10.04.2012
Protest gegen Formel 1 in Bahrain
"Ihr werdet auf dem Blut der Märtyrer fahren"
Von Christoph SydowHamburg - In weniger als zwei Wochen, am 22. April, sollen Sebastian Vettel, Michael Schumacher und Rivalen beim Formel-1-Grand-Prix in Bahrain an den Start gehen. Trotz aller Proteste aus dem In- und Ausland halten Formel-1-Chef Bernie Ecclestone und Bahrains Königshaus bislang an der Austragung des Rennens fest.
Für die Regierung des Zwergstaats am Golf, der kleiner ist als Hamburg, ist der Große Preis eine Prestigesache: "Rennen in die Zukunft - Bahrain ist zurück in der Spur" - mit diesem Slogan wirbt das Land für das Rennen am übernächsten Sonntag. Damit will Bahrain nicht nur Zuschauer an die Rennstrecke, sondern auch verunsicherte Investoren zurück ins Land holen.
Doch das "Rennen in die Zukunft" droht zu scheitern, denn das Golfkönigreich wird von seiner jüngsten Vergangenheit eingeholt. Während auf dem Formel-1-Kurs in Sachir die Vorbereitungen für das Rennen auf Hochtouren laufen, ringt nur wenige Kilometer entfernt ein prominenter Oppositioneller mit dem Tod.
Seit mehr als zwei Monaten befindet sich Abdulhadi al-Khawaja im Hungerstreik. Er protestiert damit gegen die lebenslange Haftstrafe, zu der er im Juni vergangenen Jahres verurteilt wurde. Khawaja ist seit zwei Jahrzehnten ein führender Vertreter der bahrainischen Opposition. Er ist Mitbegründer des Bahrainer Zentrums für Menschenrechte, einer unabhängigen Organisation, die 2002 offiziell von den Behörden anerkannt wurde. Immer wieder machte er auf Menschenrechtsverletzungen des Regimes aufmerksam, mehrfach wurde er deswegen festgenommen und von Sicherheitskräften misshandelt.
Der Zynismus der staatlichen Medien
Im vergangenen Jahr gehörte Khawaja zu den Organisatoren der Proteste gegen das Königshaus, die am 14. Februar 2011 begannen. Knapp zwei Monate später wurde er verhaftet und an einen unbestimmten Ort gebracht. Im Mai stellten ihn die Machthaber vor ein Militärtribunal. Nach Angaben seiner Töchter und Aussagen von Menschenrechtlern wurde Khawaja in der Haft gefoltert. Außerdem sollen Gefängniswärter versucht haben, ihn zu vergewaltigen. Eine Untersuchung der Vorwürfe lehnen die Behörden ab. Stattdessen verurteilte das Militärgericht Khawaja und acht weitere Oppositionelle zu lebenslanger Haft.
Am 8. Februar trat der Menschenrechtler in den Hungerstreik - "bis zur Freiheit oder bis zum Tod", wie Khawaja über seine Familie mitteilen ließ. Nach Angaben seiner Angehörigen hat sich der Gesundheitszustand des Mannes, der am vergangenen Donnerstag 50 Jahre alt wurde, seither dramatisch verschlechtert. Seine Tochter Zainab berichtete am Sonntag, dass ihr Vater kaum noch atmen und sprechen könne. Seither verwehren die Behörden den Verwandten jeden Kontakt mit dem Häftling.
Auch eine Bitte des dänischen Außenministeriums, Khawaja auszuliefern, schlug Bahrains Justiz am Wochenende aus. Der Oppositionelle hatte dort in den Neunzigern mehrere Jahre im Exil gelebt und besitzt seither neben der bahrainischen auch die dänische Staatsbürgerschaft. Am Montag schrieben zudem mehrere internationale Menschenrechtsgruppen einen offenen Brief an US-Präsident Barack Obama, in dem sie ihn baten, sich für Khawajas Freilassung einzusetzen.
Seine Familie rechnet stündlich mit dem Schlimmsten - Bahrains Behörden beschwichtigen. Der Häftling habe zwar Gewicht verloren und sei unterzuckert, aber er sei orientiert und alle Organe arbeiteten normal - nur die Leber sei verfettet, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur BNA am Dienstag.
Noch zynischer äußerte sich die königsnahe Zeitung "Gulf Daily News": Dänemark habe als Land, in dem ungestraft Mohammed-Karikaturen veröffentlicht werden konnten, ohnehin kein Recht, muslimische Staaten zu belehren. Und Großbritannien habe 1981 ja auch zugelassen, dass sich zehn nordirische Gefangene zu Tode hungerten. Ebenso wie die IRA damals die Sicherheit Großbritanniens gefährdete, habe Khawaja Bahrains Sicherheit aufs Spiel gesetzt. Außerdem spreche der Häftling eh nicht für die bahrainische Opposition.
"Wir können die Teams nicht zwingen"
Doch das ist allenfalls Wunschdenken von Seiten des Regimes. Zwar konnte das Königshaus den Aufstand mit Hilfe saudi-arabischer Truppen vor einem Jahr zunächst niederschlagen, doch der Zorn vieler ist ungebrochen. Erst im März zeigte die Opposition, wie viel Rückhalt sie im Volk besitzt: Selbst die Regierung musste einräumen, dass mehr als 100.000 Menschen auf die Straße gingen - mehr als jeder sechste Bürger. Am vergangenen Freitag demonstrierten erneut Tausende Menschen gegen die Regierung und für Khawajas Freilassung. Dabei machten sie auch deutlich, was sie vom geplanten Formel-1-Rennen in ihrem Land halten: Zahlreiche Demonstranten trugen Rennanzüge und Helme, in den Händen hielten sie Gewehrattrappen.
Seit Beginn der Proteste vor mehr als einem Jahr wurden mehr als 80 Menschen getötet, Tausende verletzt oder festgenommen. Nach wie vor unterdrückt das Regime die Opposition mit den Mitteln eines Polizeistaats: nächtliche Razzien, willkürliche Festnahmen, geheime Prozesse. Doch auch die staatlichen Sicherheitskräfte - zumeist Söldner aus arabischen Staaten und Pakistan - werden mehr und mehr zum Ziel von Angriffen. Am Montag wurden bei einem Anschlag auf einen Bus sieben Polizisten verletzt. Für das Rennwochenende hat die Opposition weitere Proteste angekündigt: "Wir werden die Durchführung des Rennens erheblich beeinträchtigen", droht ein Protestbündnis.
Inzwischen äußert auch Formel-1-Chef Bernie Ecclestone Zweifel an der Durchführbarkeit des Rennens: "Wenn die Teams nicht dorthin wollen, können wir sie nicht zwingen", zitierte die "Times" den 81-Jährigen am Dienstag. Doch die halten sich bislang zurück. Kein Teamchef will öffentlich Farbe bekennen. Ein namentlich nicht genannter Verantwortlicher sagte jedoch dem "Guardian": "Wenn ich brutal ehrlich bin, dann können sie dieses Rennen nur ohne Zwischenfall durchziehen, wenn sie es komplett militärisch abschirmen. Das wäre inakzeptabel."
Eine Entscheidung über die Austragung des Grand Prix wird bis zum kommenden Wochenende erwartet. Laut Plan sollte dann die Ausrüstung der Formel-1-Teams nach Bahrain verschifft werden.

