25.04.2012
Siege für US-Republikaner Mitt Romney
Und sie lieben ihn doch!
Von Sebastian Fischer, WashingtonDer Mann hat gerade fünf Wahlen auf einen Streich gewonnen. Es ist also ein großer Moment. Aber Mitt Romney lädt keineswegs zur Siegerparty. Nicht in Pennsylvania, wo er 58 Prozent geholt hat; nicht in New York, wo er auf 62 Prozent kommt. Und auch nicht in Connecticut (67 Prozent), Delaware (57) oder Rhode Island (63).
Nein, Mitt Romney tritt im Ostküstenstaat New Hampshire vor seine Anhänger. Denn dem Multimillionär und Fünffachsieger des Abends geht es schon längst nicht mehr um die republikanischen Vorwahlen. Romney geht es um den Zweikampf mit Präsident Barack Obama.
Deshalb ist er nach New Hampshire gekommen, einem sogenannten Swing State. Hier wählen sie mal demokratisch, mal republikanisch. Will Romney im Herbst Obama schlagen, dann sollte er New Hampshire gewinnen. Also los. "Ein besseres Amerika beginnt an diesem Abend", steht vorne auf seinem Rednerpult. Das ist die Kampfansage: Der parteiinterne Kampf um die Kandidatur ist vorbei - auch wenn Newt Gingrich sowie Ron Paul pro forma weiter im Rennen sind. Romney benötigt noch ein paar hundert Stimmen, um die Kandidatur sicher zu haben.
Lange haben sich die Republikaner geziert, Romney zu ihrem Kandidaten zu küren. Doch jetzt - das zeigen die 57-Prozent-plus-X-Ergebnisse vom Dienstag - sammeln sie sich hinter ihrem Kandidaten. Gingrich hat angekündigt, seine Kandidatur zu überdenken, lange wird er nicht mehr durchhalten. Für Romney also geht es ab jetzt gegen Obama.
Und so ruft der Ex-Gouverneur von Massachusetts, noch etwas steif, den jubelnden Republikanern in New Hampshire zu: "Nach 43 Vorwahlen kann ich mit Überzeugung und Dankbarkeit sagen, dass Ihr mir eine große Ehre habt zuteil werden lassen, mir große Verantwortung übertragen habt." Gemeinsam werde man im November Obama schlagen. Es ist eine mehr als solide Rede, die Romney da abliefert. Vorbei die Zeiten, in denen er sich im internen Republikaner-Ringen mit den einstigen Rivalen einen Wettbewerb um die stärksten Rechtsaußen-Sprüche gegen Immigranten, gegen Homosexuelle, gegen Verhütungsmittel oder andere Selbstverständlichkeiten der Gegenwart lieferte.
Romney müht sich jetzt um all jene, die er während seines Rechtsrucks im Republikaner-Wahlkampf verprellt hat: die Latinos; die Frauen; die parteiunabhängigen Wähler. Er versucht es mit der Wirtschaftspolitik, dem einzigen Themengebiet, bei dem der selbsterklärte "Businessman" in Umfragen vor Obama liegt.
Der Präsident werde "einen Wahlkampf voller Ablenkung und Verzerrung" führen, aber es gehe "noch immer um die Wirtschaft, wir sind nicht dumm", ruft Romney. Ihm schmerze das Herz, wenn er die Millionen Amerikaner ohne Arbeit sehe, sagt der Mann, der noch vor einigen Wochen leicht missverständlich bemerkte, er feuere gern Leute. Heute sagt er: "Die Armut wird besiegt werden." Ein ziemlich großes Versprechen.
Wenn schon nicht Kumpeltyp, dann wenigstens Problemlöser
Es ist offensichtlich: Der 65-Jährige braucht nun ein paar zündende, konkrete Wahlkampf-Hits. In einer aktuellen Umfrage liegt Romney mit 42 zu 49 Prozent hinter Obama. Insbesondere mit Blick auf die Sympathiewerte kommt er bisher nicht an den Amtsinhaber ran. Das "Wall Street Journal" konstatierte jüngst eine "Sympathie-Lücke" für Romney: Einer Erhebung der Zeitung zufolge liegt Romney mit 18 zu 54 Prozent in diesem Bereich mehr als deutlich hinter Obama.
Was tun? Er werde in nächster Zeit viel über sich reden, kündigt Romney am Dienstagabend in New Hampshire an: Über seine Frau, über die Söhne und Enkel. Auch über seinen Vater, den moderaten Republikaner George Romney, der es bis zum Gouverneur von Michigan brachte. Tja, und die Zuhörer hätten ja auch sicher schon gehört, dass er, Mitt, recht erfolgreich gewesen sei in Geschäftsdingen. Ja, dieses Gerücht sei richtig. Es ist der Versuch, sich als der Mann der Zeit zu inszenieren, als Problemlöser. Wenn schon nicht der Kumpeltyp - wie einst George W. Bush - dann doch der Typ, der die Sache regelt.
Romneys radikale Kurskorrektur
Und, natürlich, der Mann der Mitte. Das meint Romney, wenn er sagt, dieser Dienstag markiere den "Start einer neuen Kampagne". Um die Peinlichkeiten des Republikaner-Rennens vergessen zu machen, schwenkt Romney nun Stück für Stück um. Zum Beispiel beim Thema Immigration. Bei den TV-Debatten in den vergangenen Monaten erweckte er noch den Eindruck, er wolle jeden Illegalen so schnell wie möglich aus dem Land werfen. Nun zeigt er sich mit Floridas Senator Marco Rubio, einem 40-jährigen Republikaner-Star mit kubanischen Wurzeln.
Für dessen Vorschlag, illegalen Immigranten Visa zu geben, mit denen sie bleiben und in den USA studieren können, ohne Staatsbürger zu werden, hat Romney inzwischen Sympathie erkennen lassen. Das befördert gleichzeitig die Spekulationen, er könne Rubio womöglich zu seinem Vizepräsidenten-Kandidaten bestimmen.
Weiteres Beispiel: Studentenkredite. Wenn der Kongress nicht eine Ausnahmeregelung beschließt, wird deren Zinsrate von 3,4 auf 6,8 Prozent steigen. Die Republikaner sind bisher dagegen, obwohl nahezu 40 Millionen Amerikaner betroffen sind, die ihre Kredite noch nicht zurückgezahlt haben. Und während Obama versucht die drohende Zinserhöhung gerade zum Wahlkampfthema zu machen, ist Romney schon eingeschwenkt, hat sich an die Seite des Präsidenten gestellt und einen Fortbestand des niedrigen Zinssatzes gefordert.
Wird Romneys Drang in die Mitte bei den Unabhängigen verfangen? Und wird er die gerade gewonnen Konservativen in den eigenen Reihen dadurch nicht gleich wieder verprellen?
Romney-Camp hofft auf den einstigen Rivalen
Bei letzterer Klientel könnte Romney ein Mann ganz besonders helfen: Rick Santorum. Der vor zwei Wochen aus dem Rennen ausgestiegene Darling der Evangelikalen und radikalen Tea-Party-Party-Bewegten hat noch immer keine Empfehlung für den Favoriten abgegeben.
Im Team Romney werden sie schon nervös, Romney steht längst für ein persönliches Treffen mit Santorum bereit. Wie stark dessen Einfluss ist, zeigte sich auch am Primary-Ergebnis von Pennsylvania: Obwohl aus dem Rennen, landete Santorum in seinem Heimatstaat hinter Romney mit gut 18 Prozent auf dem zweiten Platz.
Noch am selben Abend trat er mit Gattin Karen in einer CNN-Talkshow auf. Ob er denn jetzt endlich die Wahl Romneys empfehlen werde, fragte da Gastgeber Piers Morgan. Es sei doch klar, dass Romney der Nominierte sein werde, entgegnete Santorum. Er selbst sei zwar der bessere Kandidat gewesen, aber nun sei doch ebenso klar, dass er am Ende den Kandidaten der Republikaner unterstützen werde. Also Romney? "Nicht jetzt", ging da Ehefrau Karen dazwischen. Und Santorum grinste.
Es wird wohl noch ein paar Tage dauern.