09.03.2012
Enthüllungen über Terrorchef
"Bin Laden war sexuell aktiv"
Von Hasnain KazimFast ein Jahr ist es her, seit amerikanische Soldaten ihren Erzfeind Osama Bin Laden in Pakistan erschossen haben. Doch die Hintergründe dieses Kommando-Unternehmens liegen noch im Dunklen. Das aber ärgert Shaukat Qadir. Höhnisch ereifert sich der Brigadegeneral a. D. über die Ahnungslosigkeit seiner Landsleute. "Die USA haben ihn erledigt, und die pakistanische Armee will nichts gewusst haben? Oder war sie etwa doch Komplize?"
Qadir, 64, lebt in Rawalpindi, in einem Stadtteil, in dem sich viele pensionierte Offiziere niedergelassen haben. Er war bei der Infanterie, als er in den vorzeitigen Ruhestand geschickt wurde, wegen seines losen Mundwerks, wie er sagt. Noch immer provoziert er mit seinen Thesen über Bin Ladens Tod in Abbottabad und über die unrühmliche Rolle, die das pakistanische Militär in der ganzen Affäre gespielt habe. "Das war eine Blamage für alle Pakistaner", sagt Qadir.
Deshalb habe er sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit gemacht, nach den Antworten auf all die unbeantworteten Fragen: Wie fand die CIA heraus, dass Bin Laden sich in Abbottabad versteckt hielt? Wer half den Amerikanern bei der Suche?
Seine erstaunlichen Erkenntnisse hat er in einem 30.000 Wörter umfassenden, noch nicht veröffentlichten Bericht aufgeschrieben, den SPIEGEL ONLINE einsehen konnte. Die wichtigste These: "Man kann davon ausgehen, dass Khairiah Saber, die dritte Ehefrau, Bin Laden verraten hat." Qadir sagt, Saber sei eifersüchtig gewesen, vor allem auf Amal Ahmed al-Sadah, die jüngste der fünf Gattinnen - Osamas Lieblingsfrau.
Viermal besuchte Qadir das Haus in Abottabad
Zusammen mit ihr trafen die U.S. Navy Seals Bin Laden im obersten Stock seines Verstecks an, als sie das Gebäude in der Nacht zum 2. Mai 2011 stürmten. Amal soll ihm 2006 und 2008 in Abbottabad seine jüngsten Kinder geboren haben. Den Ermittlungsakten zufolge, so Qadir, "war Bin Laden sexuell aktiv und bei weitem nicht so krank, wie behauptet wird".
Bei seiner Recherche kam Qadir zugute, dass der noch amtierende Chef des pakistanischen Geheimdienstes ISI sein Schüler war und er gemeinsam mit dem heutigen Armeechef gedient hatte. Dank der guten Kontakte erhielt er Zugang zu den Gesprächsprotokollen der Witwen und den Notizen der pakistanischen Ermittler. Allerdings garantiert seine Quellenlage auch eine sehr pakistanische Sicht auf das Geschehen.
Viermal besuchte der pensionierte Offizier das - inzwischen abgerissene - Haus, in dem sich der Qaida-Chef versteckt hielt, dreimal sogar von innen. Nur zwei seiner Aufnahmen aus dem Haus sind ihm geblieben: Eines zeigt eine blutverschmierte Treppe, das andere die Küche mit den selbstgebauten Möbeln. Die restlichen Bilder habe der Geheimdienst gelöscht, behauptet er.
Von seiner ersten Frau wurde Bin Laden 2001 geschieden, die zweite hatte ihn schon in den neunziger Jahren verlassen. Die Kinderpsychologin Khairiah, die Sprachwissenschaftlerin Siham Saber und die junge, ungebildete Amal lebten mit ihm in Abbottabad.
Osamas drei Ehefrauen sind in Gewahrsam
Die drei Frauen und fast alle Kinder und Enkelkinder haben den Angriff überlebt, sie befinden sich derzeit im Gewahrsam des pakistanischen Geheimdienstes ISI. Sie sollten in ihre Heimatländer Saudi-Arabien und Jemen abgeschoben werden, doch vergangene Woche wurde bekannt, dass die drei Frauen wegen ihrer angeblich illegalen Einreise nach Pakistan angeklagt sind.
Auch die Ermittler bezeichnen Khairiah als "eifersüchtige und schwierige Persönlichkeit". Das Klima in der 27-köpfigen Hausgemeinschaft sei "vergiftet" gewesen. Amal gab zu Protokoll, der Ärger habe begonnen, als Khairiah im Frühjahr 2011, wenige Wochen vor Bin Ladens Tod, eingezogen war. Sie lebte im Stockwerk unter dem Raum, in dem Bin Laden vor den Augen seiner jungen Frau getötet wurde.
Khairiah hatte sich nach dem Einmarsch der US- und Nato-Truppen in Afghanistan nach Iran abgesetzt, während Amal bei Bin Laden in Afghanistan geblieben war und ihm später nach Pakistan folgte.
In Iran stand die Flüchtige unter Hausarrest. Erst 2010 kam sie im Austausch gegen einen in Pakistan entführten iranischen Diplomaten frei. Sie ging zunächst für einige Monate in ein Qaida-Versteck in Tora Bora. Dort machte sie auch ihren Wunsch deutlich, zu ihrem Mann zu ziehen, der seit 2005 in Abbottabad lebte.
"Das war die Chance für Qaida-Vize Aiman al-Sawahiri, den inzwischen ungeliebten Chef an die Amerikaner auszuliefern", behauptet Qadir. Sawahiri habe Bin Laden nach Angaben pakistanischer Ermittler schon seit 2003 loswerden wollen - und sich dabei der frustrierten Ehefrau bedient. Am Verrat könnten auch Bin Ladens Kurier Abu Ahmed al-Kuwaiti und dessen Bruder Tariq, die ebenfalls in dem Versteck gelebt hätten, beteiligt gewesen sein, berichtet Qadir.
Dass dem Kommando-Unternehmen eine Verschwörung von Qaida-Verrätern vorausgegangen sein soll, ist dem Brigadegeneral a. D. erkennbar lieber als die amerikanische Version. Die geht von einem Plan aus, an dem auch Pakistaner als Helfer beteiligt waren.
Der Qaida-Chef soll seine beiden älteren Ehefrauen mehrmals gebeten haben, Abbottabad zu verlassen. Die aber hätten sich geweigert. Als Khalid, der 22-jährige Sohn Bin Ladens, Khairiah fragte, weshalb sie überhaupt nach Abbottabad gekommen sei, soll diese geantwortet haben: "Ich habe noch eine Pflicht für meinen Mann zu erfüllen." Khalid, der später von amerikanischen Soldaten erschossen wurde, war wohl misstrauisch geworden, er soll seinem Vater von dem Verdacht berichtet haben.
Seinem von Gott bestimmten Schicksal werde er nicht entgehen, soll Osama Bin Laden dem Sohn entgegnet haben.

