21.04.2012
Präsidentschaftswahl in Frankreich
Auftakt zum Elysée-Thriller
Von Stefan Simons, Paris
Wahlkampfhelfer für Hollande: Wer überzeugt die Franzosen?
Gewählt wird am Sonntag, entschieden wird nichts: Wenn Frankreichs Bürger - 44,5 Millionen sind wahlberechtigt - am Sonntag in 85.000 Wahlbüros ihr Votum abgeben, ist damit noch keine Auswahl über den nächsten Hausherren im Élysée getroffen. Denn für den Sieg bei den Präsidentenwahlen sind mehr als 50 Prozent der abgegebenen Stimmen nötig. Diese Hürde wurde noch nie im ersten Wahlgang genommen, zumal 2012 gleich zehn Kandidaten antreten und damit den Kuchen der abgegebenen Wahlstimmen in viele kleine Portionen zerlegen.
Die eigentliche Wahl - das Stechen unter den beiden Bestplatzierten des ersten Urnengangs - folgt am 6. Mai. Nach dem derzeitigen Stand der Umfragen dürften dabei François Hollande gegen Nicolas Sarkozy gegeneinander antreten: Es ist die Geschichte eines angekündigten Showdowns zwischen dem amtierenden Präsidenten und seinem Herausforderer von der Sozialistischen Partei (PS).
Unwichtig ist die (Vor-)Auswahl der ersten Runde damit aber auf keinen Fall. Schon die Frage, welcher der beiden Favoriten am Sonntagabend in Pole-Position liegt, beeinflusst direkt das Verhalten der Mitbewerber und die Dynamik für die Endausscheidung zwei Wochen später. Wer immer dabei die Nase vorn hat, verfügt im Wahlvolk über einen psychologischen Vorteil und geht auch in die TV-Debatte mit den Vorschusslorbeeren des angehenden Siegers.
Das wirkt sich auch direkt auf das Feld der Dritt-, Viert- und Fünftplazierten aus. Für den definitiven Erfolg brauchen Hollande wie Sarkozy nämlich die Hilfe durch die Mitkandidaten: Der Sozialist setzt auf die Unterstützung der linken Wähler von Jean-Luc Mélenchon (Linke Front), Sarkozy hofft auf ein Remake von 2007, als er durch den Zulauf aus dem rechtsextremen Lager von Marine Le Pen (Front National) gewinnen konnte. Und beide Kandidaten bemühen sich um den Zentrumsmann François Bayrou (MoDem), der bislang noch nicht hat erkennen lassen, ob und wie er im zweiten Wahlgang eine Empfehlung abgeben wird.
Fest steht nur: Bei dem Pokern zwischen beiden Wahlgängen geht es nicht nur um Programme, Posten und Arrangements für die im Juni folgenden Parlamentswahlen. Wichtiger ist, wie der angehende Staatschef während der knappen 14 Tage auch die Wähler der anderen Kandidaten für sich gewinnen kann. Dabei geht es vor allem um das gefühlte Vertrauen, das Image und die Ausstrahlung jenes Mannes, der fünf Jahre lang die ganze Nation verkörpern soll.
De Gaulle stärkte die Macht des Präsidenten
Charles de Gaulle kleidete die direkte Wahl des Präsidenten durch das Volk in klangvolle Polit-Poesie: "Die Begegnung eines Mannes mit der Nation" nannte er das 1962 eingeführte Votum. Vier Jahre nach der Gründung der Fünften Republik beendete die neue Prozedur das endlose Tauziehen bei der Bestallung des obersten Amtes und die Lähmung "durch die Herrschaft der Parteien". Der General stärkte die Exekutivmacht des Präsidenten als "Schlüsselstein der parlamentarischen Verfassung" und - 1965 erstmals direkt gewählt - seine persönliche Legitimität.
Seither gefällt sich Frankreichs Staatschef in der Rolle des "republikanischen Monarchen": Bis 2002 gewählt auf sieben Jahre (seitdem auf fünf) residiert der Präsident im Elysée-Palast im vorrevolutionären Luxus eines Landesfürsten - umgeben von Gold, Glitter und den prächtigen Uniformen der berittenen Garde. Kaum ein Präsident füllte die auf ihn maßgeschneiderte Position wie de Gaulle. Die Mischung aus Würde und Disziplin wurden zur Messlatte für alle Nachfolger: De Gaulle schaltete abends im Elysée das Licht aus, die Briefmarken für seine Privatpost zahlte er aus eigener Tasche.
Die Präsidentenwahl gilt damit als Hochamt der Demokratie: Nachfolger Georges Pompidou, sonst verantwortlich für Frankreichs rasche Modernisierung, pflegte die gleiche gravitätische Amtsausübung; Valéry Giscard d'Estaing, 1974 gewählt, orientierte sich an US-Präsident John F. Kennedy und überraschte seine Landsleute mit Volksnähe: etwa wenn er sich bei französischen Familien zum Abendessen empfangen ließ - natürlich begleitet von TV-Kameras. Die vermeintliche Modernität wurde jedoch eher als Stilbruch empfunden.
François Mitterrand, der 1981 als erster - und bislang einziger - sozialistischer Präsident Frankreichs in den Elysée einzog, schlüpfte rasch in die Rolle des staatstragenden Patriarchen. Angetreten mit dem Slogan "Die stille Kraft" und einem Wahlplakat, das ihn vor einem bukolischen Dorf der Region Morvan zeigte, gab er stets den abgeklärten Landesvater der Nation: Geschickt wusste er linke Positionen mit großen Gesten zu verbinden - von der roten Rose, mit der er, gerade gewählt, am Pantheon die Vorväter der Sozialisten und des Widerstands würdigte, bis zum Handschlag mit Helmut Kohl 1984 auf dem deutschen Soldatenfriedhof von Verdun.
Bei Sarkozy blieb die Contenance auf der Strecke
Jacques Chirac, in der nostalgischen Rückschau der Franzosen heute als umgänglicher, populärer Staatschef geschätzt, brauchte seine Zeit, um den Habitus des Präsidenten zu verkörpern. Zunächst galt der Nachwuchsmann der Konservativen als verklemmt, ehrgeizig und rastlos. Es dauerte lange, bis der Abgeordnete aus dem ländlichen Corrèze mit einer Mischung aus Charme und Glaubwürdigkeit überzeugen konnte.
Einmal im Amt (1995), trat er bis zum Ende seiner zwei Mandate in zwei Rollen auf: als erdverwachsener Kumpel aus den Tiefen Frankreichs, der bei der Landwirtschaftsmesse stundenlang Wurst, Wein, Käse und Bier verkostete; zugleich verkörperte er aber auf den Stufen des Elysée mit Cut und Handkuss auch die fast altertümliche Höflichkeit eines Aristokraten. Seine Kritiker rügen freilich seine politische Erstarrung ebenso wie verschwenderische Budgets für den Alltag im Elysée: 90 Millionen Euro Jahresbudget kosteten die Aufwendungen für den Repräsentanten der Republik - Blumengestecke, Mahlzeiten, Wagenpark und Flugzeugstaffel, 21 Bedienstete allein für die Amtsgeschäfte von Madame. Das wurde Chirac nachgesehen, genauso wie seine Affären mit dienstbaren Damen der Republik, denn "Jacquo" hatte Stil.
Der freilich fehlte Nachfolger Nicolas Sarkozy. Der war so bemüht, den angestrebten "Bruch" mit dem verstaubten Regierungsstil seines Vorgängers zu vollziehen, dass dabei die staatstragende Contenance auf der Strecke blieb. Die Inszenierung des Präsidenten, der im T-Shirt an den befrackten Amtsdienern des Elysée vorbeijoggt, sollte Energie und Dynamik signalisieren.
Doch die nassgeschwitzte Lässigkeit vor dem Machtzentrum der Republik missfiel genauso wie die Zurschaustellung des präsidialen Privatlebens. Peinlich wirkte nicht nur die linkische Umarmung mit der damaligen Gattin Cécilia beim Amtseid. Auch die Art und Weise, wie Sarkozy nur Monate später sich in Ägypten mit seiner neuen Herzensdame Carla Bruni zeigte, kam nicht gut an: ein neureicher Parvenü mit der Hand am Hosenbund seiner Trophäen-Frau.
Der Mangel an gesetztem Gestus hat Sarkozy genauso geschadet wie seine unerfüllten Wahlversprechen von 2007 oder die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise. Nach dem ersten Urnengang könnte die zweite Runde der Wahl daher in einem Plebiszit wider den amtierenden Präsidenten münden: "TSS - Tout sauf Sarkozy (Alles, nur nicht Sarkozy)" heißt das Motto, das die verbreitete Unzufriedenheit bündelt und Hollande zum Sieg verhelfen könnte. "Beim ersten Wahlgang folgt man seinem Herzenswunsch", so Pierre Moscovici, Wahlkampfleiter von François Hollande, "am 6. Mai entscheidet die rationale Auswahl."