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15.05.2012
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Amtseinführung in Paris

Stresstest für Hollande

Von Stefan Simons, Paris
Frankreichs neuer Präsident Hollande: Politischer Marathon direkt nach der Wahl
REUTERS

Frankreichs neuer Präsident Hollande: Politischer Marathon direkt nach der Wahl

Kaum im Amt, läuft Frankreichs Präsident die Zeit davon. François Hollande muss ein Kabinett zusammenstellen, er will Ministergehälter kürzen, Stammwähler pflegen und in Berlin beeindrucken. Schon Anfang Juni sind Parlamentswahlen - bis dahin brauchen seine Sozialisten Erfolge.

Die feierliche Investitur im Eysée kommt noch in gemessener Choreografie daher, die Etikette zur Ernennung des Präsidenten der V. Republik folgt den Traditionen eines monarchisch anmutenden Protokolls.

Im Ehrenhof des Elysée grüßt der angehende Staatschef eine militärische Ehrenformation mit blitzenden Helmen und gezücktem Säbel. Von seinem Amtsvorgänger Nicolas Sarkozy erhält François Hollande bei einem kurzen Plausch den Code für Frankreichs Atomarsenal und unterschreibt im Festsaal das Protokoll der Bestallungsurkunde. Anschließend empfängt der Präsident die Honneurs der Ehrenlegion, hält seine Antrittsrede, es folgen Marseillaise, Kanonensalut, die erste Ansprache des neuen Präsidenten.

Doch kurz darauf wird es schon hektisch: Die 21 Böller markieren den Start zu einem innen- und außenpolitischen Marathon - G8, G20, Nato-Gipfel. Am Nachmittag bleibt noch etwas Zeit für symbolträchtige Gesten und die Berufung des Ministerpräsidenten, bevor Hollande am Abend zum ersten Höflichkeitsbesuch nach Berlin fliegt und - möglicherweise - dem ersten Schlagabtausch mit Kanzlerin Merkel.

Denn die Antrittsvisite des Sozialisten, der angekündigt hat, den Fiskalpakt um ein Wachstumskapitel zu erweitern, könnte gleich zur ersten Konfrontation zwischen Paris und Berlin führen. Friedenssignale und gleichzeitig beinharte Forderungen bestimmten das Vorgeplänkel der vergangenen Woche.

Mit raschem Einlenken auf einen Kompromiss wird Hollande sich schwertun. Denn der Sieger von Anfang Mai steht bereits wieder im nächsten Wahlkampf: Am 10. und 17. Juni entscheiden die Franzosen über die Neubesetzung ihrer Nationalversammlung - eine Entscheidung, die für die fünfjährige Amtszeit des Sozialisten von grundlegender Bedeutung ist. Nur mit einer soliden Mehrheit der Sozialistischen Partei (PS) kann der Präsident im Palais Bourbon seine Reformpläne durchsetzen.

Garantiert ist der Erfolg nicht. Bei der Präsidentenwahl schnitt Sarkozy in 244 von 577 Wahlkreisen besser ab als Hollande; in 80 weiteren lag der Sozialist nur um wenige Prozente vor seinem konservativen Kontrahenten. Der Countdown läuft: Um zu punkten, muss Hollande ranklotzen. Die Ressentiments gegen Sarkozy, von denen der Sozialist profitiert hat, muss er jetzt durch Aufbruchstimmung ersetzen. Am Tag nach dem Berlin-Abstecher setzt sich die Maschinerie eines ausgetüftelten Aktionsplans in Bewegung.

Aufräumarbeit mit den Hinterlassenschaften der Ära Sarkozy

Den Auftakt macht die Bestallung einer überzeugenden Kabinettsliste. Die Regierung muss paritätisch besetzt sein von Männern und Frauen; es gilt Rücksicht zu nehmen auf die PS-Granden der Parteihierarchie, die Barone der regionalen Hochburgen, auf alte Weggefährten und neue Seilschaften. Außerdem wollen die grünen Koalitionspartner berücksichtigt werden: Insgesamt ein heikles Austarieren von Interessen, bei der jede Entscheidung Posten, Pfründe und Parteifraktionen berührt.

Danach beginnt die Aufräumarbeit mit den Hinterlassenschaften der Ära Sarkozy, mit denen Hollande zügig seinen Slogan beweisen will: "Der Wechsel beginnt jetzt." Die ersten symbolischen Signale sendet Hollande per Dekret. Er will die Bezüge seiner Minister um 30 Prozent kürzen, die wirtschaftlichen Interessen aller Kabinettsmitglieder werden offengelegt. Nach Sarkozy, der sein monatliches Einkommen um 170 Prozent auf 19.331 Euro angehoben hatte, wird Hollandes Präsidentengehalt auf 13.552 Euros eingedampft. Auch die Bezahlung der Chefposten öffentlicher Unternehmen wird gedeckelt, die Staatsausgaben werden vorübergehend eingefroren.

Schnell und direkt profitieren sollen Familien mit Schulkindern - durch den erhöhten Zuschlag für Lehrmittel. Für junge Leute und Berufsanfänger will der Staat die Kautionszahlung bei Mietverträgen garantieren, das gesetzliche Mindestgehalt wird angehoben. Außerdem werden homosexuelle Paare bald heiraten dürfen, ethnisch motivierte Gesichtskontrollen der Polizei werden unter Strafe gestellt, das Recht auf Sterbehilfe wird neu formuliert. Auch die Restriktionen des Bleiberechts von Auslandsstudenten werden rückgängig gemacht.

"Es gibt keine Schonfrist"

Dann die gesetzliche Kärrnerarbeit: Zur Verhandlung stehen Gesetzesvorhaben für die Aufteilung der Banken in Geschäfts- und Finanzinstitute, die Gründung eines Fonds für Investitionen und die ersten Anordnungen zur Steuerreform. Zugleich will Hollande die Sanierung der Staatsfinanzen in Angriff nehmen. Das aktuelle Zahlenwerk sollen bis zur Sommerpause die Buchprüfer des Rechnungshofs liefern - zusammen mit den aktualisierten Daten für das Wachstum wird sich dann erweisen, was von den Wahlkampfversprechen des Sozialisten übrigbleibt.

Das eigentliche Dilemma für den zweiten sozialistischen Präsidenten der V. Republik, vom Magazine "Marianne" als "François II." apostrophiert, bleibt dabei stets der bevorstehende programmatische Spagat: Wie kann Hollande die Umverteilungsideologie der Sozialisten und den Erhalt der sozialen Leistungen mit dem Abwärtssog von Schulden, Haushaltsdefizit und den Erfordernissen der Globalisierung in Einklang bringen? Und wie die Erfordernisse eines rigorosen Sparplans vereinbaren mit dem nötigen Impuls für nachhaltiges Wachstum?

"Es gibt keine Schonfrist", wusste Benoît Hamon, Kampagnensprecher Hollandes, schon am Abend des 6. Mai. "Der Sieg ist prima. Aber am Morgen danach beginnt der Ärger."

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insgesamt 6 Beiträge
1. Zwei Anmerkungen
seine-et-marnais 15.05.2012
1. Die Deckelung der Gehaelter der Chefposten in oeffentlichen Unternehmen wird so nicht gehen, auf jeden Fall nicht per Dekret. Denn das wuerde als 'Sozialplan' angesehen gegen den die Betroffenen prozessieren koennten, da man [...]
Zitat von sysopKaum im Amt, läuft Frankreichs Präsident die Zeit davon. François Hollande muss ein Kabinett zusammenstellen, er will Ministergehälter kürzen, Stammwähler pflegen und in Berlin beeindrucken. Schon Anfang Juni sind Parlamentswahlen - bis dahin brauchen seine Sozialisten Erfolge. Frankreich: François Hollande braucht vor Parlamentswahl Erfolge - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,833125,00.html)
1. Die Deckelung der Gehaelter der Chefposten in oeffentlichen Unternehmen wird so nicht gehen, auf jeden Fall nicht per Dekret. Denn das wuerde als 'Sozialplan' angesehen gegen den die Betroffenen prozessieren koennten, da man nicht einfach eine Reihe von Arbeitsvertraegen auf diese Weise aendern kann 2. Die Rechnung mit den Anteilen von Sarkozy in den einzelnen Wahlkreisen ist eine Milchmaedchenrechnung und beruht auf den Ergebnissen der 2. Tour der Wahlen zum Praesidenten, also dem Duell Hollande - Sarkozy. Bei den Parlamentswahlen nehmen natuerlich nicht nur PS und UMP teil. Und hier ist die grosse Unbekannte das Abschneiden des FN. Dazu gehoert auch dass ich gestern abend im Fernsehen gesehen habe dass der Vertreter des FN, Phillipot, jetzt per Untertitel Vertreter von 'Bleu Marine' ist, dh der erweiterten Softversion des FN. Wenn es dem FN oder 'Bleu Marine' gelingt in vielen Wahlkreisen 'Triangulaires' (statt zwei bleiben drei Kandidaten zur Stichwahl uebrig) zu erreichen indem sie mehr als 12% der Strimmen der Wahlberechtigten (nicht der Wahlbeteiligten) bekommen, dann wirft das die ganzen oben zitierten Berechnungen ueber den Haufen. Schliesslich hat der PS seine gewonnene Wahl 1997 (Regierung Jospin nach der Parlamentsaufloesung durch Chirac) der Beibehaltung der FN-Kandidaten zu verdanken, die einen Teil der rechten Waehlerstimmen auf sich zogen. 'Teile und herrsche', deshalb hat ja auch Mitterand einstens den FN gefoerdert. Benimmt sich die Bundeskanzlerin Merkel zu harsch, so koennte dies zu einem Solidartitaetseffekt der Waehler mit Hollande, also den PS-, PCF- oder gruenen Kandidaten fuehren, aber auch eine Verhaertung der Rechten bewirken, naemlich weg von der 'europaeisierenden' UMP und hin zum FN. Der Gag waere, nachdem Merkel schon aeusserst erfolgreich dazu beigetragen hat die Wiederwahl Sarkozys zu verhindern, dass sie im zweiten Anlauf gleich die komplette franzoesische Rechte zur Explosion bringt. Das koennte man dann 'deutsche Gruendlichkeit' nennen.
2.
RogerRabit1962 15.05.2012
---Zitat--- Die Regierung muss paritätisch besetzt sein von Männern und Frauen; es gilt Rücksicht zu nehmen auf die PS-Granden der Parteihierarchie, die Barone der regionalen Hochburgen, auf alte Weggefährten und neue [...]
Zitat von sysopKaum im Amt, läuft Frankreichs Präsident die Zeit davon. François Hollande muss ein Kabinett zusammenstellen, er will Ministergehälter kürzen, Stammwähler pflegen und in Berlin beeindrucken. Schon Anfang Juni sind Parlamentswahlen - bis dahin brauchen seine Sozialisten Erfolge. Frankreich: François Hollande braucht vor Parlamentswahl Erfolge - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,833125,00.html)
---Zitat--- Die Regierung muss paritätisch besetzt sein von Männern und Frauen; es gilt Rücksicht zu nehmen auf die PS-Granden der Parteihierarchie, die Barone der regionalen Hochburgen, auf alte Weggefährten und neue Seilschaften. Außerdem wollen die grünen Koalitionspartner berücksichtigt werden: Insgesamt ein heikles Austarieren von Interessen, bei der jede Entscheidung Posten, Pfründe und Parteifraktionen berührt. ---Zitatende--- Selten so schön Politik beschrieben gelesen. Pfründe, Pöstchen, Seilschaften. Die Sache selbst ist eher nebensächlich.
3. Immer noch mehr, als vorher
Hugo55 15.05.2012
Wahrscheinlich lautet die richtige Formulierung, dass H. Sarkozy sein Gehalt auf 170% - also um 70% - erhöht hat (denn sonst hätte er zuvor ja nur etwas über 7.000€/Monat verdient). Dann hätte sein Gehalt vor der Erhöhung [...]
Zitat von sysop... Nach Sarkozy, der sein monatliches Einkommen um 170 Prozent auf 19.331 Euro angehoben hatte, wird Hollandes Präsidentengehalt auf 13.552 Euros eingedampft.... Frankreich: François Hollande braucht vor Parlamentswahl Erfolge - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,833125,00.html)
Wahrscheinlich lautet die richtige Formulierung, dass H. Sarkozy sein Gehalt auf 170% - also um 70% - erhöht hat (denn sonst hätte er zuvor ja nur etwas über 7.000€/Monat verdient). Dann hätte sein Gehalt vor der Erhöhung 11.371€ betragen. Holllande verdient also immer noch mehr, als Sarkozy vor der Gehaltseröhung. Für die 5 Jahre Amtsdauer von Sarkozy wäre das dann ein "Inflationsausgleich" von 3,6% per anno. Merke: auch Sozialisten lieben Geld, nur die Propaganda ist geschickter.
4. Leben wie Gott in Frankreich
solomong. 15.05.2012
schon mal gehört, oder? Das Parlament stimmte heute einer Erhöhung seiner Bezüge um 140 Prozent von monatlich 8300 auf 20.000 Euro zu. Sein Jahresgehalt erhöht sich von 101.500 auf 240.000 Euro. v. Oktober 2007 Frankreich: [...]
Zitat von Hugo55Wahrscheinlich lautet die richtige Formulierung, dass H. Sarkozy sein Gehalt auf 170% - also um 70% - erhöht hat (denn sonst hätte er zuvor ja nur etwas über 7.000€/Monat verdient).
schon mal gehört, oder? Das Parlament stimmte heute einer Erhöhung seiner Bezüge um 140 Prozent von monatlich 8300 auf 20.000 Euro zu. Sein Jahresgehalt erhöht sich von 101.500 auf 240.000 Euro. v. Oktober 2007 Frankreich: Sarkozys Gehalt wird verdoppelt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,514431,00.html) Zusätzlich darf sich Sarkozy zahlreicher Vergünstigungen erfreuen: Kost und Logis, Telefon, Kleidung, Autos oder Ferienhäuser fallen ins Budget des Élysée-Palasts. Auch für die 957 Angestellten, 61 Dienstwagen, sechs Flugzeuge, zehn Residenzen kommt dieser auf - und auch für so manches andere, was der Präsident wohl zum Leben braucht. Was Politiker verdienen - Lohnzettel auf Facebook - Bild 12 - Politik - sueddeutsche.de (http://www.sueddeutsche.de/politik/gehalt-der-staatenlenker-die-portemonnaies-der-politiker-1.394542-12) Bei soviel Annehmlichkeiten vergißt man schonmal die eigentliche Aufgabe als Präsident...; es gilt ständig zu überlegen, was ziehe ich heute an, welchen Jet, welche Karosse, welchen Tross nehme ich und wen könnte ich damit besuchen und beeindrucken. Ob sich das nun ändern wird, ich weiss es nicht.
5. Auch Sozialisten können nicht zaubern
turekat 15.05.2012
Dies sind m.E. die entscheidenden Fragen und zugleich die wesentlichen Probleme, vor denen die französischen Sozialisten stehen, und ich bin sehr gespannt, wie sie diese lösen wollen: Meiner Meinung nach ist das eine nahezu [...]
Zitat von sysopDas eigentliche Dilemma für den zweiten sozialistischen Präsidenten der V. Republik, vom Magazine "Marianne" als "François II." apostrophiert, bleibt dabei stets der bevorstehende programmatische Spagat: Wie kann Hollande die Umverteilungsideologie der Sozialisten und den Erhalt der sozialen Leistungen mit dem Abwärtssog von Schulden, Haushaltsdefizit und den Erfordernissen der Globalisierung in Einklang bringen? Und wie die Erfordernisse eines rigorosen Sparplans vereinbaren mit dem nötigen Impuls für nachhaltiges Wachstum?
Dies sind m.E. die entscheidenden Fragen und zugleich die wesentlichen Probleme, vor denen die französischen Sozialisten stehen, und ich bin sehr gespannt, wie sie diese lösen wollen: Meiner Meinung nach ist das eine nahezu unlösbare Mammutaufgabe in einer Zeit, da die französische Wirtschaft erheblich schwächelt. Diese Reformen auf Pump werden vermutlich die Staatsverschuldung weiter in die Höhe treiben und den Handlungsspielraum künftiger Regierungen weiter einschränken. Hollande sollte sich fragen, warum Deutschland im Gegensatz zu Frankreich wirtschaftlich so erfolgreich ist und die richtigen Schlüsse für seine Politik daraus ziehen. Angesichts der aggressiven Töne von Teilen der franzöischen Sozialisten in Richtung Deutschland bleibt zu hoffen, dass die guten deutsch-franzöischen Beziehungen keinen Schaden erleiden. Von irgendwelchen Wahlgeschenken an Hollande rate ich der Regierung Merkel allerdings ab. Dennoch wünsche ich Hollande viel Glück bei der Bewältigung der anstehenden Probleme. Schon bald wird man wissen, ob er's besser konnte als Sarkozy.

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