12.05.2012
Sarkozys Zukunft
"Sie werden noch von mir hören"
Von Stefan Simons, Paris
Frankreichs abgewählter Präsident Sarkozy: Zwangspensionär mit 57 Jahren?
"Kohle machen." So krude wie ehrlich war das Geständnis von Nicolas Sarkozy. "Ich mach das hier fünf Jahre", hatte er seinerzeit über den zeitlichen Horizont seines politischen Ehrgeizes verlauten lassen, "und dann mache ich Kohle."
Das war 2006. Doch nach dem Wahlsieg bekam der Staatschef, der seit frühester Jugend Lebensplanung und Karriere auf den Job an der Spitze der Republik ausgerichtete hatte, Lust auf mehr. Immerhin ging es um die Zukunft Frankreichs, um Visionen für Europa. Der hyperaktive Präsident, der mit seiner Hektik Freund und Feind überraschte, Volk und Medien in Atem hielt, schaffte sich durch seine Amtszeit mit der Energie eines gedopten Hochleistungssportlers.
Aussteigen nach fünf Jahren? Ausgeschlossen. Im Gegenteil, eine zweite Runde im Elysée war nötig, um die Projekte abzuwickeln, für die die Zeit zwischen 2007 und 2012 nicht gereicht hatte.
"Ich liebe Euch"
Also noch einmal Wahlkampf, eine Parforcetour quer durch Frankreich, ein, zwei Auftritte pro Tag, Reden vom Blatt oder aus dem Stegreif, ein Gewichtsverlust von bis zu 1,5 Kilo pro Ansprache. "Ich gebe alles", sagte Sarkozy. Er verlor trotzdem. Und war schon knapp 30 Minuten nach der Niederlage auf dem Weg zu seiner Abschiedsrede an "das ewige Frankreich". "Ich liebe Euch", rief er seinen weinenden Fans zu und gelobte den Abschied aus der Politik "nach 35 Jahren politischer Mandate und zehn Jahren, während denen ich jede Sekunde für Regierungsverantwortung auf höchstem Niveau gelebt habe".
Sarkozy als Aussteiger? Der Ex-Präsident als Polit-Rentner? Ein Zwangspensionär mit 57 Jahren?
Eine Vision, die unter Franzosen nicht so recht verfangen mag. "Ich glaube nicht daran", gab Roselyne Bachelot zu Protokoll. Der Vollblutpolitiker werde früher oder später wieder aktiv werden, versicherte die Ex-Ministerin. "Das liegt in seinem Naturell."
Dabei hatte Ehefrau Carla erst unlängst beschrieben, wie sie sich die gemeinsame Zukunft mit Nicolas vorstellt. "Wenn er verliert, wird er die Politik verlassen. Das erscheint mir ziemlich logisch. Was sollte er denn tun? Nach Präsident der Republik kann er doch nicht Minister werden. Ich glaube, er wird zu seinem ersten Beruf zurückkehren, als Anwalt arbeiten."
Nicht vor Gericht, sondern in Zivil- oder Strafsachen. Auch nicht als Chef des Privatsenders TF1, wie Danny Cohn-Bendit von den Grünen nicht ganz ernst empfahl. Eher als Geschäftsanwalt mit lukrativen Aufsichtsratsmandaten, wo Ex-Promis dank ihrer puren Präsenz und ihrem Adressbuch mit satten Apanagen rechnen dürfen. "Ich bin Anwalt, ich hatte immer eine Kanzlei und ich bin von so vielen Dingen begeistert. Jedenfalls werde ich mein Leben völlig umkrempeln", vertraute er Journalisten an. "Sie werden noch von mir hören."
Eine ganze Latte rechtlicher Nachstellungen
Keine Drohung. Vielleicht einfach nur eine realistische Einschätzung. Von seinen Parteifreunden als "in der Geschichte außergewöhnlicher Staatsmann" gerühmt, stehen Sarkozy ohne den Schutz der präsidialen Immunität eine Reihe rechtlicher Nachstellungen ins Haus - wegen Vorwürfen, die weit in seine politische Karriere zurückreichen.
Vielleicht sind diese Verwicklungen auch der eigentliche Grund, dass der Ex-Staatschef mit der Politik abgeschlossen hat. Das Volk hat den Falschen gewählt, und Kärrnerarbeit für die konservative Basis der UMP liegt ihm einfach nicht mehr. "Soll ich etwa die Parteiarbeit fördern helfen?", mokierte er sich Anfang des Jahres, "da ziehe ich den Rückzug ins Kloster vor, da jedenfalls gibt es noch Hoffnung."
Was denn, Angst vor der Leere nach dem Dauerstress im Präsidentenjob? Nein, kein Problem. Denn Nicolas wird, wie er bei der Abschiedsrede sagte, erst einmal "ein Franzose wie die anderen" - eine Aussicht, der seine "Carlita" mit Freude entgegenblickt. "Es gibt dann eine Rückkehr zu einem normalen Leben", sagt die geborene Aristokratin und hofft auf idyllisches Privatisieren in ihrem Pariser Stadtpalais.
Familie Sarkozy ("Wir sind bescheidene Leute, wir essen oft Nudeln") hat dann endlich mehr voneinander: "Meine Arbeit als Musikerin nehme ich so oder so wieder auf. Für mich wird sich nicht viel ändern." Also Zweisamkeit mit Töchterchen Giulia und nach dem Abendessen eine DVD. "Wir sind dann tagsüber und abends zusammen. Nein, das beunruhigt mich nicht. Wir haben ein ruhiges, banales Familienleben. Für mich ist das das richtige Leben."
Aber auch für den - vorübergehend - arbeitslosen Nicolas? "Ja, ich höre auf, ich werde was anderes machen," sagt er vor zwei Wochen, "nur was, das weiß ich noch nicht."
Bleibt immer noch der Traum von 2006: "Kohle machen."