. US-Präsident Obama äußerte nun in einem Brief an den afghanischen Präsidenten Karzai sein Bedauern über die Vorfälle.

Kabul/Washington - Nach der Verbrennung von Koran-Ausgaben auf dem US-Stützpunkt Bagram hat sich US-Präsident Barack Obama bei seinem afghanischen Kollegen Hamid Karzai entschuldigt. In einem Brief äußerte Obama sein "tiefes Bedauern" über den Vorfall, wie das afghanische Präsidentenamt in Kabul am Donnerstag mitteilte.

Nach den Angaben sprach Obama in dem Brief eine "aufrichtige Entschuldigung" aus. Der vom afghanischen Präsidentenamt veröffentlichten Erklärung zufolge schrieb Obama weiter, dass es sich um ein Versehen handelte: "Ich versichere Ihnen, dass wir alle erforderlichen Schritte einleiten, um eine Wiederholung zu vermeiden", wurde der US-Präsident zitiert. Dazu gehöre auch, dass die Verantwortlichen für die Verbrennungen zur Rechenschaft gezogen würden.

Auch ein Sprecher des Weißen Hauses bestätigte, dass der Brief eine Entschuldigung beinhalte.

Karzai sagte unterdessen, für die Koran-Verbrennung sei ein US-Offizier verantwortlich gewesen. Die Aktion sei jedoch "aus Unkenntnis heraus" geschehen, und die USA hätten den Fehler eingeräumt, sagte der afghanische Präsident nach Angaben seines Büros bei einem Treffen mit Parlamentariern.

Zwei US-Soldaten erschossen

In Afghanistan gehen seit drei Tagen wütende Demonstranten gegen die Koran-Verbrennung auf die Straße. Am Donnerstag gab es Todesopfer. Ein Mann eröffnete im Osten Afghanistans das Feuer auf Isaf-Soldaten und tötete zwei Vertreter der internationalen Schutztruppe. Bei den Getöteten handelt es sich um amerikanischen Soldaten. Angaben der Isaf zufolge trug er eine Uniform der afghanischen Armee. Ein Sprecher wollte sich auch nicht dazu äußern, ob der Vorfall mit den Protesten gegen die Verbrennung von Koran-Ausgaben auf dem US-Stützpunkt Bagram in Verbindung stand. "Es gab eine Demonstration in der Provinz", sagte er lediglich.

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Aus afghanischen Sicherheitskreisen hieß es allerdings, bei Protesten vor einem US-Stützpunkt im Distrikt Khogyani habe ein Polizist das Feuer auf die Soldaten eröffnet. "Es scheint, als tötete er sie, um die Koran-Verbrennung zu rächen." Ein Demonstrant sagte der Nachrichtenagentur Afghan Islamic Press, afghanische Truppen hätten zunächst einen ausländischen Militärstützpunkt in der östlichen Provinz Nangarhar verteidigt. Dann hätten sie sich jedoch "den Demonstranten angeschlossen und das Feuer auf ausländische Soldaten eröffnet".

In den vergangenen Monaten hatten immer wieder afghanische Polizisten, Soldaten oder in Uniform getarnte Extremisten auf Soldaten der Allianz geschossen. Dies führte zu erhöhten Spannungen zwischen ausländischen Truppen und ihren afghanischen Partnern.

Angriff auf Isaf-Camp

Auch in der Provinz Baghlan - sie gehört zum Kommandogebiet der Bundeswehr - kam dabei ein Demonstrant ums Leben. Nach Behördenangaben hatte er mit einer Gruppe anderer Männer versucht, eine Polizeiwache zu stürmen. Die zuständige deutsche Pressestelle der Schutztruppe Isaf in Masar-i-Scharif wollte dazu keine Stellung nehmen. Bei Zusammenstößen in der südafghanischen Provinz Uruzgan seien drei Demonstranten getötet worden, sagte ein Polizeisprecher.

Im Nordwesten kam es während der landesweiten Demonstrationen zu einem Angriff auf das dortige Camp der Schutztruppe Isaf, das mit finnischen und norwegischen Soldaten besetzt ist. Nach Angaben von lokalen Behördenvertretern marschierten vor dem Camp in der Stadt Maymana zunächst einige hundert Demonstranten auf und skandierten antiamerikanische Parolen. Später sei eine Gruppe von ihnen gewaltsam durch das erste Tor des Lagers gestürmt und habe auf einem Parkplatz rund zehn zivile Fahrzeuge von afghanischen Angestellten des Camps in Brand gesteckt.

Ein Vertreter des Provinzrats berichtete SPIEGEL ONLINE, die afghanische Polizei habe die Demonstranten von dem Parkplatz zurückdrängen können, dabei sei es zu kleineren Auseinandersetzungen, aber nicht zu Schüssen gekommen.

Auch in drei ostafghanischen Provinzen setzten Demonstranten ihre Proteste gegen die Verbrennung von Koran-Schriften auf dem US-Stützpunkt Bagram fort. Die Kundgebungen verliefen laut Behördenangaben friedlich. An der größten der drei Demonstrationen in der Hauptstadt der Provinz Laghman nahmen laut Polizeiangaben 2000 Menschen teil. In der Provinz Logar ging eine Demonstration von rund 500 Personen ohne Zwischenfall zu Ende. Außerdem gingen Hunderte Menschen in der Stadt Dschalalabad auf die Straßen.

Großeinsatz der Sicherheitskräfte

Am Rande der Hauptstadt Kabul versammelten sich am Donnerstag rund tausend Demonstranten, wie Polizeichef Ajub Salangi sagte. "Es ist friedlich, aber wir haben viel Polizei hingeschickt, damit die Lage nicht außer Kontrolle gerät."

Am Mittwoch waren bei Zusammenstößen in Kabul und drei weiteren Provinzen nach Angaben des Innenministeriums mindestens sieben Demonstranten getötet worden. Trotz einer Entschuldigung der US-Regierung und der Internationalen Schutztruppe Isaf hatten landesweit Tausende Muslime protestiert. Die Isaf hatte betont, die "Entsorgung" von Koran-Exemplaren in einem Verbrennungsofen auf der US-Basis in Bagram sei nicht vorsätzlich geschehen. In der inzwischen dritten Mitteilung der Taliban zu dem Vorfall hieß es am Donnerstag, "tapfere afghanische Muslime" müssten Stützpunkte und Konvois der internationalen Militärs angreifen. Afghanen sollten Ausländer schlagen, fangen und töten, damit diese lernten, den Koran nie wieder zu schänden.

Afghanistans Präsident Karzai hatte seine Landsleute zu Besonnenheit aufgefordert. Demonstrationen seien ein Recht der Bürger, sie sollten aber Gewalt vermeiden. Auch von den Sicherheitskräften erwarte er, dass sie bei den Protesten keine Gewalt einsetzten sowie Leben und Eigentum der Menschen schützten. Karzai forderte zudem die US-Armee auf, die Übergabe des Gefängnisses von Bagram an die Afghanen zu beschleunigen.

hen/fab/mgb/dpa/dapd/AFP

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