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03.05.2012
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Chinesischer Aktivist Chen

"Du hast zu viele Opfer gebracht"

Von Andreas Lorenz
Foto: REUTERS/ US Embassy

Ein einzelner Aktivist hat es geschafft, China und die USA gegeneinander auszuspielen. Was wird mit dem blinden Menschenrechtler Chen? Vieles spricht dafür, dass Peking den unliebsamen Kritiker ins Ausland ziehen lässt. Aber der Machtkampf in der KP macht den Fall unberechenbar.

Der Fall hat alle Zutaten für einen politischen Kriminalroman à la John le Carré: finstere Gesellen und eine blinde Lichtgestalt, eine nächtliche Flucht über die Mauer, selbstlose Helfer, hilflose Diplomaten, Verfolgungsjagden in den Straßen Pekings. Hinzu kommen die Politiker zweier Großmächte: Alle stehen unter innenpolitischem Druck, alle scheinen genervt und ein wenig überfordert.

Leider ist das Ende noch nicht absehbar. Wird der Held davonkommen, oder wird er wieder in der Dunkelheit der chinesischen Provinz verschwinden? Dieser Krimi ist derzeit bittere Wirklichkeit in Chinas Hauptstadt. Der Hauptakteur, der blinde Aktivist Chen Guangchen, der vorige Woche aus dem Hausarrest in seiner ostchinesischen Heimatprovinz Shandong entwichen war und Schutz in der US-Botschaft gesucht hatte, hat es sich überlegt: Entgegen seines ursprünglichen Plans, in China zu bleiben, möchte er nun in die USA ausreisen - am liebsten sofort, im Flugzeug von Außenministerin Hillary Clinton.

Grund seines Sinneswandels: Chens Frau und Freunde haben ihn in den letzten Stunden davon überzeugt, dass er in China keine Zukunft hat. Sein Freund, der Anwalt Teng Biao, formulierte es in einem Telefonat mit ihm gestern präzise: "Wir verstehen, dass Du nicht weg möchtest, dass Du hier bleiben willst, um etwas zu tun. Aber Du musst begreifen, dass Du nichts tun kannst, wenn Du hier bleibst... Dir werden überall Steine im Weg liegen."

Chen hatte nach seiner abenteuerlichen Flucht, bei der er, wie er berichtete, immer wieder stürzte, am Mittwoch die US-Botschaft verlassen, um seinen gebrochenen Fuß im Hospital des Pekinger Chaoyang-Bezirks behandeln zu lassen. Die chinesischen Behörden sollen ihm versprochen haben, er bleibe unbehelligt und dürfe sogar an der Universität Jura studieren - der Ausdruck "Barfußanwalt", unter dem Chen in China auch bekannt ist, bezeichnet nämlich juristische Autodidakten, die sich für Menschenrechte engagieren. In den Verhandlungen zwischen Chinesen und Amerikanern soll sogar schon der Studienort festgestanden haben: die Hafenstadt Tianjin.

Plötzlich waren die amerikanischen Begleiter verschwunden

Im Krankenhaus traf Chen Frau und Tochter. Im Laufe des Tages stellte er aber fest, dass US-Diplomaten, die ursprünglich versprochen hatten, ihn ständig zu begleiten, verschwunden waren. In einem Interview mit dem Nachrichtensender CNN äußerte er sich "enttäuscht" über das Verhalten der Amerikaner.

Peking und Washington stecken damit in einer diplomatischen Krise. Dabei ist Chen kein Einzelfall. Dutzende von Kritikern und Bürgerrechtlern werden in China rechtswidrig festgehalten, verschleppt, bedroht, in einigen Fällen gefoltert.

Der Blinde hatte allerdings das Glück, dass amerikanische Juristen auf sein Schicksal aufmerksam wurden. So setzte sich der renommierte Anwalt und China-Spezialist Jerome Cohen in den vergangenen Jahren immer wieder für ihn ein. Zuletzt versuchte der britische Schauspieler Christian Bale, in Chens Dorf Dongshigu zu reisen. Gedungene Schläger fingen ihn ab und bedrohten ihn - wie schon zuvor Journalisten und sogar EU-Diplomaten.

FOTOSTRECKE

Streit der Diplomaten: Der Fall Chen Guangchen
Chen hilft es auch, dass er sich in einer Sache engagierte, die nicht nur die chinesische, sondern auch die amerikanische Öffentlichkeit aufwühlt: Er wehrte sich gegen Zwangsabtreibungen und Zwangssterilisationen in seiner Heimat, mit denen lokale Funktionäre Frauen quälten, die angeblich gegen die staatlich verordnete Ein-Kind-Politik verstießen.

Unklar ist, ob die chinesische Regierung Chen ziehen lässt. Die Faktenlage ist kompliziert:

Die chinesische Regierung dürfte daran interessiert sein, das Problem so schnell wie möglich zu lösen. Der Schaden für das Ansehen Pekings ist schon jetzt enorm. Die KP weiß aus Erfahrung: Regierungskritiker sind im Ausland oft wirkungslos. Sie verlieren in der Ferne an Einfluss und geraten meist untereinander in Streit. Deshalb wäre es klug, ihn reisen zu lassen.

Doch noch ist ungewiss, wie sich die Mächtigen in Peking entscheiden. Denn ausgerechnet wenige Monate vor dem 18. Parteitag scheinen zwei Kräfte innerhalb der KP aufeinanderzuprallen, deren Standpunkte unvereinbar sind:

Staats- und Parteichef Hu Jintao und das für die Polizei und den Sicherheitsapparat zuständige Mitglied des Politbüros, Zhou Youngkang, gehören offenbar der zweiten Gruppe an. Zhou soll den Hausarrest Chens angeordnet haben. Premierminister Wen Jiabao zählt hingegen zu den Neuerern. Allerdings hat er seinen Rufen nach Reformen bislang nie Taten folgen lassen - und die Behandlung Chens und seiner Familie hingenommen.

Ob und wie die KP den internen Konflikt lösen wird, ist unklar. Doch Chens Schicksal wirft ein Schlaglicht auf die anderen Bürgerrechtler, die es bislang nicht aufgegeben haben, für ein gerechteres China zu kämpfen: Da ist etwa der Pekinger Rechtsanwalt Teng Biao, der Chen geraten hat, ins Ausland zu gehen.

Teng selbst kennt die Häscher zur Genüge, wochenlang war er in ihrer Gewalt, lange hat er danach geschwiegen. Nun riet er seinem Kollegen in dem Telefonat: "Du hast zu viele Opfer gebracht." Und er solle nicht vergessen: "Ihre Methoden sind sehr grausam, unerträglich. Die Regierung hasst dich."

Forum

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insgesamt 34 Beiträge
1.
glen13 03.05.2012
Nein, das ist KEIN Krimi von LeCarre, wie der Autor vermutet. Das ist ein Groschenroman. Was baut die Presse hier für einen Popanz auf? Wie bei Al Weiwei kennt auch diesen Menschen niemand in China und hier wird so getan, als [...]
Zitat von sysopEin einzelner Aktivist hat es geschafft, China und die USA gegeneinander auszuspielen. Was wird mit dem blinden Menschenrechtler Chen? Vieles spricht dafür, dass Peking den unliebsamen Kritiker ins Ausland ziehen lässt. Aber der Machtkampf in der KP macht den Fall unberechenbar. Blinder Aktivist Chen: KP in China berät über Schicksal - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,831149,00.html)
Nein, das ist KEIN Krimi von LeCarre, wie der Autor vermutet. Das ist ein Groschenroman. Was baut die Presse hier für einen Popanz auf? Wie bei Al Weiwei kennt auch diesen Menschen niemand in China und hier wird so getan, als sei er die Rettung Asiens. Für wie blöd werden wir eigentlich gehalten?
2. Chinas Brutalo Regime ächten
Why-not? 03.05.2012
Genau das ist ja das Problem. Das chinesische Regime versucht alles, seine brutalen Menschenrechtsverstöße nicht in die Öffentlichkeit kommen zu lassen, damit es sein schmutziges Spiel aus Machtmissbrauch, brutaler [...]
Zitat von glen13Nein, das ist KEIN Krimi von LeCarre, wie der Autor vermutet. Das ist ein Groschenroman. Was baut die Presse hier für einen Popanz auf? Wie bei Al Weiwei kennt auch diesen Menschen niemand in China...
Genau das ist ja das Problem. Das chinesische Regime versucht alles, seine brutalen Menschenrechtsverstöße nicht in die Öffentlichkeit kommen zu lassen, damit es sein schmutziges Spiel aus Machtmissbrauch, brutaler Unterdrückung Andersdenkender und körperlichen Misshandlungen der übelsten Art im Geheimen weitertreiben kann. Deswegen ist es auch richtig, diese Unterdrücker-Politik immer wieder zu ächten und anzuprangern. Genau das ist es, was die eingekerkerten und misshandelten Dissidenten später immer wieder gesagt haben: Die Einmischung des Auslandes war für uns die größte und wirksamste Hilfe.
3. So, wie bei und von Timoschenko..
Baikal 03.05.2012
.. denn der Feind deines Feindes ist eben dein Freund. Demokratie ist, wenn nur im eigenen Land betrogen werden darf, Guantanamo in den USA etwa ist natürlich kein Fall für Gauckler und ähnliche Kurzsichtige.
Zitat von glen13Nein, das ist KEIN Krimi von LeCarre, wie der Autor vermutet. Das ist ein Groschenroman. Was baut die Presse hier für einen Popanz auf? Wie bei Al Weiwei kennt auch diesen Menschen niemand in China und hier wird so getan, als sei er die Rettung Asiens. Für wie blöd werden wir eigentlich gehalten?
.. denn der Feind deines Feindes ist eben dein Freund. Demokratie ist, wenn nur im eigenen Land betrogen werden darf, Guantanamo in den USA etwa ist natürlich kein Fall für Gauckler und ähnliche Kurzsichtige.
4. Ich hab da was verpasst...
HeisseLuft 03.05.2012
... wo steht gleich noch mal er sei die Rettung Asiens? Für das mit dem wie blöd gibt es eine passende Antwort, die ich mir jetzt schenke.
Zitat von glen13Nein, das ist KEIN Krimi von LeCarre, wie der Autor vermutet. Das ist ein Groschenroman. Was baut die Presse hier für einen Popanz auf? Wie bei Al Weiwei kennt auch diesen Menschen niemand in China und hier wird so getan, als sei er die Rettung Asiens. Für wie blöd werden wir eigentlich gehalten?
... wo steht gleich noch mal er sei die Rettung Asiens? Für das mit dem wie blöd gibt es eine passende Antwort, die ich mir jetzt schenke.
5.
Why-not? 03.05.2012
Guantanamo war und ist falsch und gehört kritisiert. Das hier ist allerdings ein Artikel über CHINA. Und die Existenz von Guantanamo macht die chinesische Unterdrückung keinen Deut besser.
Zitat von Baikal.. denn der Feind deines Feindes ist eben dein Freund. Demokratie ist, wenn nur im eigenen Land betrogen werden darf, Guantanamo in den USA etwa ist natürlich kein Fall für Gauckler und ähnliche Kurzsichtige.
Guantanamo war und ist falsch und gehört kritisiert. Das hier ist allerdings ein Artikel über CHINA. Und die Existenz von Guantanamo macht die chinesische Unterdrückung keinen Deut besser.

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