Lade Daten...
23.02.2012
Schrift:
-
+

Koran-Verbrennung

Nato befürchtet Flächenbrand in Afghanistan

Von und Shoib Najafizada
Foto: AFP

Zwei Nato-Soldaten wurden erschossen, in ganz Afghanistan protestieren wütende Muslime gegen die Verbrennung von Koran-Schriften durch US-Truppen. Die internationalen Truppen rechnen mit einer weiteren Eskalation. "Wir bereiten uns auf einen heißen Freitag vor", sagt ein Offizier in Kabul.

Kabul/Berlin - Die internationale Schutztruppe Isaf in Afghanistan ist wegen der anhaltenden Demonstrationen aufgebrachter Muslime gegen die Koran-Verbrennungen durch US-Soldaten alarmiert. Sie befürchtet eine weitere Eskalation der Gewalt am Hindukusch. Mit den tödlichen Schüssen auf zwei Militärs der Nato-geführten Schutztruppe haben die Proteste am Donnerstag eine neue Eskalationstufe erreicht. Internationale Diplomaten und die Schutztruppe befürchten inzwischen einen regelrechten Flächenbrand.

Zwar registrierte man im Nato-Hauptquartier in Kabul am späten Donnerstagnachmittag eine langsame Beruhigung der Lage, dennoch blicken die Militärs mit großer Sorge auf Freitag: Angeheizt durch Predigten in den Moscheen, so die Befürchtung, könne sich die Gewalt noch einmal steigern. "Wir bereiten uns auf einen heißen Freitag vor", sagt ein Offizier in Kabul.

In der Regel sollen die lokale Polizei und die Armee Sicherheitsaufgaben wie die Eindämmung gewalttätiger Proteste übernehmen. Werden die Angriffe jedoch heftiger, wird auch die Nato überlegen müssen, aus ihren gut geschützten Lagern auszurücken. Die radikal-islamischen Taliban jedenfalls erneuerten am Donnerstag ihre Forderung an alle gläubigen Afghanen, wegen der Koran-Verbrennung jede Gelegenheit zu nutzen, um Ausländer in Afghanistan anzugreifen.

US-Präsident Obama schickt Entschuldigungsschreiben

Die USA haben sich inzwischen beim afghanischen Präsidenten Hamid Karzai formell für die Verbrennung von Koran-Schriften auf dem US-Stützpunkt Bagram entschuldigt. Nach Angaben des Präsidialamtes in Kabul übergab der US-Botschafter einen Brief von Präsident Barack Obama an Karzai. In dem Schreiben äußert Obama "tiefes Bedauern über den berichteten Zwischenfall" und spricht eine "aufrichtige Entschuldigung" aus.

Fotostrecke

Afghanistan: Wütende Proteste gegen den Westen
Der vom afghanischen Präsidialamt veröffentlichten Erklärung zufolge schrieb Obama weiter, dass es sich bei dem Vorfall um ein Versehen handelte: "Ich versichere Ihnen, dass wir alle erforderlichen Schritte einleiten, um eine Wiederholung zu vermeiden", wurde der US-Präsident zitiert. Dazu gehöre auch, dass die Verantwortlichen für die Verbrennungen zur Rechenschaft gezogen würden. Der Brief Obamas zeigt, wie alarmiert die USA inzwischen wegen der Unruhen sind.

Bisher konnten die Entschuldigungsgesten der USA und der Nato - auch die Isaf-Schutztruppe hatte sich für den Vorfall in Bagram entschuldigt -, die Wut der Afghanen nicht stoppen. Angefeuert von religiösen Führern und wohl auch durch immer neue Statements der Taliban reicht in Afghanistan oft eine kleine Zahl von Demonstranten, um schnell eine wütende Menge zu mobilisieren. Die Mischung aus einigen Aufrührern und Plünderern, Dieben und der verarmten Bevölkerung führt im Handumdrehen zu Gewaltexzessen, schnell brennen Autos und fliegen Steine. Die afghanische Polizei, noch immer schlecht ausgebildet und organisiert, facht die Stimmung oft durch Schüsse in die Menge oder Schläge an.

Die Nato gerät in der heiklen Affäre auch juristisch unter Druck. Nachdem vom Oberbefehlshaber bis zum US-Präsidenten hin Aufklärung versprochen und Demut gezeigt worden war, fordern die Afghanen nun einen öffentlichen Prozess gegen die beteiligten US-Soldaten und indirekt auch harte Strafen. In einer gemeinsamen Erklärung zweier Untersuchungsdelegationen, die den Vorfall aufklären soll, wird ein offener und fairer Prozess gegen die Soldaten gefordert, die aus afghanischer Sicht eine Todsünde begehen wollten.

Die USA sind damit in einer Zwickmühle: Zwar hatte man erklärt, solche Vorfälle werde es nie wieder geben. Doch eine juristische Aufarbeitung, vor allem mit afghanischen Standards, meinte man damit wohl nicht. Nach amerikanischem Recht wäre selbst die Verbrennung des Korans wohl nur schwer juristisch zu verfolgen, wie der Fall des Koran-Hassers Jones aus Florida schon bewiesen hat. Im Jahr 2011 hatte dieser demonstrativ einen Koran verbrannt, die Gerichte in den USA konnten dies schon wegen der Meinungsfreiheit nicht verhindern.

Wie ein Prozess gegen die beteiligten US-Soldaten aussehen soll, ist damit völlig unklar. Ursprünglich, so heißt es im Isaf-Hauptquartier, hatte man eine Verwarnung oder ähnliches gegen die Soldaten als Geste des guten Willens angestrebt. Wohl deshalb hatte auch Präsident Obama in seinem Brief an alle Afghanen die Verfolgung der Verantwortlichen versprochen. Nun aber nimmt ihn sein Amtskollege Karzai beim Wort: Die Soldaten hätten ignorant und aus purer Unkenntnis Afghanistans gehandelt.

Erstmals forderten die gewalttätigen Proteste nach der Verbrennung von Koran-Schriften durch US-Soldaten Todesopfer unter den Mitgliedern der internationalen Schutztruppe. Nach ersten Angaben aus dem Nato-Hauptquartier in Kabul erschoss am Donnerstag ein Mann in afghanischer Militäruniform im Osten des Landes zwei US-Soldaten. Aus Militärkreisen verlautete, der Schütze habe sich offenbar den Protesten angeschlossen. Bisher sei noch nicht eindeutig geklärt, ob es sich bei dem Angreifer tatsächlich um einen Soldaten der Afghan National Arm (ANA) handelte oder ob sich der Täter mit der Uniform tarnte.

Aus friedlichen Protesten wird schnell Gewalt

Überall im Land demonstrierten am Donnerstag Tausende Afghanen gegen die Schändung der heiligen Schriften in der Basis in Bagram. Nach ersten Ermittlungen der Isaf hatten die Soldaten die Bücher aus einer Bibliothek des Gefängnisses in dem Lager entfernt, weil die Gefangenen durch handschriftliche Notizen geheime Nachrichten mit ihnen austauschten. Unklar ist, warum man die heiligen Schriften dann zur Müllentsorgung brachte - besonders im streng-muslimischen Afghanistan werden heilige Dokumente besonders sensibel behandelt.

Am Donnerstag hatten die Proteste zunächst friedlich begonnen, doch schon nach einigen Stunden eskalierte die Lage. Die Gewalt richtete sich sehr gezielt auf die Schutztruppe Isaf. Im Nordwesten Afghanistans kam es während der landesweiten Demonstrationen zu einem Angriff auf das dortige Camp der Isaf, das mit finnischen und norwegischen Soldaten besetzt ist. Eine Gruppe von Demonstranten stürmte durch das erste Tor des Lagers und setzte auf einem Parkplatz Fahrzeuge von afghanischen Angestellten des Camps in Brand.

Ein Vertreter des Provinzrats berichtete SPIEGEL ONLINE, die afghanische Polizei habe die Demonstranten von dem Parkplatz zurückdrängen können, dabei sei es zu kleineren Auseinandersetzungen aber nicht zu Schüssen gekommen. Auch aus einer weiteren Nordprovinz meldeten die lokalen Behörden gewaltsame Proteste. Demnach wurde in der Provinz Baghlan, die zum Kommandogebiet der Bundeswehr gehört, ein Demonstrant getötet. Nach Behördenangaben hatte er mit einer Gruppe anderer Männer versucht, eine Polizeiwache zu stürmen. In Urusgan im Süden des Landes kamen bei Protesten drei Demonstranten ums Leben.

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Video

Fotostrecke

Kampf gegen Taliban

Afghanistan 2001-2011

  • Eine Koproduktion von arte.tv und SPIEGEL ONLINE

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter RSS
alles zum Thema Afghanistan
RSS
Rubriken

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten